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Metropole kurz vorm Niemandsland

Der "Lonely Planet" hat die fünftgrößte Stadt Australiens kürzlich zu den weltweit Top-10-Städten des Jahres 2014 erklärt. Kein Wunder: Denn in der Lifestyle-Metropole wird gerne gefeiert.

Von Andreas Srenk

Adelaide, die Hauptstadt des Bundesstaates South Australia: der Bahnhof mit dem Adelaide Festival Centre.

Adelaide, die Hauptstadt des Bundesstaates South Australia: der Bahnhof mit dem Adelaide Festival Centre.

"Dauert ein bisschen mit der Bedienung", sagt Mike, der Gemüsehändler, und hält ein kleines Schwätzchen mit dem Mann, der aussieht wie der Bruder von Crocodile Dundee. "Thanks bloke", sagt der und nimmt die Tüte mit dem Emu-Fleisch, den abgepackten Witchetty-Maden und einen Karton . Der besteht aus mindestens vier Sixpacks kleiner Flaschen. "Dann viel Spaß bei der Party", ruft Mike dem Mann hinterher. Der wedelt kurz mit den Armen und brummt "Having one with the flies."

Spätestens jetzt ist ein deutscher Besucher mit seinem Schul-Englisch am Ende. Der Gemüsemann klärt mich auf. "Strine" heißt der australische Slang. Fast in jedem gesprochenen Satz finden sich Abkürzungen, vermengt mit Begriffen der Aborigines-Sprache. "Also", sagt Mike "ein Känguru ist ein 'roo', du bist ein 'journo'. Ein 'sickie' ist jemand, der gerne mal 'blau' macht. Aber wenn du 'sicko' sagst, kriegst du was aufs Auge." "" heißt "Perverser".

"Einen mit den Fliegen heben" bedeutet schlicht und ergreifend alleine saufen. Irgendwie bildhaft und prägnant, dieses australische Englisch. Und irgendwie sehenswert, die vielen verschrobenen Charaktere auf dem Fünften Kontinent, von denen es besonders viele in zu geben scheint.

Presswurst und Känguru-Steaks

Ungewöhnlich ist auch das, was in der "Central Market Arcade", dem größten Markt in Adelaide, so alles an den Ständen verkauft wird. Schilder, auf denen "Metzger" oder "Presswurst" steht, weisen auf die zahlreichen deutschen Einwanderer hin, die es in den Bundesstaat South Australia verschlagen hat. Aber dann gibt es da noch die australischen Leckereien, die man "bush tucker" nennt: Känguru-Steaks, Emu-Medaillons, herzhaft-süßlich schmeckende , die man aus den TV-Reportagen "Unterwegs mit Malcolm Douglas" kennt. Oder auch australische Pfefferbeeren, Buschtomaten und Quandongs, eine Pfirsich-Art.

Australien ist speziell - und in Adelaide ist alles noch ein bisschen spezieller. Die fünftgrößte Stadt des Kontinents gilt als Tor zum Hinterland, dem wilden und ungehobelten Outback, wo Farmer und Minenarbeiter wohnen. Adelaide selbst ist eine abgemilderte, verfeinerte Großstadt-Ausgabe dieses Ungehobeltseins. Und manchmal scheint die Stadt - immerhin so groß wie München - selbst nicht genau zu wissen, welche Ausrichtung dominieren soll - die der Millionenstadt oder die des letzten Zivilisationspostens vor der großen gefährlichen Wildnis mit all ihren giftigen Tieren, Dürren, Überflutungen.

Zu Fuß durch die Stadt

Also einigt man sich in Adelaide auf die goldene Mitte. Auf der einen Seite Restaurants wie das "Red Orchre", wo rustikales Busch-Essen serviert wird. Oder die Zentrale der kleinen Ladenkette von RM Williams, wo Outback-Klamotten und andere überlebenswichtige Utensilien verkauft werden, die man da "draußen" so braucht. Auf der anderen Seite die noblen Schickeria-Plätze um die Melbourne Street, wo Galerien, Boutiquen und teure Restaurants auf verwöhnte Städter warten.

Viele der Sehenswürdigkeiten Adelaides schlängeln sich am Fluss Torrens entlang, der die Stadt durchzieht. Die Innenstadt misst nicht mal zwei Quadratkilometer. Für fast alles, was wichtig ist, reichen die eigenen Füße. Hier steht das granitene Parliament House mit der korinthischen Säulenfront, das South Australian Museum mit der weltgrößten Sammlung von Aborigines-Kultur. Das weiße Festival Centre, Herzstück aller kulturellen Ambitionen von South Australia, beherbergt Theater- und Konzertsäle und sieht mit seinen weit heruntergezogenen Dächern aus wie ein nicht ganz zu Ende gebautes Sydney Opera House.

Fringe Festival als Publikumsmagnet

Aber bevor ein zu Besuch weilender "Sydneysider" Witze über das unfertig aussehende Gebäude reißt, sollte er bedenken, dass hier alle zwei Jahre im März das bedeutendste australische Kulturfestival ausgerichtet wird. Das Festival of the Arts und das zeitgleich stattfindende Fringe Festival ziehen mit ihren 500 Veranstaltungen drei Wochen lang eine Million Besucher aus aller Welt an. Dann wird für fast einen Monat die ganze Stadt zur Bühne, vor allem die Gegend um die Rundle Street. Straßenmusiker und Happening-Künstler sorgen für künstlerisch-kreatives Chaos.

Ruhiger geht es im nur wenige Kilometer entfernten Glenelg zu. In Downtown Adelaide besteigt man am Victoria Square die Straßenbahn und ruckelt zwanzig Minuten zum breiten Strand mit den berühmten Sonnenuntergängen. Das Städtchen hat schon bessere Tage erlebt und erinnert an ein angegrautes altjüngferliches englisches Seebad. Allerdings keimt hier und da Hoffnung: Künstler und experimentierfreudige Architekten sorgen ansatzweise für eine Instandsetzung der Häuserfronten.

Eine mulitfunktionale Stadthalle aus den 70er Jahren: das Adelaide Festival Centre und die Southern Plaza.

Eine mulitfunktionale Stadthalle aus den 70er Jahren: das Adelaide Festival Centre und die Southern Plaza.

Das bunte Völkchen, das man in Glenelg findet, ist eine groteske Mischung aus leicht übergewichtigen Fish & Chips essenden oder Eis schleckenden Sonntagsausflüglern, die sich lärmend über die Promenade schieben und blond-gestählten Surfern, die nicht nur ihre Brettkünste auf den hohen Wellen lässig demonstrieren, sondern auch ihre Astralkörper wie auf einem Freiluft-Laufsteg zur Schau stellen.

Bereichert wird das Wochenend-Szenario durch lädierte Smoking-Träger, die auf den zahlreichen Hochzeiten, die hier gefeiert werden, zu tief ins Glas geschaut haben und nicht so recht wissen, wo ihr hilfesuchender Blick dem Magen am ehesten Ruhe und Labsal verschaffen kann.

Ausflüge zu Pinguinen und Weinreben

Wer ein paar zusätzliche Tage in Adelaide einplant, kann eine Reihe von lohnenswerten Ausflügen machen. Zum Beispiel bietet sich ein Zwei-Tage-Trip nach Kangaroo Island im Südwesten an. Australiens drittgrößte Insel - 150 Kilometer lang und 50 Kilometer breit - ist ein Paradies für Tiere: Pinguine, Robben oder die unvermeidlichen Kängurus leben etwa im Flinders Chase National Park ein ruhiges Tierleben.

Eine andere besondere Ausprägung der Natur wartet im eine Autostunde nördlich von Adelaide gelegenen Barossa Valley. Auch wenn man noch nie den Weg aus Europa hierher gefunden hat, liegen Teile des Valley vielleicht im heimischen Weinkeller. Barossa gilt als das Weinanbaugebiet des Fünften Kontinents. 1847 setzte der Schlesier Johann Gramp die ersten Reben in den nährstoffreichen Boden des Tals um den North Para River. Immer mehr Auswanderer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz siedelten sich an und brachten deutschsprachige Kultur- und Lebensart mit. Allein im 19. Jahrhundert strömten etwa 18.000 ins Valley. Also heißen die Weinberge Kaiserstuhl, die Winzerfamilien Henschke, Blass oder Lindemann, die Orte Hahndorf. Es gibt Apfelstrudel, Sauerbraten und Schwarzwälder Kirschtorte.

Backpacker bei der Weinlese

Zwar wird auch in der Nähe von Perth oder nördlich von Sydney Wein angebaut, doch das Barossa Valley produziert den meisten und edelsten Rebensaft. Experten sprechen von etwa 20 Porzent der gesamten Staatsproduktion. Die wellige und hügelige Landschaft ist für den deutschen Betrachter ungewöhnlich. Die steilen Hanglagen von Rhein und Mosel sucht das Auge vergeblich. Und auch die Rebsorten changieren von bekannt (Riesling) über weniger bekannt (Grenache) bis unbekannt (White Frontignac). Auf vielen Flaschenetiketten steht "handpicked" (handgepflückt). "Das haben wir den Rucksacktouristen zu verdanken", lächeln Rick und Eric vom Weingut "Kabminye Wines". Und es stimmt. Viele Backpacker verdienen sich auf ihrem Australien-Trip ein paar Dollar, indem sie bei der Ernte helfen.

Adelaide als Lifestyle-Destination

Doch die Menschen im berühmten Tal - und auch in den Nachbargebieten - denken weiter. "Wir entwickeln uns stetig zu einer Kultur- und Lifestyle-Destination", sagt Maggie Beer. Sie hat einen Gourmetladen in Tanunda, einem der Hauptorte im Barossa Valley. Bei ihr stehen Einheimische wie Touristen Schlange und kaufen handgemachte Marmeladen, Pasteten und Saucen.

Mittlerweile hat sich eine beachtliche Zahl von Design- und Boutique-Hotels angesiedelt, werden Restaurants, Gourmetshops und Kunstgalerien eröffnet, gibt es Musikfestivals. Die Philosophie, die dahinter steht, soll wohl heißen: Liebe Leute, ihr könnt gerne in Adelaide mit dem Flugzeug landen und euch mal ein paar staubig-heiße Tage im Outback gönnen. Aber danach schlägt unsere Stunde.

Weitere Infos:

http://de.southaustralia.com
www.cityofadelaide.com.au
www.samuseum.sa.gov.au
www.adelaidefestival.com.au