Drucken | Fenster schließen    

Teufelsritt auf dem Franklin River

Felsen wie aus einem Fantasy-Film und ein furioser Fluss, an dessen Ufer merkwürdige Tiere kreischen: Der Fotograf Lars Schneider erlebte in Tasmaniens Regenwald das Rafting-Abenteuer seines Lebens. Von Lars Schneider

Tasmanien, Australien, Rafting, Hobart

Abfahrt auf dem Franklin River mit Hindernissen: Auch tagsüber bleibt keiner trocken – schuld sind Stromschnellen wie "Nasty Notch".©

Schluchten, Gipfel, Regenwald: Der Franklin River mäandert im Westen der südaustralischen Insel Tasmanien durch eine der letzten fast unberührten Regionen der Erde. Vor rund 30 Jahren machte die abgelegene Wildnis mit ihren einzigartigen Pflanzen und Tieren international Schlagzeilen: Sie drohte Opfer eines Staudamms und überflutet zu werden. Dagegen protestierten Tausende in Tasmanien, viele wurden bei den Aktionen festgenommen. Doch die Rebellen siegten: Die Flusslandschaft ist heute Weltnaturerbe und ein spektakuläres Paddelrevier für Wildwasser-Abenteuer - das des Fotografen Lars Schneider hat acht Tage gedauert.

Tag 0: Ankunft in Hobart

Sonntagabend. Die 212.000 Einwohner der Hauptstadt halten anscheinend wenig von Nachtleben. Die Straßen sind leer. Aber morgen früh beginnt auf dem Franklin River das große Abenteuer, eine der aufregendsten, wildesten Rafting-Touren überhaupt. Matt Barley, einer der Guides, bringt mir einen an den Knien aufgerissenen Neoprenanzug und einen wasserdichten Seesack. "Da muss alles reinpassen, was du in den nächsten neun Tagen brauchst." Allein mein Schlafsack ist halb so groß wie der Beutel. "Alles klar. Kein Problem", antworte ich tapfer.

Tag 1 : Highway bis Junction Camp

Frühstück im "Banjo's" im Zentrum von Hobart. Drei Männer sitzen neben prallgefüllten Seesäcken. Jason, David und Logan kommen aus dem Norden Tasmaniens und erinnern sich noch gut an die Proteste der Umweltaktivisten, die verhindert haben, dass der Franklin River zum Stausee wurde. Insgesamt sind wir acht Rafter und drei Guides, verteilt in zwei Booten.

Drei Stunden lang fahren wir mit drei Kleintransportern und Anhängern nach Westen. Am Fuß einer Brücke des Lyell Highway füllen wir zwei Rafts via Kompressor mit Luft und vertäuen die Ausrüstung: Neben elf Seesäcken und einigen wasserdichten Beuteln sind das sechs 60-Liter-Tonnen mit Lebensmitteln, zwei Kühltruhen und eine Art Munitionsbox.

Die Tour beginnt auf dem Collingwood River, einem der Zuflüsse des Franklin, der im Oberlauf zu flach für Rafts ist. Es sind sieben Kilometer bis zu unserem ersten Camp. Sieben Kilometer, die mich ernüchtern: Statt wilde Stromschnellen abzureiten, müssen wir immer wieder ins Wasser springen und das Schlauchboot über Steine und Stämme zerren. "Das wird im Franklin aber besser", sagt Matt. Er, die drei Tasmanier und ich sind ein Team. Das zweite Raft lenkt Georgia. In ihrem Boot sitzen Gordon und Chantal, ein Paar aus Melbourne, Tobias, mein Reisekumpan aus Deutschland, und Ivan mit dem breiten Kreuz, "Shoulders" genannt.

Unser Lager errichten wir auf einer Sandbank, wo der Collingwood in den Franklin River fließt. Wir spannen das Tarp, eine große Zeltplane, unter der wir Isomatten und Schlafsäcke ausbreiten und die nassen Neoprenanzüge aufhängen. "An den Ufern lassen wir nichts zurück, gar nichts", sagt Matt streng und deutet auf die seltsame Munitionsbox: Sie ist ein "Groover", eine tragbare Toilette.

Tag 2: Junction Camp bis The Irenabyss

Wir treiben durch ein enges Tal, die Ufer sind dicht mit Buschwerk und Bäumen bewachsen: Myrten, Tasmanische Scheinulmen, Teebäume. Der Fluss ist, wenn auch tiefbraun, dennoch durchsichtig. Steine und Pflanzen ziehen unter uns vorbei und Schatten von Fischen. "Die Farbe kommt von den Tanninen", erklärt Matt, den Gerbstoffen aus Baumrinden. "Der helle Schaum ist das Harz der Teebäume." Wie frisch gezapftes Guinness sieht das Wasser manchmal aus.

Keine Straße, keine Ortschaft, kein Feld, kein anderer Mensch. Ein Satelliten-Telefon verbindet uns mit dem Rest der Welt. Nur einen Pfad gibt es auf unserer Route, über den man Verletzte auf dem Landweg evakuieren könnte.

Stromschnellen tragen klangvolle Namen wie "Log Jam" (Baumstamm-Stau) oder "Nasty Notch" (gemeine Kerbe). Sie sind unbefahrbar, und wir wuchten die Rafts, zweimal 400 Kilogramm, über einen garagengroßen Felsblock.

Die "Descension Gorge" belohnt uns mit der ersten Wildwasserfahrt. Hier fand übrigens 1951 die erste Expedition auf dem Franklin River ihr frühes Ende: Eines der beiden sechs Meter langen Kanus einer Gruppe von vier Abenteurern zerbrach, 30 Kilometer von der Zivilisation entfernt. Rund sieben Jahre später erreichten zwei Mitglieder der ersten Truppe dann doch ihr Ziel, die Mündung in den Gordon River. Und blieben 13 Jahre lang die Einzigen, die den Franklin in ganzer Länge befahren hatten.

Tasmanien, Australien, Rafting, Hobart

Der Tasmanische Teufel steht seit 1941 unter Schutz©

Tag 3: Von The Irenabyss zum Beach Camp

Zum Frühstück gibt es Schinken und Eier - ein Luxus in unserem Waldcamp. Dazu scheint die Sonne den dritten Tag in Folge, ein Wunder im Westen Tasmaniens, einer der feuchtesten Regionen der Erde mit mehr als 2000 Millimeter Niederschlag pro Jahr; das ist etwa dreimal so viel wie in Hamburg. Wir passieren eine Pegel-Messanlage von "Hydro Tasmania", der Energie-Firma, die den Franklin River einst als Stromlieferanten nutzen wollte.

Ein gruseliges Szenario - die Regenwälder mit mannshohen Farnen und Pandanis, die an Palmen erinnern und nur hier wachsen, mit Tieren wie dem Tasmanischen Teufel und, vielleicht, dem Tasmanischen Tiger, wären verloren gewesen. Der letzte der Art starb offiziell 1936 im Zoo von Hobart, doch seitdem gab es mehr als 300 angebliche Sichtungen. Auch die Steinufer mit Löchern, Kuhlen, Rinnen, präzise gefräst wie von Maschinen, hätte der künstliche See geschluckt.

Am Nachmittag kommen rechts die "Jericho Walls" in Sicht, ein dicht bewaldeter Höhenzug, der dem Franklin gut zwei Kilometer folgt. Dann fahren wir in den "Crankle" ein. "Das Wasser strömt hier in jede Himmelrichtung", sagt Matt. "Beobachtet mal eure Schatten!" Sie umkreisen uns, wir tanzen mit dem Licht, aber wie genau? Abends im Camp suchen wir nach Erklärungen, während wir Steaks grillen. Es bleibt ein Rätsel.

Tasmanien, Australien, Rafting, Hobart

Freie Fahrt für Kajaks, aber Raft-Teams müssen an der Stromschnelle "The Corusades" anlegen und ihr Boot schleppen.©

Tag 4: Beach Camp bis Coruscades

Nach einem nächtlichen Gewitter scheint wieder die Sonne. Wo der Fluss sanft dahinströmt, lassen wir uns immer wieder rücklings über Bord kippen. Wir schwimmen neben dem Raft, bis der "Side Slip" kommt, ein Strudel, der uns durchschüttelt. Ein halbe Stunde danach erreichen wir das "Butterfass", "Churn", wo das Wasser in mehreren Stufen abfällt - der Anfang der größten Schlucht des Franklin, in der der Fluss auf sechs Kilometern 150 Höhenmeter verliert. Das steile Gefälle ist für uns nicht befahrbar, aber wir haben Glück: Wegen des niedrigen Wasserstands müssen wir das Boot nur etwa eine halbe Stunde lang tragen, oberhalb des schäumenden Laufs. Bei Hochwasser kann die Schlepperei mehrere Stunden dauern.

Bisher haben wir den Fluss zahm kennengelernt, selten erlebten wir mehr als Wildwasser im dritten Grad. Sobald es aber anfängt zu regnen, sind schnell sechs Grad erreicht, die Grenze der Befahrbarkeit. "Ich habe den Franklin über Nacht fast zehn Meter ansteigen sehen", erzählt Matt. "Dann muss man ein, zwei Tage an Land warten, bis sich das Ungetüm beruhigt hat." Es fängt an zu nieseln. Werden wir ihm begegnen?

Tasmanien, Australien, Rafting, Hobart

Hier macht der Fluss einen sanften Eindruck: 125 Kilometer windet sich der Franklin River durch die Wildnis Tasmaniens.©

Tag 5: Coruscades bis Rafters Basin

Wir wachen im Sonnenschein auf. Die Etappe beginnt mit einem Landgang: Die Rafts müssen am Eingang der "Coruscades", einer der längsten Stromschnellen des Franklin, über Felsen gezerrt, abgeseilt und an Tauen durchs schäumende Wasser geleitet werden. Nach einer Stunde werden wir mit dem Wasserfall "Forceit" belohnt - Rafting, wie man es aus dem Kino kennt. Mit kräftigen Paddelschlägen nehmen wir Fahrt auf, schießen über die Abbruchkante, stehen einen Moment in der Luft. "Over left!", brüllt Matt durch das Donnern. Wir schmeißen uns nach links. "Hold on!", der nächste Befehl, wir klammern uns reflexartig an den Griffen am Rand fest. Das Boot stürzt, wir fliegen im freien Fall hinterher. Alles wird blendend weiß, nass, dann Ruhe, kein Gedanke. "Gut gemacht!", ruft Matt nach dem Aufprall.

Tag 6: Rafters Basin bis Newlands Cascades

"Heute wird's noch besser", verspricht Matt, als wir nach dem Frühstück losfahren. Das Boot tänzelt über Schnellen. Wir brauchen nicht viel mehr zu tun, als auf Kommando von links nach rechts oder auf und ab zu hüpfen. Am "Jaw Breaker", dem "Kieferbrecher", und am "Pig Trough", dem "Schweinetrog", müssen wir die Rafts wieder tragen. Den Namen haben britische Gefängnisaufseher im frühen 19. Jahrhundert erdacht: Die Sträflinge, die hier wertvolles Bauholz fällten, haben sich an dem kleinen Wasserfall gewaschen. Unterhalb liegt "Rock Island Bend". Ein Foto der märchenhaften Felsinsel im Fluss war vor 29 Jahren in Zeitungen in aller Welt abgedruckt, mit Titeln wie: "Würden Sie eine Partei unterstützen, die das durch einen Damm zerstören will?"

Wir schlagen unser Camp an den "Newlands Cascades" auf, unter einem gigantischen Überhang. Zum ersten Mal müssen wir nicht eng gedrängt schlafen. Es beginnt zu regnen. Wenn der Pegel steigt, könnte der Fluss so viel Fahrt aufnehmen, dass die Tour am nächsten Tag nach ein paar Stunden in rasendem Tempo beendet sein könnte. Geplant sind zwei weitere gemächliche Tage. Ich weiß nicht, was mir lieber wäre.

Tasmanien, Australien, Rafting, Hobart

Die große Plane ist aufgespannt und schützt vor dem Regen: im Big Falls Camp©

Tag 7: Newlands Cascades bis Big Falls Camp

Es geschieht, was ich mir am wenigsten wünsche: Es regnet, aber das Wasser fließt trotzdem langsam. Wir paddeln und starren in den Fluss. Scharfe Felsen lauern unter der Oberfläche, die die Gummiwand aufschlitzen könnten. "Ihr seid ja so still, Jungs. Alles okay?", fragt Jason. "Hm. Das macht wohl die viele Natur", antwortet Logan. Im Steilhang über uns taucht der Eingang zur "Kutikina Cave" auf. Die Höhle ist die südlichste bekannte menschliche Eiszeitsiedlung. Im Dauerregen erreichen wir die Kiesbank von "Big Falls Camp", verkriechen uns unter dem schnell aufgebauten Tarp und lassen uns von den Tropfen in den Schlaf trommeln.

Tag 8: Big Falls Camp bis Sir John Falls

Ein letztes Mal beladen wir die Rafts und zwängen uns in nasse Neoprenanzüge. Das Wasser ist dunkler und schaumiger als am Vortag, an den Stromschnellen bilden sich Strudel. Vor sechs Tagen hätte mein Herz bei ihrem Anblick geklopft, jetzt meistern wir sie gelassen. Als wir die Mündung erreichen, den mächtigen Gordon River, teilen wir eine letzte Tafel Schokolade. Die restlichen Kilometer bis zum Camp an den "Sir John Falls", einem beliebten Ausflugsziel, paddeln wir stumm. Am Ziel lassen wir die Luft aus den Rafts: einen langen, zufriedenen Seufzer.

© 2014 stern.de GmbH