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Drama vor Traumkulisse

Wracks und Wellen, Tragödien und Traumstrände: Die Great Ocean Road zählt zu den schönsten Naturwundern Australiens und führt zu Orten, an deren sich bis heute kleine und große Dramen ereignen.

Von Brigitte Zander

Traumstraße durch Victoria: Asphaltband entlang der Küste
  Die Great Ocean Road schlängelt sich über 250 Kilometer an der Südküste Victorias entlang. Die schönste Straße Australiens führt zu idyllischen Badebuchten, atemberaubenden Felsklippen, immergrünen Eukalyptuswälder, gemütlichen Ferienorte und meterhohen Surferwellen

Die Great Ocean Road schlängelt sich über 250 Kilometer an der Südküste Victorias entlang. Die schönste Straße Australiens führt zu idyllischen Badebuchten, atemberaubenden Felsklippen, immergrünen Eukalyptuswälder, gemütlichen Ferienorte und meterhohen Surferwellen

Plötzlich steht eine Kängurumutter mit ihrem Nachwuchs in der Bauchfalte vor dem Wohnzimmerfenster. "Das ist Marie", sagt Lizzie Neal. Sie hat das Tier vor drei Jahren als verletztes Joey (Känguru-Baby) bekommen und nach Monaten geheilt wieder in die Wildnis entlassen. An die 400 Koalas, Wallabys, Kängurus, Possums und Vögel hat die junge Frau gesund gepflegt, seitdem sie vor fünf Jahren mit ihrem Mann Shayne das Eco Center im Regenwald der Otways eröffnet hat. Die Naturwissenschaftler päppeln die bei Verkehrsunfällen und Buschfeuer verletzten Tiere aus dem weiten Umkreis auf. "Manchmal hängen bis zu zehn Beutel mit Joeys (Känguru-Babies) am Kamin, die alle vier Stunden per Milchfläschchen gefüttert werden müssen", sagt die blonde Pflegemutter, die ihre Zöglinge oft im Brusttuch herumträgt und alle mit Namen kennt.

Unterdessen führt Shayne die Gäste durch das gebirgige Hinterland der Great Ocean Road. Mammut-Eukalyptuse, dickstämmige Myrtenbuchen, mächtige Bergeschen, Riesenfarne und Orchideen charakterisieren den Nationalpark durch den sich die Great Ocean Road schlängelt. Er zeigt ihnen grasende Kängurus, Ameisenigel, Koalas, die als faule Pelzknäuel in den Astgabeln ihrer Lieblingsbäume vor sich hindösen und nennt das Gezetere und Gekichere der Vögel mit Namen.

13 Jahre Bauzeit

1919 startete die Regierung Victorias den Bau eines 250 Kilometer langen gewundenen Asphaltbandes von Torquay bis nach Warrnambool - der Great Ocean Road. Als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Tausende aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrten Soldaten und verarmte Goldgräber. 13 Jahre dauerte der Bau entlang der unzugänglichen Küste. Damals gab es nur ein paar Fischersiedlungen und abgelegene Farmen. Doch die Küste war berüchtigt; denn Tragödien gehören zur Geschichte des Landstrichs.

Das Schicksal von Eva Carmichael und Tom Pearce ist wohl das bekannteste. Die beiden jungen Briten waren an Bord des Dreimasters „Loch Ard“, der am 1. Juni 1878 nach dreimonatiger Seereise den Melbourner Hafen ansteuerte. Kurz vor dem Ziel zerschellte das Schiff im dichten Nebel an einer Felseninsel. Im Chaos brechender Masten und tosender Wellen klammerte sich der Kajütenjunge Tom an ein gekentertes Rettungsboot und wurde nach stundenlangem Herumtreiben in eine Bucht gespült. Erschöpft auf dem Sand liegend hörte er Hilferufe draußen vom Meer. Tapfer stürzte sich der Junge nochmals in die kalte See und zog die an einem Balken hängende Eva an Land. Zuerst flößte er dem zitternden Mädchen einen ordentlichen Schluck Brandy aus einer angespülten Schnappskiste ein, und kletterte dann die 70 Meter hohe Steilküste hoch, um Hilfe zu holen. Örtliche Zeitungen spekulierten auf ein romantisches Happy End der beiden 18-jährigen Überlebenden. Doch Eva verliebte sich nicht in ihren Helden, kehrte nach Europa zurück. Der fesche braungelockte Schiffsjunge Tom blieb, stieg zum Kapitän auf, und soll zwei weitere Schiffsunglücke überlebt haben.

Gefährliche Brandung

Die "Loch Ard" ist wegen der Beinahe-Romanze das bekannteste von rund 200 Schiffen, die an diesem schroffen Küstenstreifen voll tückischer Riffe südwestlich von Melbourne zerschellten. Das macht etwa ein Wrack pro Kilometer. Tauchkarten verzeichnen die wichtigsten 50 Schoner, Clipper und Briggs, die Menschen, Tiere und Fracht in die neue Welt bringen wollten, aber an dem furchteinflößenden Küstenabschnitt scheiterten. Heute gilt die Straße am Southern Ocean als nach dem Ayers Rock zweitschönstes Naturwahrzeichen von Australien. Die wilde Pracht der Landschaft, die endlose Kette von Badebuchten, die Wellen und die Wracks, ziehen jährlich bis zu zwei Millionen Touristen an. Bus- und Badegäste, Fischer, Wanderer, Surfer, Taucher, Naturfreaks und Tierforscher fasziniert der Mix von Schauer und Schönheit.

Der Kurvenstar beginnt in Torquay, knapp zwei Autostunden von Melbourne entfernt. Ein Mekka der Surfer und der dazugehörigen Industrie. Im australischen Winter - zwischen Juni und Oktober – donnern bis zu fünf Meter hohe Brecher an den legendären Bells Beach, Drehort des Kinoklassikers "Gefährliche Brandung" von 1991 mit Keanu Reeves und Patrick Swayze. Zu Ostern trifft sich hier die hartgesottene internationale Surferelite zu Meisterschaften im Wellenreiten. Wie nervenkitzelnde Wellentunnel und gischtige Dünung aussehen, kann man im kuriosen Surf-World-Museum von Torquay studieren, wo Unmengen von alten Fotos von Surflegenden wie Eddie Aikan, Filme, Plakate und antiken bemalten Brettern mit Autogrammen gehortet sind.

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  Der 160 Jahre alte Leuchtturm am Kap Otway

Der 160 Jahre alte Leuchtturm am Kap Otway

Von hier bis Apollo Bay windet sich die Straße 90 Kilometer direkt am Southern Ocean entlang. Postkarten-Idylle: Schroffe Felsnadeln, pittoreske Gesteinsformationen, sanfte Hügellandschaften, aufgeräumte Marinas, eine Perlenkette von Sandstränden und immer wieder Leuchttürme. Nicht, dass man die Seefahrer ihrem Schicksal vor der gefährlichen Küste überlassen hätte. Auf dem Kap Otway wurde 1848 der erste errichtet. "Was aber wenig nützte", wie der Turmwärter Hugh erzählt. "Auch nach der Inbetriebnahme des Leuchtturms sind noch jede Menge abgesoffen. Kein Wunder bei den dürftigen Navigationsgeräten, dichtem Nebel, und der gefährlichen Strömung da draußen". Gleich in Turmnähe ging "Eric the Red" auf Grund, ein amerikanischer Frachtsegler, der Nachschub für die Goldsucher und reich gewordene Auswanderer brachte. Darunter 24-teiliges Geschirr, Besteck, Porzellandekor und ein Piano.

Betreten auf eigene Gefahr

Die Küstenorte wie Torquay, Anglesea, Lorne oder Apollo Bay sind geschichtsträchtige Etappenziele. Lorne beispielsweise ist ein historischer Badeort mit dem ältesten Seekurhotel Victorias, dem "Grand Pacific". Geblieben ist ein lebendig-lässiges Uferdorf, das mit seinem legendären "Pier to Pub"-Schwimmwettkampf im Guinness-Buch der Rekorde landete. Jeweils am zweiten Wochenende im Januar stürzten sich 4000 Schwimmer am historischen Pier in den kühlen Southern Pacific, um im offenen Meer die 1,2 Kilometer zur Kneipe "Lorne-Hotel" zu kraulen.

Nach dem Regenwald der Otways schraubt sich die Great Ocean Road hinauf zur grandiosen Steilküste mit den legendären zwölf Aposteln. Früher hießen die Kalkstein-Ikonen profan "Die Sau mit ihren Ferkeln". Erst die Tourismusindustrie taufte die Naturkunstwerke biblisch-würdiger auf "Zwölf Apostel". Was diese aber nicht vor der Urgewalt der Elemente rettet. Solange man auch zählt: Von den zwölf Riesen, die im wechselnden Tageslicht sand-, ocker- und aprikopsenfarben glänzen, stehen nur noch sieben. Herandonnernde Brecher nagen unentwegt am Kalkstein. 1990 brach der Mittelteil einer Brückenformation, "London Bridge" genannt, urplötzlich zusammen. Die auf einem Felsdorn im Meer isolierten Besucher mussten per Hubschrauber gerettet werden. "Und in 200 Jahren könnten wegen der Erosion auch die sieben verschwunden sein", prophezeien die amtlichen Apostel-Führer vor Ort.

Auch die Wracks werden weiter im Meeresgrund versinken. Heute machen Tauchunternehmer wie Philipp Iounis in Port Campbell noch gute Geschäfte mit Tauchausflügen zu den nahen Unglücksschiffen. Die "Loch Ard" liegt nur 15 Bootsminuten von der Küste entfernt in 20 Metern Tiefe. Wer hinunterschwimmt, entdeckt auf dem Meeresboden die Umrissen des Rumpfes, Mastteile und Reste der Fracht: Töpfe, Fliesen, Werkzeuge, Flaschen, ein Tintenfass, einen Anker. Der zweite liegt wie eine Trophäe vor dem reich bestückten Schifffahrts-Museum von Port Campbell.

Historie ohne Happy End

Die Endetappe über Warrnambool führt durch wenig aufregendes flaches Farmland. Die größte Stadt an der Great Ocean Road, von den Aborigines einst "Warnimble" genannt ("Jede Menge Wasser"), wurde als Walfangstation gegründet und ist heute eine gute Walbeobachtungsstation. Von Juni bis September kalben die 18 Meter langen Southern-Right-Wale nahe der Bucht und nutzen das seichte Wasser als Kinderstube. Ihre winkenden Flossen sind vom Strand aus gut zu beobachten.

Wie es zur Gründungszeit um 1870 in Warrnambool zuging, spielen kostümierte Bürger jeden Tag in einem Museumsdorf mit 30 Häusern, Leuchtturm und Seglern vor. Höhepunkt der Vergangenheitsschau ist das Film-Laser-Spektakel "Shipwrecked" vor der antiken Hafenkulisse. 70 Minuten lang wird der dramatische Untergang der "Loch Ard" mit Sturmgetöse, Regenprasseln, Salzgeruch, Gischt und Mastenbruch inszeniert. Die Rettung von Eva und Tom natürlich inklusive. Aber auch in diesem Historien-Spektakel gibt es kein Happy End.

Weitere Infos

Dauer:

Die Great Ocean Roadkann man an einem Tag per Bus abfahren. Genießer brauchen zwei bis drei Tage von Torquay bis Port Fairy, einem sehenswerten Fischerhafen im Kolonialstil.

Übernachtung:

Man findet unterwegs eine große Auswahl an Bed&Breakfast-Häusern, kleinen Hotels, Backpacker-Lodges (ab 20 Dollar), Campingplätzen und Edelherbergen.

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