Vom Bauerndorf zur Boomtown

Vor dreißig Jahren war Shenzen gerade mal eine Kleinstadt, ländlich geprägt. Heute ragen 50-stöckige Hochhäuser in den Himmel. Zwischen den Wolkenkratzern verbirgt sich das ursprüngliche, alte China. Von Jan-Philipp Sendker

Shenzhen, China, Hochhäuser,

Webung in der Wirtschaftszone Shenzhen für neue Wohnungen©

Die zwei jungen Frauen in der Touristeninformation im Bahnhof von Shenzhen sind sichtlich irritiert. Was es für einen Tagesbesucher in der Stadt zu entdecken gibt, möchte ich wissen. Sie überlegen. Stecken ihre Köpfe zusammen. "Wir haben mehrere Vergnügungsparks. ‚Splendid China' zeigt alle Attraktionen Chinas im Kleinformat und ..." "Ich würde lieber etwas von der Stadt sehen", unterbreche ich sie. "Von der Stadt?" Sie mustern mich verwundert. "Hier gibt es nichts zu sehen." "Keine Sehenswürdigkeiten?" frage ich. "Nein." "Keine Altstadt?" Es ist das Wort 'alt', mit dem sie nichts anfangen können. Was ich denn bitteschön damit genau meine?

"Na, alt eben. Alte Gebäude. Alte Straßenzüge. Keine Hochhäuser." Sie nicken und zeigen mir auf dem Stadtplan einen Bezirk. "Aber dort ist es langweilig", warnen sie mich wie aus einem Mund. "Warum?" "Weil es alt ist." Ich seufze. "Okay. Wie alt?" Die beiden schauen sich an. "Ziemlich alt. Mindestens zwanzig Jahre." Willkommen in Shenzhen. Einer Stadt, in der vor dreißig Jahren hauptsächlich Fischer, Reisbauern und Schweinezüchter lebten. Aus den ehemals 50.000 Einwohnern sind sieben, acht oder zehn Millionen geworden, so ganz genau weiß das niemand.

Shenzhen gehört neben Shanghai zu den reichsten Städten Chinas. Es liegt direkt an der Grenze zu Hongkong, vom Zentrum der ehemaligen britischen Kronkolonie erreicht man es mit dem Vorortzug schnell und unkompliziert. Für jeden Hongkongbesucher, der noch nie in der Volksrepublik China war, ist ein Tagesausflug über die Grenze eine ideale Möglichkeit, sich dem Reich der Mitte zu nähern.

Als wäre die Zeit stehengeblieben

Eine Art China für Anfänger. Die ersten Minuten im Viertel rund um den Bahnhof erinnern an das gerade verlassene Hongkong. Vierzig, fünfzigstöckige Hochhäuser, soweit das Auge reicht. Breite, verstopfte Straßen. Viele Autos, kaum Fahrräder. Doch bei einem langen Spaziergang merkt der Besucher schnell, dass das nur ein oberflächlicher Eindruck ist. Trotz seiner modernen Fassaden ist Shenzhen viel sinnlicher als die reiche, wohltemperierte Schwester auf der anderen Seite der Grenze. Gleich neben dem neu gebauten, mit Spiegeln verglasten "Civic City Plaza" Einkaufszentren an der Shennan Lu liegen enge Gassen, in denen Handwerker ihrer Arbeit nachgehen, als wäre die Zeit stehengeblieben.

Ein Scherenschleifer ruft laut nach Kunden. Ein Schuster hockt in einer Toreinfahrt und flickt Schuhe. Etwas weiter sitzt ein Mann auf der Bordsteinkante, neben sich einen Eimer Wasser, Flickzeug, Fahrradschläuche und wartet auf Kunden. Junge Männer versprechen Massagen von schönen Frauen, ihre Handbewegungen deuten an, dass es dabei nicht bleiben muss. Aus großen Bambuskörben voller Teigtaschen steigt Dampf empor, es riecht köstlich nach gebratenem Knoblauch und Öl, nach Koriander und reifen, saftigen Mangos.

Gymnastik auf Kommando

Auch die enormen Widersprüche, die das Leben im heutigen China prägen, erlebt der Besucher an fast jeder Ecke. Auf der South Renmin Lu stehen an einer Ampel ein Porsche Cayenne, ein Mercedes S-Klasse und ein Audi in der ersten Reihe nebeneinander. Auf dem Bürgersteig daneben durchwühlt eine junge Mutter, ihren Säugling auf dem Rücken gebunden, die Mülleimer und stopft sich hungrig alles Essbare in den Mund. Aus einer Seitengasse dringt plötzlich Gebrüll, als marschiere eine Eliteeinheit der Volksbefreiungsarmee auf. Aber es sind nur die Kellnerinnen und Kellner eines Großrestaurants, die in Reih und Glied stehen, auf Kommando Gymnastik machen und im Chor ihrem Chef die Losungen des Tages nach schreien: "Wir werden hart arbeiten. Wir werden fleißig sein."

Am Ende des Tages hilft den vom Wandern müden Beinen eine Fußmassage, die an jeder Ecke angeboten wird. Nach einem kurzen Wasserbad beginnt die Masseuse mit ihrer Arbeit. "Aua, nicht so doll," stöhne ich. Sie blickt erschrocken auf. "Das war nicht doll." "Doch." "Was nicht weh tut, hilft auch nicht." "Alte chinesische Weisheit?", frage ich schmerz geplagt und zweifelnd. Sie versteht nicht, was ich meine. Es muss am Wort 'alt' liegen.

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