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Der lange Marsch

Drei Paar Schuhe, 30.000 Fotos und 4646 Kilometer in 352 Tagen: Ein deutscher Student ist von Peking Richtung Heimat gelaufen. Jetzt ist das große China-Abenteuer des Bloggers als Bildband erschienen.

Von Christoph Rehage

An seinem 26. Geburtstag bricht Christoph Rehage in Peking nach Deutschland auf. Sein Vorsatz: die ganze Strecke zu laufen. So taucht er ein in ein China, wie es nur jemand erlebt, der das Land zu Fuß erkundet. Da er fließend Mandarin spricht, kommt er mit allen Menschen schnell ins Gespräch. Jeden Tag macht er Fotos von sich, die er zu einem Zeitraffervideo zusammenfügt. Abends schreibt er in seinem Blog "The Longest Way".

Nachdem Rehage eine Strecke von 3000 Kilometern zurückgelegt hatte, sprach stern.de mit ihm über seine Strapazen und die Erfahrungen in der chinesischen Provinz. Jetzt hat er die Eindrücke seiner Mammutwanderung in einem Bildband zusammengefasst. Auf den folgenden Seiten bringen wir exklusiv einen Auszug seiner ersten Wanderetappe.

Peking bis Jiuguan: Der Flug der Schwalben

Auf den chinesischen Karten wird die Hauptstadt mit einem Stern dargestellt. Aber in
den Augen der Provinzbewohner ist sie eher so etwas wie der Traum von einem riesigen
Geschenkkorb. Man drängt hierher, um ein Stückchen von seinem Inhalt zu erhaschen.
Bauern und Wanderarbeiter möchten ihren Familien ein bisschen Wohlstand nach
Hause bringen, Geschäftsmänner wollen Kontakte knüpfen und Reichtum anhäufen,
Studenten werden von ihren Familien hierhergeschickt, um Prüfungen zu bestehen und
etwas aus sich zu machen. Alle zieht es nach Peking. Oder nach Shanghai. Oder nach
Guangzhou. Nur nicht zurück in die Provinz.

Doch genau dort möchte ich hin. Ich will Berge und Wüsten sehen, Schafe und Kamele.
Will langen, gewundenen Straßen folgen. Vor Wolkenbrüchen davonlaufen, knirschenden
Schnee unter meinen Schuhen spüren und mir den Schweiß von der Stirn wischen.
Möchte fremde Speisen probieren, Fotos machen, Menschen kennenlernen. Ich kann
einfach nicht mehr warten.

Der Fußweg bis zur Lugou-Brücke dauert den ganzen ersten Tag. Sie wird auch Marco-
Polo-Brücke genannt, denn der Venezianer Marco Polo hat sie in seinen Reiseerinnerungen
mitsamt ihren Löwenstatuen erstaunlich genau beschrieben. Das war vor mehr
als 700 Jahren, als noch die Mongolen herrschten. Nach ihnen kam die chinesische
Dynastie der Ming, dann die Mandschuren, schließlich Mao Zedong. Und alle hatten
ihre Hauptstädte in der Nähe dieser Brücke. Die Chinesen sagen, Peking stehe für das
letzte Jahrtausend ihrer Geschichte.

Doch die Stadt hat niemals aufgehört, sich zu wandeln. Mittlerweile zeigt sie der
Welt lieber ihr modernes Gesicht: Ringstraßen und Fahrzeuge, Hochhäuser und Werbeplakate. Ich bewege mich nach Süden, und langsam beginnt die Hauptstadt zu verschwinden.
Risse erscheinen im Beton. Häuser werden kleiner. Dann, nachdem ich die
Lugou-Brücke überschritten habe, an meinem zweiten Tag, liegt Peking endlich, endlich
in meinem Rücken. Vor mir erstreckt sich die nordchinesische Ebene.

Mit Kamera, Laptop und GPS

Am Anfang weiche ich noch vor den Menschen zurück. Ich will mich nicht aufdrängen
und bin immer etwas besorgt. Die Kameras, der Laptop, das GPS, nichts soll verloren
gehen. Ich bin das Leben in der Großstadt gewöhnt und die touristischen Gegenden,
nicht das langsame Gehen im Land. Am dritten Tag lerne ich Zhu Hui kennen, einen
Taekwondotrainer aus Nordwestchina, der mit dem Fahrrad unterwegs ist. Er begleitet
mich ein paar Tage lang, wir lachen viel zusammen, und er bringt mir bei, dass es hier
draußen ganz anders ist als in der Stadt. Die Menschen sind sehr gastfreundlich und
aufgeschlossen, sie helfen, wo sie können, ich brauche mir keine Sorgen zu machen.
Trotzdem ist es am Anfang nicht leicht.

Eine Schicht Staub liegt auf meinem Gesicht. Ich inhaliere Abgase und ärgere mich über
die Blasen an meinen Füßen. Manchmal frage ich mich insgeheim, ob ich nicht vielleicht
doch ein Idiot bin. Zwei Wochen, ja. Zwei Monate, meinetwegen. Aber zwei Jahre!
So lange wird es aller Voraussicht nach dauern, bis ich die ganze Strecke nach Hause,
nach Bad Nenndorf, zu Fuß zurückgelegt habe. So ist mein Plan. Ich empfange eine SMS:
"U r crazy come back to beijing we drink together god bless u" und denke länger darüber
nach. Auf dem Land stehen Tempel neben Fabriken und Feldern. Ich teile mir die Landstraße
mit Lastwagen und Autos, Fahrrädern und Eselkarren, komme durch Dörfer und
Kleinstädte. Es dauert vier Tage, bis ich die Provinz Hebei erreiche. Zhu Hui begleitet
mich über den schlimmsten Fußschmerz und die Provinzgrenze hinweg. Dann verabschieden
wir uns. Er ist mein erster Freund auf dieser Reise, und ich bin sehr froh, dass ich ihn habe.

Hebei bedeutet "nördlich des Flusses". Damit ist der Gelbe Fluss gemeint, der Huanghe
– neben dem Changjiang, dem Langen Strom, die zweite große Schlagader Chinas. Auf
der Karte liegt er noch mehr als 1000 Kilometer in südwestlicher Richtung von mir
entfernt. Es will mir unvorstellbar erscheinen, dass ich ihn tatsächlich eines Tages zu
Fuß erreichen soll.

Busse rumpeln vorbei. Alte Leute winken mir von ihren Hauseingängen aus zu. Ich
sehe Kinder, immer wieder Kinder, die aufmerksamsten Beobachter der Straße. Ihre
Eltern packen sie umso dicker ein, je kälter es wird, bis sie irgendwann aussehen wie
kleine bunte Michelinmännchen. Die meisten freuen sich, wenn sie mich sehen, manche
sind scheu, aber immer sprüht Neugier aus ihren Augen

Weiter die Straße entlang

Das Problem mit den Karten ist: je größer ihr Maßstab, desto winziger wirken die Abschnitte,
die ich mir mit so viel Mühe erlaufen habe. Ich wage nicht, über den Teil der
Route nachzudenken, der mich durch die Wüste Gobi führen wird. Die Vorstellung von
menschenleeren Landschaften macht mir Angst, und meine Füße sehen schon jetzt
fürchterlich aus.

Der Herbst in Hebei ist regenfrei. Ich nehme meine Mahlzeiten in kleinen Gaststätten
am Wegesrand zu mir, bestelle Nudeln oder Reis und immer wieder sautierte Auberginen.
Meistens esse ich rohe Knoblauchzehen dazu, so wie es die anderen Gäste auch tun.
Knoblauch soll dem Magen helfen, besser mit Speisen zurechtzukommen, die vielleicht
nicht ganz sauber sind.

Eigentlich ist Peking auch nach Wochen noch nicht so richtig fern. Wenn ich in
einem ungeheizten Hotelzimmer sitze und mit klammen Fingern meinen Blog schreibe,
denke ich oft an die Stadt zurück, besonders an meinen Nachbarn Xiaohei und an
unsere gemeinsamen Abendessen im warmen Feuertopfrestaurant. Der Blog ist meine
Verbindung zu meinen Freunden in Peking und nach Hause zu Juli. Trotzdem weiß ich,
es gibt nur eine Richtung für mich: weiter die Straße entlang.

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