Drama vor Traumkulisse

Wracks und Wellen, Tragödien und Traumstrände: Die Great Ocean Road zählt zu den schönsten Naturwundern Australiens und führt zu Orten, an deren sich bis heute kleine und große Dramen ereignen. Von Brigitte Zander

Plötzlich steht eine Kängurumutter mit ihrem Nachwuchs in der Bauchfalte vor dem Wohnzimmerfenster. "Das ist Marie", sagt Lizzie Neal. Sie hat das Tier vor drei Jahren als verletztes Joey (Känguru-Baby) bekommen und nach Monaten geheilt wieder in die Wildnis entlassen. An die 400 Koalas, Wallabys, Kängurus, Possums und Vögel hat die junge Frau gesund gepflegt, seitdem sie vor fünf Jahren mit ihrem Mann Shayne das Eco Center im Regenwald der Otways eröffnet hat. Die Naturwissenschaftler päppeln die bei Verkehrsunfällen und Buschfeuer verletzten Tiere aus dem weiten Umkreis auf. "Manchmal hängen bis zu zehn Beutel mit Joeys (Känguru-Babies) am Kamin, die alle vier Stunden per Milchfläschchen gefüttert werden müssen", sagt die blonde Pflegemutter, die ihre Zöglinge oft im Brusttuch herumträgt und alle mit Namen kennt.

Unterdessen führt Shayne die Gäste durch das gebirgige Hinterland der Great Ocean Road. Mammut-Eukalyptuse, dickstämmige Myrtenbuchen, mächtige Bergeschen, Riesenfarne und Orchideen charakterisieren den Nationalpark durch den sich die Great Ocean Road schlängelt. Er zeigt ihnen grasende Kängurus, Ameisenigel, Koalas, die als faule Pelzknäuel in den Astgabeln ihrer Lieblingsbäume vor sich hindösen und nennt das Gezetere und Gekichere der Vögel mit Namen.

13 Jahre Bauzeit

1919 startete die Regierung Victorias den Bau eines 250 Kilometer langen gewundenen Asphaltbandes von Torquay bis nach Warrnambool - der Great Ocean Road. Als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Tausende aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrten Soldaten und verarmte Goldgräber. 13 Jahre dauerte der Bau entlang der unzugänglichen Küste. Damals gab es nur ein paar Fischersiedlungen und abgelegene Farmen. Doch die Küste war berüchtigt; denn Tragödien gehören zur Geschichte des Landstrichs.

Das Schicksal von Eva Carmichael und Tom Pearce ist wohl das bekannteste. Die beiden jungen Briten waren an Bord des Dreimasters „Loch Ard“, der am 1. Juni 1878 nach dreimonatiger Seereise den Melbourner Hafen ansteuerte. Kurz vor dem Ziel zerschellte das Schiff im dichten Nebel an einer Felseninsel. Im Chaos brechender Masten und tosender Wellen klammerte sich der Kajütenjunge Tom an ein gekentertes Rettungsboot und wurde nach stundenlangem Herumtreiben in eine Bucht gespült. Erschöpft auf dem Sand liegend hörte er Hilferufe draußen vom Meer. Tapfer stürzte sich der Junge nochmals in die kalte See und zog die an einem Balken hängende Eva an Land. Zuerst flößte er dem zitternden Mädchen einen ordentlichen Schluck Brandy aus einer angespülten Schnappskiste ein, und kletterte dann die 70 Meter hohe Steilküste hoch, um Hilfe zu holen. Örtliche Zeitungen spekulierten auf ein romantisches Happy End der beiden 18-jährigen Überlebenden. Doch Eva verliebte sich nicht in ihren Helden, kehrte nach Europa zurück. Der fesche braungelockte Schiffsjunge Tom blieb, stieg zum Kapitän auf, und soll zwei weitere Schiffsunglücke überlebt haben.

Gefährliche Brandung

Die "Loch Ard" ist wegen der Beinahe-Romanze das bekannteste von rund 200 Schiffen, die an diesem schroffen Küstenstreifen voll tückischer Riffe südwestlich von Melbourne zerschellten. Das macht etwa ein Wrack pro Kilometer. Tauchkarten verzeichnen die wichtigsten 50 Schoner, Clipper und Briggs, die Menschen, Tiere und Fracht in die neue Welt bringen wollten, aber an dem furchteinflößenden Küstenabschnitt scheiterten. Heute gilt die Straße am Southern Ocean als nach dem Ayers Rock zweitschönstes Naturwahrzeichen von Australien. Die wilde Pracht der Landschaft, die endlose Kette von Badebuchten, die Wellen und die Wracks, ziehen jährlich bis zu zwei Millionen Touristen an. Bus- und Badegäste, Fischer, Wanderer, Surfer, Taucher, Naturfreaks und Tierforscher fasziniert der Mix von Schauer und Schönheit.

Der Kurvenstar beginnt in Torquay, knapp zwei Autostunden von Melbourne entfernt. Ein Mekka der Surfer und der dazugehörigen Industrie. Im australischen Winter - zwischen Juni und Oktober – donnern bis zu fünf Meter hohe Brecher an den legendären Bells Beach, Drehort des Kinoklassikers "Gefährliche Brandung" von 1991 mit Keanu Reeves und Patrick Swayze. Zu Ostern trifft sich hier die hartgesottene internationale Surferelite zu Meisterschaften im Wellenreiten. Wie nervenkitzelnde Wellentunnel und gischtige Dünung aussehen, kann man im kuriosen Surf-World-Museum von Torquay studieren, wo Unmengen von alten Fotos von Surflegenden wie Eddie Aikan, Filme, Plakate und antiken bemalten Brettern mit Autogrammen gehortet sind.

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