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Auf der Spitze des Größenwahns

Die höchste Aussichtsplattform, das höchste Restaurant der Welt: Der 828 Meter hohe Turmbau zu Dubai strotzt vor Rekorden. Doch die meisten Räume des vertikalen Superlativs stehen leer.

Von Till Bartels

Bei klarem Wetter ist die wolkenkitzelnde Nadel bereits aus 50 Kilometern Entfernung zu sehen. Als Dubais neues Wahrzeichen hat der riesige Burj Khalifa nicht nur das Burj al Arab, das Luxushotel in Form eines aufgeblähten Segels, abgelöst. Die jüngste Ausgeburt des Höhenrausches am Golf markiert das neue Zentrum von Dubai - von allen Seiten weithin sichtbar.

Konsum als Fundament

Mit der Inbetriebnahme des welthöchsten Gebäudes hat sich das Zentrum Dubais nach Süden verlagert. Zwar gibt es noch immer die traditionellen Basare und den Goldsouk im Stadtteil Deira, aber ein neue klimatisierte Shopping- und Erlebniswelt liegt zu Füßen des großen Turms. Gleich neben dem Burj Khalifa erstreckt sich die Dubai Mall mit ihren 1200 Geschäften. Die Abmessungen sind dermaßen großspurig bemessen, dass sich verschleierte Frauen aus Saudi-Arabien innerhalb des Einkaufszentrums mit Golfkarts zu den Markenshops französischer Edeldesigner chauffieren lassen.

Vor den Toren des Kommerzbunkers ist ein neuer Stadtteil mit dem sinnigen Namen "Old Town" die Attraktion, ein Areal mit künstlichen Wasserbecken, Fontänen und Musikberieselung, dem jeden Abend Tausende von Zuschauern beiwohnen. Hier wird flaniert und konsumiert, als ob Dubai nie eine dramatische Finanzkrise erlebt hat.

Von Null auf 124 in 60 Sekunden

Unterirdisch sind die Dubai Mall und der Burj Khalifa miteinander verbunden. Doch wer hoch hinaus will, sollte sich früh anmelden. Der Ansturm der Touristen auf den Turm ist groß. Das Ticket für einen Besuch des Burj Khalifa muss im Internet vorab bestellt werden und kostet 100 Dirham, umgerechnet 19 Euro. Das ist günstig. Denn wer sich spontan mit dem Fahrstuhl zum 124. Stockwerk katapultieren lassen möchte, muss mit 75 Euro pro Person rechnen - wenn überhaupt noch ein Platz frei ist.

Fahrstuhlführer Hassan trägt einen eng taillierten schwarzen Anzug und drückt den Knopf. Die Türen schließen sich, Musik erklingt, und an den verspiegelten Wänden setzen sich kleine leuchtende Liliensymbole in Bewegung, die einem die Illusion vermitteln, man bewege sich ganz langsam aufwärts. Tatsächlich rast der Förderkorb mit einer Geschwindigkeit von 10 Metern pro Sekunde in die Höhe.

Die arabischen Klänge übertönen jegliches Windgeräusch, in den Ohren knackt es nur zweimal kurz. Ein Display zeigt die Zahlen der Stockwerke an. Ab 110 verlangsamt sich das Hochzählen. Schon nach einer Minute öffnet sich die Tür in der 124. Etage, ohne dass der Körper das Abbremsen der Vertikalbewegung wahrgenommen hat. "Welcome at the top", sagt Hassan.

  Blick zum 828 Meter hohen Gipfel der vertikalen Stadt

Blick zum 828 Meter hohen Gipfel der vertikalen Stadt

Heiße Luft in 442 Metern Höhe

Milchiges Sonnenlicht blendet die Besucher. Alle strömen zur Drehtür, die sie ins Freie schleust. Die 360-Grad-Besucherplattform teilt sich auf in einen vollklimatisierten Bereich in Richtung Westen mit Blick auf das Meer und in die windgeschützte Ostseite des Burj. Draußen fühlt man sich wie im Brennpunkt eines Hohlspiegels, denn die Glasfassade reflektiert Hitze und Helligkeit.

Mit 442 Metern übertrifft der Aussichtspunkt sogar die Terrasse auf dem Dach des ehemaligen World Trade Center (415 Meter) in New York - nur dass beim Burj Khalifa in der 124. Etage noch längst nicht Schluss ist. Über 200 Stockwerke hat diese vertikale Stadt.

Wer nicht in die Tiefe auf die Dächer der benachbarten Hochhäuser hinabblickt, sondern nach oben schaut, steht vor einer silbern schillernden Fassade, die weiter gen Himmel ragt. Von der Terrasse "At the Top" schießt der Burj Khalifa noch einmal 346 Meter mit weiteren Büroräumen und leerstehenden Appartements in die Höhe.

Obwohl die Aufenthaltsdauer mit der Eintrittskarte auf der Aussichtsetage des Burj Khalifa nicht begrenzt ist, hält es vor Hitze niemand lange auf der Terrasse aus. Sonnenbrillen und Handys werden für die obligatorischen Erinnerungsbilder gezückt. Dann geht es zurück in die heruntergekühlte Welt hinter Aluminium und Glas.

Der hohle Schuldenturm

Im Gegensatz zum Kommen und Gehen in der Lobby des Armani Hotels zu ebener Erde herrscht beim Empfang der Corporate Suites, dem Eingang zu den Büros im Burj Khalifa, beängstigende Ruhe. Nur die regelmäßigen Bewegungen eines Inders mit seinem Wischmop auf dem glänzenden Fußboden sorgen für eine Belebung. Bei den Appartements sieht es nicht viel besser aus. Nach Angaben der "Gulf News" standen Ende letzten Jahres noch 825 von 900 Wohnungen im Burj Khalifa leer.

Dass der Höhenflug des Emirates mit der Finanzkrise beendet war, verdeutlicht kein Datum besser als der 4. Januar 2010: An jenem Tag wurde das höchste Gebäude der Welt nicht nur eingeweiht, sondern auch umbenannt. Jahrelang war der Rekordbau als Burj Dubai geplant. Dann aber wurde der Schuldenturm in Burj Khalifa umbenannt - eine Referenz an Scheich Khalifa bin Zayid Al Nahyan aus dem reichen Nachbaremirat Abu Dhabi, der Dubai mit Milliardenbeträgen ausgeholfen hatte.

Die Zeiten, in denen Spekulanten das schnelle Geld am Golf machen wollten, indem sie noch nicht vollendete Bauten gleich mit Gewinn weiterverkauften, sind vorbei. Auch dafür ist der Burj Khalifa ein Beleg. Das häufig als "Übermorgenland" betitelte Dubai ist in der Gegenwart angekommen - in der Realität. Die Attraktivität Dubais für Touristen bleibt aber ungebrochen, der hohe Turm zieht mit durchschnittlich 4000 Besuchern pro Tag magisch an. Die Auslastung der Hotels sinkt nicht, obwohl jeden Monat weitere Häuser eröffnen. Die Umstellung des Betriebssystems von Dubai funktioniert: Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat die Wirtschaft den Hebel umgelegt: Statt Petrodollars durch den Ölexport zu verdienen, sind nun Handel und Tourismus die wichtigsten Einnahmequellen des Emirats.

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