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Wind, Sand und Visionen

Wie die Hitze über der Wüste des Emirats flirren auch seine Visionen. Luftschlösser aus Stahl, ein Hotel als gläserne Seifenblase, ein Inselzoo haben sich schon materialisiert. Der Louvre - in Arbeit.

Von Christoph Kucklick

Durch das Emirat Abu Dhabi: Ein Emirat zwischen Wow und Wahn
Kostbar wie Gold ist Wasser in der Wüste. Und so säumen Bassins den Weg zur Scheich-Zayed-Moschee.

Kostbar wie Gold ist Wasser in der Wüste. Und so säumen Bassins den Weg zur Scheich-Zayed-Moschee.

Dann plötzlich der Gedanke, man müsste die beiden einander vorstellen. Verrückter Gedanke. Sind doch bloß ein Hotel. Und: die Wüste. Man würde also dastehen, die Füße im feinen, verschlingenden Sand, von glühender Luft umströmt wie aus einem Föhn, und mit leichter Verbeugung sagen: "Hotel, darf ich dir …", dabei eine einladende Geste machen Richtung Sandwellen, "… die Wüste vorstellen?" Und dann, in entgegengesetzter Richtung, murmeln: "Wüste … Hotel".

Warum diese abwegige Höflichkeit? Vielleicht, weil sonst der Kontrast zwischen Natur und Menschenwerk nicht auszuhalten ist, so fremd stehen beide einander gegenüber, so rätselhaft. Wie so vieles in .

Rub al Khali - das "Leere Viertel"

Zum "Qasr al Sarab", dem Hotelschloss im Sand, fährt man von Abu Dhabi-Stadt 150 Kilometer schnurgerade durch leeres Land, biegt dann links ab und rollt noch einmal zwölf Kilometer tiefer hinein in die Rub al Khali, das "Leere Viertel", die größte Sandwüste der Erde. Dünenwogen, hoch wie Berge, reichen bis zum Horizont, weich und bedrohlich, Staubfontänen tänzeln vorbei, in glühenden, flirrenden Senken spiegelt sich der Himmel.

Es ist die denkbar dramatischste Hotelzufahrt, als würde man aus der Welt hinausfahren und in eine andere Existenz hinein. Die Wüstenexistenz. Auf der in Abu Dhabi alles beruht. Und gegen die es ankämpft mit allen Mitteln.

Kämpft wie in diesem Hotel: Ein blau schimmernder, gekühlter Pool trotzt der Trockenheit, die Klimaanlagen pusten unablässig gegen die Hitze, das Restaurant serviert fangfrisches Sushi. Es ist ein Irrsinn und zugleich eine Freude - so behütet kann man sich der sonst kaum aussetzen.

Abu Dhabis Betriebssystem

Noch vor Sonnenaufgang steige ich barfuß die steilen Dünen hoch, unter jedem Schritt rutscht der Sand und zieht mir die Beine weg. Mein Begleiter Ajab kennt den Widerstand der Wüste, seit drei Jahren arbeitet er als Guide im "Qasr al Sarab" und führt Gäste hinaus in die Unergründlichkeit. Bei Tagesanbruch sitzen wir dann schwer atmend auf einem Dünenkamm und staunen in die Endlosigkeit des Sandes und in die bleiche Morgensonne, die mühsam den Staubschleier über dem Leeren Viertel durchbohrt.

Ajab stammt aus Pakistan, er gehört einer von mehr als 30 Nationen an, die das Hotel betreiben, das auch darin Abu Dhabi in Miniatur ist: Rund 80 Prozent der Bewohner im Emirat sind Zuwanderer. Nepalesen fahren Taxis, Philippinas bedienen im Café, Neuseeländer arbeiten in den Banken, Koreaner bauen Kraftwerke. Abu Dhabis Betriebssystem: die Menschheit.

Die Migranten dürfen so lange bleiben, wie sie Arbeit haben, erzählt Ajab, Staatsbürger aber werden sie nicht, das ist allein den Emiratis vorbehalten. Die Fremden: Sandpartikel, die durch die Gesellschaft wehen. Ajab will dennoch lange bleiben. Ich habe ein gutes Leben, sagt er, auch wenn seine Frau und die Kinder weit weg sind.

Dann erläutert er wieder, wie sich die Wüste verändert, die Sandkörner beständig umschichtet und sich doch immer gleich bleibt. Und dass es nur den gelungen ist, in der Wüste zu überleben. Nach einer Pause fügt Ajab hinzu: "Bislang". Weil das Hotel, weil Abu Dhabi der zweite Versuch ist: der große Traum, in der Wüste ein Leben zu führen, aber diesmal ein reiches, ein gutes.

Von Hütten zu Hochhäusern

Wie das aussehen soll, malen sie auf der Insel Saadiyat in den Sand. Abu Dhabi, die Hauptstadt des gleichnamigen Emirats, verteilt sich auf ein bisschen Küste und etliche Inseln. Auf Bildern aus den Sechzigerjahren, die stolz vorgezeigt werden, sieht man wenige Hütten, keine Straßen, vereinzelt Menschen, kaum Schulen, bettelarmes Land. Innerhalb von 40 Jahren sind daraus eine Großstadt und einer der reichsten und internationalsten Staaten der Erde gewachsen.

Der Westen sieht darin, herablassend zuweilen, einen einfachen Triumph dank billigem Öl und billigen Arbeitern, der Orient aber erkennt eine beneidenswerte Erfolgsgeschichte: trotz so vielem Geld so viel Erfolg und Frieden, dazu eine exzellent ausgebildete, sehr junge Bevölkerung.

Nun soll die Wüste nicht nur belebt, sondern auch lebenswert gemacht werden. Das Projekt Paradies trägt den Namen "Vision 2030" und soll Abu Dhabi grün, vernetzt und weitgehend unabhängig vom Öl machen. Um noch mehr Touristen anzulocken, wird eine Insel nach der anderen von Wüste in Attraktion verwandelt.

Vergnügungsinsel Yas Island

Yas Island ist die Vergnügungsinsel mit Wasserpark, Formel-Eins-Strecke und der Ferrari World, die wie ein roter Seestern in den Sand greift; Abu Dhabi ist die Innenstadt samt Hotels und Shopping-Center; die ferne Oasenstadt Al Ain präsentiert das Beduinen-Erbe; aber Saadiyat soll die eigentliche Erfüllung von Abu Dhabis Traum werden: das Weltzentrum der Kultur.

Das ist keine Übertreibung, sagt Faisal, der mir die Zukunft zeigt. Er trägt eine riesige schwarze Brille, wie sie auch Hipster in London mögen, einen gepflegten Dreitagebart, zwei Smartphones und das bodenlange, blütenweiße Gewand der Emiratis, die Kandura, gekrönt von einem perfekt fallenden Kopftuch. Noch ist die Zukunft nichts als Modell und Baustelle, auch wenn viele Besucher glauben - Abu Dhabi beherrscht die Selbstvermarktung brillant -, die Museen seien schon errichtet: der Louvre, das Guggenheim und das Zayed-Museum, das die Geschichte der Region präsentieren wird.

Kultur mit Weltklasse-Archtektur

Spektakuläre Bauten: Den Louvre wird ein zehnlagiges gewölbtes Stahldach beschirmen, durch das Lichtstrahlen wie in einen Palmenhain schießen sollen; das Guggenheim - ein typischer Schachtelbau von Frank Gehry; und das Zayed-Museum von Lord Norman Forster wie fünf stählerne Falkenfedern, die in den Himmel stechen. Bis 2017 sollen die Museen errichtet sein, und niemand zweifelt, dass sie es auch werden. Ausreichend Geld ist im reichsten der Emirate vorhanden, und die globale Finanzkrise, die auch Abu Dhabi traf, ist hier schon wieder überwunden.

Zu den Museen sollen später noch Hotels, Shopping-Malls, Häuser für rund 150.000 Menschen kommen sowie ungezählte Kunstgalerien, erklärt Faisal ohne Anflug von Zweifel, "und dann haben wir hier die größte Konzentration von Weltklasse-Kultur auf der Erde". Spätestens dann, so hoffen die Verantwortlichen, wird Abu Dhabi auf der Weltkarte des Tourismus fest verankert sein.