Die beste Stadt der Welt

Wie lebt es sich in der lebenswertesten Stadt der Welt? Wir haben es getestet und uns in Melbourne umgeschaut. Selbst dort gibt es jammernde Bürger - nicht nur wegen des Wetters. Von Brigitte Zander

Oberbürgermeister Robert Doyle ist "absolut begeistert", dass er nun zu Recht behaupten kann: "Melbourne ist die beste Stadt der Welt". Das Institut Economist Intelligence Unit (EIU) hat seine Stadt zur Nummer eins auf dem Globus gekürt. Aber ein bisschen überrascht ist er schon über diese Wahl, denn viele Bürger jammern über wachsende Kriminalität, steigenden Preise und Verspätungen im öffentlichen Nahverkehr. Egal, "im Vergleich zum Rest der Welt sind wir die lebenswerteste Metropole", trumpfte er im Interview mit der Zeitung "The Age" auf.

Anderswo muss alles schlimmer sein. Die Analysten der EIU, einem Forschungsinstitut der Mediengruppe "The Economist", haben 140 Städte nach über 30 Kriterien wie Kultur-, Bildungs- und Sportangebote, Umwelt, Infrastruktur, politische sowie soziale Stabilität, Bevölkerungsdichte, innerstädtische Grünflächen, internationalität und Unterhaltung bewertet. Keine deutsche Stadt schaffte es unter die ersten zehn.

Melbourne steht nicht mehr im Schatten Sydneys

Man sollte Melbourne den Sieg gönnen. Jahrzehntelang hinkte die zweitgrößte Stadt Australiens hinter dem brillierenden Sydney mit seinem Hafenflair und dem fotogenem Opernhaus her. Melbourne galt dagegen als provinziell, brav und langweilig und wenig attraktiv. Der Konkurrenzkampf spornte Stadtplaner, Architekten und Touristikmanager in Victoria mächtig an. Sie bauten eine quirlige Promenade mit einem luxuriösen Crown Casino, einem der größten Spielkasinos der Welt, und ein neues Shopping-Restaurant-Quartier in den bis dato vergammelten Docklands.

Die "Melbourne Theatre Company", das Ballett, die zwei großen Musical-Häuser, das bunte Programm der vielen kleinen Bühnen und die lebendige Gallerie-Szene begründen den heutigen Ruf Melbournes als Kulturmetropole des Kontinents. Die internationalen Ausstellungen in der ehrwürdigen National Gallery sorgen immer für lange Besucherschlangen. Über 200.000 Zuschauer bewunderten im vergangenen Jahr dort die Sonderausstellung des Frankfurter Städel-Museum.

Für eine kreative Mixture aus Kunst, Kultur, Entertainment steht der moderne Kulturbunker auf dem Federation Square, dessen wirre Dreiecks-Fassaden irgendwie halbfertig aussehen. Davor findet "Barfuß-Kultur" zum Zuschauen statt: Die meisten Besucher schnappen sich einen Café-Stuhl oder setzen sich auf die Stufen und genießen das Defilee der Straßenkünstler, Musikbands und Globetrotter.

Stadterkundung ohne Auto

Praktischerweise liegt die Touristikzentrale gleich nebenan und funktioniert reibungslos. Eine Nummer ziehen, und schon nach kurzer Wartezeit bekommt man Broschüren und kompetente Ratschläge, um - mit oder ohne Führer - die australische Trendmetropole zu erkunden: die feinen Läden rund um Chapel Street und Toorak Road, die glitzernden historische Arkaden, Chinatown, das Greek Quarter, Little Vietnam, das lässige Universitätsviertel im Norden, den beliebten Queen Victoria Markt mit seinem üppigen Angeboten an Delikatessen, Klamotten sowie Souvenirs oder die versteckten kleinen Gassen, die "Lanes". An deren Hauswänden haben sich die besten Graffiti-Künstler verewigt - und wurden für die bunte Sprüherei sogar von einer städtischen Kunstkommission ausgezeichnet.

Das Auto ist für Entdeckertouren ungeeignet. Schon wegen der horrenden Parkgebühren. Weil das U-Bahn-Angebot ziemlich kärglich ist, startet man besser zu Fuß, mit dem Fahrrrad oder nutzt das beachtliche Trambahn-Netz. Einige Linien führen ohne Umsteigen fast quer durch die 3,6-Millionen-Metropole. Zum Beispiel die Linie 96, die vom Multi-Kulti-Viertel Fitzroy im Norden bis zum Strand des gemütlichen Hafenviertels St. Kilda rollen. Und ganz kostenlos kurvt die "Free City Circle Tram" tagsüber rund um die Innenstadt. Man kann beliebig aus- und einsteigen, angeregt von einer Tonbandstimme, die an jeder Station auf die nächsten Sehenswürdigkeiten hinweist.

Vier Jahreszeiten an einem Tag

Während die Sydneysider dank ihrer vielen stadtnahen Strände am liebsten in den Meereswellen herumtoben, joggen, walken und radeln die gesundheitsbewußten Melbourner schwitzend durch ihre riesigen Parks. Oder sie rudern über den Yarra. Auch als Eventmetropole für sportliche Großveranstaltungen wie die Australian Open, den Formel-1-Rennzirkus, internationale Golfturniere oder den Reiter-Cup hat sich die Hauptstadt Victorias einen Spitzenplatz erkämpft.

Alles Pluspunkte beim Städte-Ranking. Den größten Nachteil der Stadt haben die "Economist"-Analysten offensichtlich nicht berücksichtigt: das Wetter. Der dauernde Wechsel zwischen eiskalten Winden aus der Antarktis und heißen Wüstenströmungen aus dem Norden, gepaart mit ständigen Schauern, sorgen für schnelle drastische Temperaturwechsel. "Wir haben vier Jahreszeiten am einem Tag", witzeln die Einheimischen. Manche finden das nicht komisch. Der Kölner Lehrer Lutz Fehling, der zunächst nach Melbourne auswanderte, zog wenige Jahre später nach Brisbane ins sonnige Queensland weiter, mit der Erklärung: "Wenn ich Regen liebte, wäre ich in Köln geblieben."

Auch Nachtschwärmer stoßen an Grenzen. Um 22 Uhr schließen die meisten Restaurants, das Zentrum mutiert zur Geisterstadt. Wer die Bar-Geheimtipps nicht kennt oder die Kneipen im italienischen Viertel um die Lygon Street, geht oft nüchtern zu Bett.

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