Die schönste Roadshow in den Bergen

3. Juni 2012, 10:00 Uhr

Wenn man das Auto in China selbst steuert, wird eine Reise durch den Südwesten des Landes zum ganz großen Abenteuer. "Geo Saison"-Reporter spielten Fahrtenschreiber. Von Johannes Strempel

Das Königreich der Frauen duftet nach Holz und Sägespänen. Die Uferpromenade von Wuzhiluo ist eine Baustelle, erfüllt von Hämmern und Bohren. Gebetsfahnen flattern an Toren, auf Balkonen tanzen Lampions im Wind. Noch eine Woche bis zum Mondfest - das Dorf in den Bergen macht sich schön für seine Gäste. Auf der anderen Seite der Straße schimmert der Lugu-See, eine Fläche aus Schilf. Einer der klobigen Kähne gleitet vorbei, die Zhucaochuan genannt werden, Schweinetrog. Ein Touristenpaar sitzt darin, an den Rudern mühen sich zwei Frauen in bunter Tracht, die Haare aufgetürmt zu mit Perlen geschmückten Frisuren. Einheimische aus dem Volk der Mosuo in der Provinz Yunnan, in dem die Macht in weiblichen Händen liegt.

"Man kann nie wissen", sagt Herr Wind, der an der Veranda seines Gasthauses lehnt. "Manche Mosuo vermieten ihre Trachten an Zugezogene. Und die spielen den Touristen etwas vor." Noch stehen die meisten Zimmer leer in seiner und den anderen Unterkünften, die sich spitzgiebelig am Seeufer reihen. Aber bald werden die Reisebusse vorfahren, und wieder werden ein paar mehr Chinesen als im vergangenen Jahr aus Shanghai oder Beijing herausklettern, um die Welt der Mosuo zu bestaunen.

"Sie machen ein paar Fotos von der Folklore und fahren weiter", sagt Herr Wind. Dabei sei die Wirklichkeit nur Schritte entfernt. Er zeigt auf einen Pfad, der vorbei an Lehmmauern zum alten Teil des Dorfes Wuzhiluo führt. Hinauf zu einer Gesellschaft, in der Mütter das Sagen haben und Väter keine Bedeutung. Die keine Hochzeiten kennt, keine Scheidungen, und in der die Geburt einer Tochter ein Glück, die eines Sohnes eine Bürde ist. Keine 48 Stunden zuvor saß ich im Taxi irgendwo in der Millionenmetropole Chengdu, Hauptstadt der Provinz Sichuan. Hinter den Scheiben verstopfte Kreuzungen, Reißbrettstraßen und eine Mauer aus Smog. Neben mir Formulare.

Unterlagen-Memory und ein rätselhaftes Gebot

Mit dem aus Hongkong stammenden Fotografen Justin Jin kam ich nach China, um an einem Reise-Experiment teilzunehmen, wie es für ausländische Touristen in der Volksrepublik bisher nicht möglich war: Wir wollten mit dem Mietwagen durchs Land fahren, ohne Gruppe, Fahrer oder Reiseleiter. Der Hamburger Veranstalter "Chinatours" hatte das Konzept entwickelt, dessen kompliziertester Teil der Erwerb eines Führerscheins war. Eine deutsche oder internationale Fahrerlaubnis ist auf chinesischen Straßen nämlich nichts wert.

Wir fuhren in ein großes Krankenhaus, wo wir von Station zu Station geschickt und schließlich einem Arzt zum Gesundheits-Check vorgeführt wurden. Die Erwartungen an unseren körperlichen Zustand waren maßvoll: die Arme ausstrecken, die Handflächen im und gegen den Uhrzeigersinn kreisen lassen, dasselbe mit den Füßen tun und zuletzt die Hosen lupfen. Keine Prothese, kein Holzbein - der Arzt zwinkerte uns anerkennend zu.

Im Straßenverkehrsamt am anderen Ende der Stadt spielte ein strenger Beamter im rosa Hemd eine Stunde lang Memory mit unseren Unterlagen: Führerscheine plus Kopie, Reisepässe plus Kopie, Visa plus Kopie, Hotelregistrierungen, Polizeimeldebestätigungen und medizinische Gutachten. Passfotos wurden zurückgewiesen - mein Kopf sei zu groß, sagte der Beamte, der meines Kollegen zu klein -, neue Fotos und Kopien gefertigt, Sachbearbeiter hinzugezogen. Endlich gab uns der Mann eine eingeschweißte Karte und letzte Weisungen: Beachten Sie die Verkehrsregeln! Fahren Sie bei Regen nicht zu schnell! Zuletzt das rätselhafte Gebot: Respektieren Sie die Minderheiten!

Im Land der Mosuo

Vielleicht hatte er das gesagt, weil unser Ziel Yunnan war. Das Land südlich der Wolken, in dem es schneebedeckte Sechstausender gibt und tropischen Regenwald, Gletscher und Vulkane. Zudem sollen Angehörige von 26 der insgesamt 55 anerkannten Ethnien Chinas in der Provinz leben - die Völker der Mosuo, Naxi, Bai und Dai, der Pumi, Jingpo, Lisu. Unseren Weg hatten 750 Jahre zuvor schon die Reiterhorden des Mongolen Kublai Khan genommen, um die isolierten Königreiche im Südwesten zu unterwerfen. Wo er sein Lager aufgeschlagen hatte, machten auch wir Station: im Land der Mosuo am Lugu-See, 2700 Meter hoch in den Bergen.

In der westlichen Welt wäre Li La Cuo wohl eine Dame auf dem Altenteil, nicht mehr groß beteiligt am Gang des Lebens. Am Lugu-See ist sie die unumstrittene Herrscherin der Familie. Ihr Zimmer ist das größte im Haus, das mit der Feuerstelle. Dort sitzt Frau Li mit zweien ihrer vier Töchter, nachdem sie gerade noch im Hof Kartoffeln sortiert hat - die guten für die Familie, die schlechten für die Schweine. Die Frauen reichen uns Kekse und gesalzenen Tee. Mosuo mögen es salzig.

Durch Chinas Südwesten
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Chinas Südwesten Abenteuerfahrt durch das Reich der Mitte
Übernommen aus

Übernommen aus Geo Saison, Heft 6/2012. Ab sofort für 5 Euro am Kiosk.

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