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Badespaß am Ende der Welt

Auf Hainan, einer ehemaligen Insel für Verbannte, boomt der Tourismus. Auch wenn er für den westlichen Geschmack mitunter merkwürdige Formen annimmt.

Von Jan-Philipp Sendker

  Am Strand von Sanya auf der Ferieninsel Hainan

Am Strand von Sanya auf der Ferieninsel Hainan

Am Ende der Welt ist es windig. Feine, weiße Schaumkronen kräuseln sich auf dem türkisblauen Wasser. Eine kräftige Brise wiegt Palmenblätter hin und her. Du Liyin und ihr Freund Li Fang stehen Hand in Hand am Strand und blicken auf das aufgewühlte südchinesische Meer. Darüber ein tiefblauer, wolkenloser Himmel. "Schön", sagt sie. "Ja", sagt er leise. "Sehr schön." Schweigend schlendern sie weiter. Es ist ihr erster Urlaub zu zweit. Die beiden leben in Shanghai und sind für einen dreitägigen Kurztrip nach Hainan geflogen. Hier, an der Südspitze der Insel, dem südlichsten Punkt des Reichs der Mitte, war früher nach chinesischer Auffassung die Welt zu Ende. Heute ist der Strand samt Parkanlage eine Touristenattraktion.

Hainan? Ganz schlechtes Karma

Der Architekt und die Grafikerin, gehören zur neuen, stetig wachsenden Mittelschicht des Landes und die entdeckt die Freude am Reisen. Tourismus galt noch vor wenigen Jahren als ein bourgeoises westliches Phänomen, heute ist er in China zu einem boomenden Wirtschaftsfaktor geworden und Hainan gehört zu den beliebtesten Zielen. Die knapp 35.000 Quadratkilometer große Insel liegt, knapp eine Flugstunde von Hongkong entfernt, vor der Küste Vietnams. Früher diente sie in fast allen chinesischen Dynastien den Kaisern als Verbannungsort für in Ungnade gefallene Beamte. Kein Chinese wollte hier freiwillig Urlaub machen. Ganz schlechtes Karma.

Schön und sauber

Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Hainan besitzt im Überfluss, was im Rest des Landes rar ist: Klares Wasser. Gesunde Luft. Unverbaute Natur. Und vor allem: Ruhe. Außerdem gibt es mehrere Nationalparks und Naturschutzgebiete, Regenwälder und alte Tempelanlagen. Schon die Fahrt vom Flughafen beeindruckt. Eine hügelige Landschaft, bedeckt mit dichter, subtropischer Vegetation. Am Straßenrand weiden Wasserbüffel, dahinter sattgrüne Reisfelder.

Zu den schönsten Buchten der Insel gehört die Yalongwan Bay, nicht weit von Sanya. Sieben Kilometer feiner Strand, so schön und sauber, wie es ihn in Asien selten gibt. Es liegen weder Treibholz, noch Plastik, Algen oder Teerklumpen herum. In der Brandung plantschen kleine Kinder. Frauen ziehen von Liege zu Liege und bieten Muscheln und Perlen feil. Paare spazieren am Strand entlang und fotografieren sich fortwährend mit ihren Handys. Als könnten sie es selbst nicht glauben, wie gut sie es getroffen haben. Auf dem Wasser kreuzen ein paar Jetski. Einige Waagemutige lassen sich mit Schnellbooten an Fallschirmen über das Meer ziehen. Am oberen Ende der Bucht haben sich internationale Luxushotels wie Hilton, Sheraton oder Marriott angesiedelt, weiter unten liegen die bescheideneren chinesischen Ketten.

Unmoralische Angebote im Fahrstuhl

Vor fünfzehn Jahren dümpelten in der Bucht nur ein paar Fischerboote, es gab nicht eine Unterkunft. Im Cactus-Hotel wohnen ausschließlich chinesische Touristen, abgesehen von ein paar Russen aus Wladiwostok. Das Abendessen auf der Terrasse servieren Kellnerinnen, die als Mexikanerinnen verkleidet sind, aus Lautsprechern schallen italienische Arien, amerikanische Gospel und Abbasongs. Die meisten Urlauber sind Paare zwischen 25 und 40 Jahre alt. Die wenigsten reden miteinander. Nach der Bestellung holen sie ihr Handy heraus und telefonieren. Oder spielen damit. Manche blicken auch einfach nur stumm umher bis das Essen kommt. Ein Paar am Nebentisch hat ihre Nintendos dabei. Später rockt eine kleine philippinische Band, doch die Gäste verschwinden früh auf ihren Zimmern. Vor dem Fahrstuhl spricht mich ein junger Mann an. "Massagi?" Ich schüttele den Kopf. "Sex?" Ich verneine. Er gibt mir höflich seine Karte. Falls ich es mir anders überlege.

Auch beim Frühstück wird an den Tischen wenig gesprochen. Über große Flachbildschirme flimmern Nachrichten und Basketballspiele aus Amerika, sie erfordern die ganze Aufmerksamkeit. Am Strand ist es vormittags noch leer. Der Wind hat sich gelegt, das Meer glitzert tiefblau in der Sonne. Das Wasser ist angenehm warm und so klar, dass ich bunte Fische sehen kann. Das Ende der Welt, denke ich, ist schön. Sehr schön sogar.

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