Wo Hollywood auf China abfährt

26. Mai 2011, 10:18 Uhr

Die südchinesische Provinz Hunan, Heimat Mao Tse-tungs, ist berühmt für ihre zauberischen Felsenwelten. Die mythische Berglandschaft hat James Cameron für sein Leinwandmärchen "Avatar" inspiriert. Von Stefan Schomann

Es fehlte nicht viel, und die Provinz Hunan hätte sich in "Pandora" umbenannt. Zu Ehren jenes verwunschenen Planeten aus dem Film "Avatar", mit dem Hunan nun weltberühmt zu werden hofft. Schließlich waren es seine Naturwunder, die Hollywood Modell standen für die surrealen Wälder und die schwebenden Berge der Science-Fiction-Saga. Und wer auf einem der 3000 Felstürme von Wulingyuan steht, wer hinunterschaut in die nebligen Abgründe und hinüber zu den anderen Felsgebilden, die über den Wolken zu schweben scheinen, der wird das Filmdekor auf Anhieb wiedererkennen.

Analog zu den Sandsteinformationen in der Sächsischen Schweiz ließe sich diese Wunderwelt als "Chinesische Schweiz" etikettieren. Nur dass die Felspfeiler hier dreimal so hoch und zehnmal so zahlreich aufragen wie ihre deutschen Pendants. Und so passt es denn auch, dass sie nicht, wie die Traumgebirge der Romantik, durch Maler und Poeten berühmt gemacht wurden, sondern durch den Regisseur eines Fantasy-Films. "Gewiß, ich hatte von Pandora gehört. Aber ich hätte nie geglaubt, daß ich mal dorthin fliegen würde", berichtet der Held von "Avatar".

Den Besuchern Hunans ergeht es nicht anders. Man kommt da nicht eben mal vorbei, es liegt fernab der üblichen Routen durch China. Doch die Region setzt alles daran, dies zu ändern. Neben der offensiven Vermarktung als Avatar-Location - ein Gipfel ist bereits zum "Hallelujah-Berg" umgetauft worden, und chinesische Veranstalter bewerben Trips nach Hunan als "magische Reisen nach Pandora" - ist es vor allem die fulminante Musicalproduktion auf der Freilichtbühne von Zhangjiajie, welche die Chinesen in hellen Scharen nach Hunan pilgern lässt. Zu Füßen einer himmelhohen Felswand führen fünfhundert Mitwirkende dort allabendlich das Märchen von der "Fuchsprinzessin" auf. Die Story ist der von "Avatar" gar nicht unähnlich, nur ein paar tausend Jahre älter.

Duell über dem Abgrund

Außerdem werden immer wieder spektakuläre Stunt-Shows in den Bergen veranstaltet. So erkletterte unlängst Alain Robert, besser bekannt als "Spiderman", das "Himmelstor", ein 120 Meter hohes Guckloch ganz oben in den Klippen von Zhangjiajie, dem Hauptort der Region. Auch eine Kunstflugstaffel ist bereits durch diesen Spalt hindurchgeschlüpft. 2010 lieferte sich der Schweizer Hochseilläufer Freddy Nock ein atemberaubendes Duell mit seinem chinesisch-uigurischen Herausforderer Semaiti Aishan. Die beiden liefen auf den Stahltrossen der Seilbahn um die Wette - ohne Netz über einem 500 Meter tiefen Abgrund.

Mit dem Himmelstor und den spektakulären Klippen zieht Zhangjiajie viel Aufmerksamkeit auf sich - eine noch sensationellere Landschaft aber birgt der Nationalpark von Wulingyuan, eine knappe Fahrstunde weiter westlich. Eine Wunderwelt aus 3000 Sandsteintürmen, schroff modelliert und üppig überwuchert, ein Habitat für Elfen und Einhörner. "Luftberge" und "Luftfelder" kennen die Menschen hier seit alters her; James Cameron brauchte sie nur zu übernehmen. Da die mittleren Partien stärker erodieren als die oberen, sind viele Felssäulen keulenartig geformt. Wer von der Spitze herabschaut, sieht den Grund nicht. Schon gar nicht, wenn Nebel oder Wolken durchs Tal wallen und die Berge tatsächlich zu schweben scheinen.

Das chinesische Rothenburg

Wie viele chinesische Bergregionen, so ist auch Hunan ein Mosaik der Minderheiten, ursprünglich bewohnt von Völkern wie den Miao, den Tujia und den Dong, bevor sich die Han-Chinesen dort ausbreiteten. Lange waren die Ureinwohner als schwer erziehbare Strauchdiebe und Opiumbauern verschrien. Sie leisteten den Nationalisten Widerstand, sie leisteten den Kommunisten Widerstand. Zur Strafe müssen sie sich nun bei allen erdenklichen Anlässen Kostüme überziehen und unaufhörlich singen, trommeln und tanzen. Folklore ist die Propaganda der Provinz.

Die dritte große Attraktion Hunans bildet die Kleinstadt Fenghuang. Auch hier taucht der Besucher ein in eine andere Welt, wenn nicht gar in eine andere Zeit. In ein enges, von Reisterrassen gesäumtes Flusstal geschmiegt, formen die Gassen, Mauern und Brücken der alten Handelsstadt ein gemütliches Labyrinth. Dieses südchinesische Rothenburg ist bislang nur von einheimischen, kaum aber von internationalen Touristen entdeckt worden. Es hat sein historisches Flair bewahrt wie nur wenige andere Orte Chinas. Noch immer lebt ein Großteil der Bewohner inmitten dieses pulsierenden Freilichtmuseums, noch besuchen die Kinder die alte Schule im Ort, noch überspannen einfache Holz- und Pontonbrücken den Fluss, an dem die Frauen frühmorgens ihre Wäsche waschen. Vor allem abends, wenn die blaue Stunde naht und die Lampions und Lichterketten zu leuchten beginnen, entfaltet Fenghuang einen heiter-verspielten Zauber, dem man ebenso verfällt wie der Holzfäller der Fuchsprinzessin im Musical.

Es fällt schwer, sich angesichts all dieser märchenhaften Kulissen am Ende aufzuraffen, um in die ferne, fade Wirklichkeit zurückzukehren. Das letzte, was Besucher Hunans in der Regel sehen, ist die blauhäutige, katzenäugige Riesenschönheit aus "Avatar" am Flughafen von Zhangjiajie, die jene bedauernswerten Wesen verabschiedet, die den Planeten Pandora schon wieder verlassen müssen.

Lesen Sie auch
Reise
Ratgeber
Ratgeber Urlaub: Planen, buchen, Koffer packen Ratgeber Urlaub Planen, buchen, Koffer packen
Ratgeber Hotels: Hotels suchen und finden Ratgeber Hotels Hotels suchen und finden
Reiseratgeber Australien: Up and Down under Reiseratgeber Australien Up and Down under
Ratgeber Trauminseln: Sonne, Strand und Palmen Ratgeber Trauminseln Sonne, Strand und Palmen