Mit dem Zug aufs Dach der Welt

21. Mai 2011, 09:23 Uhr

Die im Jahr 2006 vollendete Bahnverbindung nach Tibet gehört zu den spektakulärsten Zugstrecken der Welt. Sie verlängert ein Schienennetz, das vor allem im Westen den legendären Seidenstraßen folgt. Von Stefan Schomann

Nichts, nichts, nichts. Nur bleiche Grasbüschel auf noch bleicherem Boden, ausgedörrt von einer weißen, fahlen Sonne. Tagelang geht die Fahrt durch die Steppen Innerasiens. Kaum vorstellbar, dass sie einst Brücke sein konnten zwischen China und dem Abendland. Und doch war diese Zone einmal reich und voller Leben, war Mitte und nicht Rand.

Seit Sommer 2006 führt eine 5000 Kilometer lange Bahnfahrt quer durch diesen wilden Westen Chinas bis nach Tibet hinauf. Sie deckt sich mit zwei Hauptrouten der Seidenstraße, jenes Netzes alter Handelswege, auf denen Geld und Güter, Sklaven und Soldaten, Nachrichten, Ideen, ja ganze Religionen hin- und herwanderten.

Xinjiang bedeutet neue Grenze

Von Kasachstan her kommend, muss der Zug am Grenzposten Druschba ("Freundschaft") erst einmal umgegleist werden, von der russischen Breitspur auf die auch in China gebräuchliche Normalspur. Zusammen mit den Grenzformalitäten zieht sich diese Prozedur über viele Stunden hin. Das Warten ist die geistige Entsprechung zur Steppe: gleichförmig und unausweichlich. Die 300 kasachischen Studenten im Zug vertreiben sich die Zeit mit Lesen, Plaudern oder Kartenspielen. Sie fahren zu ihren Universitäten in Ürümqi oder gar im fernen Xian. In China, sagen sie, liegt ihre Zukunft.

Es dunkelt bereits, als der Zug wieder anrollt. Von der Grenzstation weht eine muntere Fanfare herüber. Hier herrscht Ordnung, signalisiert sie. Hier herrscht Optimismus. Hier herrscht China. Es geht hinein in die Provinz Xinjiang, wörtlich "neue Grenze".

Am Morgen zeigt die Landschaft sich dann deutlich grüner. Baumwollpflücker arbeiten sich durch endlose Plantagen. Sie wurden seit den fünfziger Jahren unter Führung des Militärs angelegt, um mit der Steppe zugleich auch die mehrheitlich von Uiguren bevölkerte Westprovinz zu kolonisieren. Damals stand ein einziges zweistöckiges Gebäude in Ürümqi. Heute hat es zwei Millionen Einwohner und eine vieltürmige Skyline. Auf den Straßen herrscht ein buntes Völkergemisch. Inklusive zahlreicher Minderheiten, allen voran die Uiguren, ein Turkvolk. Xinjiang besitzt den Status einer "autonomen Provinz", doch Peking diktiert die Spielregeln. Wie alle 55 Minderheiten unter Chinas großem, schweren Dach dürfen auch die Uiguren gerne pittoresk sein, doch partout nicht politisch.

Von hier geht es hinaus in die Taklamakan. Lange war dieser Name Inbegriff der Einöde - doch heute schwingt Verheißung darin mit. Denn hier wurde Öl gefunden. Und auch der wahre Herrscher der Wüste, der Wind, liefert Energie: in Asiens größtem Windpark. Die Taklamakan war seit je ein Grenzbereich. Mal gewann der Mensch die Oberhand, mal die Wüste.

In Xining beginnt die Tibetbahn

Die nächste Station liegt bereits tausend Kilometer weiter östlich: Lanzhou am Gelben Fluss. Die westlichste Metropole des eigentlichen China, zwischen kahlen Bergen ins Tal des Gelben Flusses gezwängt, hat etwas vom Charakter einer Frontstadt behalten. Ausgerechnet hier aber stößt der Besucher auf ein deutsches Relikt: Die eiserne Brücke über den Huanghe war ein "Geschenk" von Kaiser Wilhelm II.

Dann schwenkt die Route nach Südwesten. Im Kloster Kumbum, am Nordrand des tibetischen Hochlands, leben noch 350 Mönche. Vor der Kulturrevolution waren es zehnmal so viele - eine ganze geistliche Garnison. Am Bahnhof des nahen Xining mischen sich die Reisenden dann abermals zu einer großchinesischen Völkerschau: Muslimische Patriarchen mit zauseligen Bärten warten Seite an Seite mit eleganten Chinesinnen in klassischen Qipao-Kleidern. Und Wanderarbeiter aus Sichuan sitzen neben tibetischen Yuppies mit Pferdeschwanz und Pelzkragen.

Zum Thema
Leser-KommentareBETA
Reise
Ratgeber
Reiseratgeber Australien: Up and Down under Reiseratgeber Australien Up and Down under
Ratgeber Hotels: Hotels suchen und finden Ratgeber Hotels Hotels suchen und finden
Ratgeber Urlaub: Planen, buchen, Koffer packen Ratgeber Urlaub Planen, buchen, Koffer packen
Ratgeber Trauminseln: Sonne, Strand und Palmen Ratgeber Trauminseln Sonne, Strand und Palmen