Wo die Welt ihren Anfang nahm

Western Australia ist mit dem Karijini National Park Australiens wildeste Seite. Den Ureinwohnern zufolge wurde Karijini gar am Anfang der Zeit erschaffen. Von Ingo Hübner

Wir stehen am Oxer Lookout im Outback, dem zentralen Aussichtspunkt im Westen des Karijini Nationalparks. Hier treffen vier Schluchten aufeinander: Weano, Hancock, Joffre und Red Gorge. Eng und tief geht es vor uns in die Erdgeschichte hinunter. Wehrhaftes Spinifex-Gras bedeckt die Landschaft. In der Sonne glitzert es silbern, die freigelegten Schluchtwände leuchtet dunkelrot wie geronnenes Blut. Die Einschnitte haben Flüsse erst während der letzten 20 Millionen Jahre gegraben. Das Gestein aber, das sie da unten freigelegt haben, ist 2,5 Milliarden Jahr alt. Das Wort Karijini bedeutet "von sehr weit her kommen, sehr alt", wie eine Hinweistafel lehrt.

"Alle Schluchten und Wasserbassins sind heilige Orte. Wer in ihnen badet, sollte das in dem Gefühl tun, sich in einer Kirche aufzuhalten", erklärt Maitland in beinahe beschwörendem Ton. Mit seinem schulterlangen silbergrauen Haar könnte er jetzt glatt als Zauberer durchgehen. Doch Maitland Parker ist Ranger im Karijini-Nationalpark. Ein Angehöriger der Banyjima, einer der drei Aborigine-Stämme, die traditionelle Besitzer dieses Landes sind.

Nach einer Stunde Fußmarsch wird es immer enger, die Wände der Weano Gorge ragen immer höher in den Himmel. "Das Land gibt uns alles", sagt Maitland. Die Rinde dieses Eukalyptus sei gut für ein kräftiges Herz. Er deutet auf einen Baum, der aussieht wie alle anderen auch, reißt ein paar Büschel vertrocknetes Gras aus und zerreibt die Blätter, die nach Zitrone riechen. "Und falls du mal schnell aufs Klo willst, musst du nur diese Blätter kauen", erklärt er und hält einem das Grün vor das Gesicht.

Wo Seeschlangen sich den Weg bahnten

Maitland wurde in Roebourne geboren, wohin viele Aborigine-Familien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwangsumgesiedelt wurden, da die weißen Siedler Arbeitskräfte benötigten. Nach der Schule arbeitete er lange auf Farmen. Dann aber ergab sich die Möglichkeit, Ranger zu werden und hierher auf das Land seiner Vorfahren zurückzukehren. Das Wissen um das Land haben ihn seine Großeltern aber schon als Kind gelehrt.

Wir wandern weiter. Bald ist Schluss mit der Vegetation, die Felswände schieben sich immer näher zusammen, ein rostroter Fels. Die Steinplatten glänzen wie mattes Metall. Hier hat sich die Erde mächtig verrenkt, immer tiefer schneidet sich die Schlucht ein. Eiskalte Wasserlöcher müssen durchwatet oder durchschwommen werden. Plötzlich eröffnet sich ein rundes steinernes Amphitheater, fünf Meter unter den Füßen liegt der Handrail Pool. An einem kurzen Geländer und dann am Seil hangelt man sich die Wand hinab, nimmt ein Bad in dem Felsbassin - am Anfang der Zeit.

Maitland spricht von Ehrfurcht und Demut. "Das Land bedeutet uns alles", sagt er. "Am Anfang, als die Erde noch weich und gesichtslos war, bahnten sich gewaltige Seeschlangen ihren Weg vom Meer durch das Land. Wir, die Banyjima, nennen sie Thurru. Thurru hat die Schluchten in Karijini gegraben und lebt in den Tiefen des Fern Pools im Osten." Wir beginnen zu verstehen.

Zukunft durch Tourismus

"2008 haben Archäologen in der Gegend Steinwerkzeuge meiner Vorfahren gefunden, die mindestens 35.000, wenn nicht sogar 40.000 Jahre alt sind. Eine Sensation. Das sind mit die ältesten Spuren menschlichen Lebens in Australien", erzählt er mit Enthusiasmus, aber dann wird er nachdenklich, denn um die Zukunft seiner Kultur sei es weniger gut bestellt. Nicht nur, dass es reichlich Auseinandersetzungen mit den Minenbetreibern um das Land gebe, auch arbeiteten immer mehr junge Aborigines in den Minen der Pilbara oder gingen ziehen nach Perth. So gehe die Zukunft verloren, denn seine Kultur werde immer noch mündlich tradiert. "Außer in den Minen gibt es nicht viele Jobs hier. Deswegen ist der Tourismus wichtig. Er bietet uns Perspektiven und hilft so indirekt dem Fortbestehen unserer Kultur", sagt Maitland.

Der Fern Pool ist ein besonders heiliger Ort. Wer hier ins Wasser steigt, sollte zunächst einen Mund voll nehmen und es langsam wieder auslaufen lassen - ein sakrales Ritual der Aborigines, um die Seeschlange Thurru nicht zu erzürnen. Am Bassin bewegt sich nichts, das Wasser liegt dunkel und unergründlich vor einem. Hier bleibt man, badet, ertappt sich dabei, wie man auf ein Lebenszeichen von Thurru wartet und verschmilzt irgendwann mit der Zeitlosigkeit des Ortes. "Wir sind eins mit dem Land", sagen die Aborigines.

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