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Kann ich noch nach Indien reisen?

Der Tourismus in Indien boomt. Doch nach der Gruppenvergewaltigung einer Schweizerin stellt sich die Frage: Wie gefährlich sind Reisen auf dem Subkontinent? Darauf sollten Touristen unbedingt achten.

Von Till Bartels

  Eine der Hauptattraktionen Indiens: das Mausoleum Taj Mahal in Agra

Eine der Hauptattraktionen Indiens: das Mausoleum Taj Mahal in Agra

Indien wird als exotisches Reiseziel immer populärer: Mehr als sechs Millionen Touristen verzeichnete das Land im vorigen Jahr. Allein die Zahl der Reisenden aus Deutschland stieg innerhalb von fünf Jahren um 50 Prozent auf 300.000 Besucher.

An dem Land fasziniert neben der Vielfalt der Natur, die von tropischen Sandstränden über die Wüste in Rajasthan bis zu den Bergreisen des Himalayas reicht, der unglaubliche kulturelle Reichtum. Indien versteht sich auch als aufstrebende Wirtschaftsmacht. Das Nebeneinander von heiligen Kühen und der Gebrauch von Smartphones lassen sich hier miteinander vereinbaren. Doch unser verklärtes Bild des Landes, das auch von Yoga und der Gewaltfreiheit eines Mahatma Gandhi geprägt ist, hat in jüngster Zeit erhebliche Risse bekommen.

Schlagzeilen über Vergewaltigungen zeigen eine andere Seite Indiens: Gewalt gegen Frauen ist in dem hinduistischen Land weit verbreitet. Nach Angaben des National Crime Records Bureau wird in Indien alle 22 Minuten eine Frau vergewaltigt - die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Im Dezember schockierte die Nachricht einer Gruppenvergewaltigung einer Studentin. Jetzt fielen sieben junge Inder über eine Touristin aus der Schweiz her, die zusammen mit ihrem Mann auf dem Wege zum berühmten Taj Mahal in Agra war. Für Indien-Urlauber stellt sich die Frage: Sind Reisen in Indien nicht mehr sicher?

Vorsicht ist oberstes Gebot

Bislang galt Indien als relativ ungefährlich für Touristen. So heißt es in den Reise- und Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes: "Das allgemeine kriminelle Risiko für Ausländer in den touristisch stärker erschlossenen Gegenden Indiens ist eher gering." Jedoch hat die Berliner Behörde am Montag ihre Hinweise angepasst. "Vor allem Frauen sollten sich - insbesondere vor dem Hintergrund zuletzt vermehrt berichteter sexueller Übergriffe - stets von Vorsicht leiten lassen."

Eine größere Bedrohung sieht das Auswärtige Amt für Indien-Besucher allerdings im Terrorismus. In den Bundesstaaten West-Bengalen, Jharkhand und Chattisgarh kam es häufiger zu Anschlägen und Sabotageakten. "Angesichts der terroristischen Gefahren wird landesweit zu besonderer Wachsamkeit geraten, insbesondere beim Besuch von Märkten, öffentlichen Plätzen und großen Menschenansammlungen sowie Regierungsgebäuden und nationalen Wahrzeichen." Abgeraten wird von Fahrten in den Landesteil Kaschmir, wo seit Jahren ein Grenzkonflikt mit Pakistan schwelt. Ebenso sollte man sich bei Reisen in den Nordosten des Landes auf lokale Reiseveranstalter, Hoteliers und Geschäftspartner verlassen.

Das Schweizer Paar reiste auf eigene Faust. Sie waren ohne Reiseveranstalter unterwegs, als Individualreisende mit Fahrrad und Zelt. Zuvor hatten sie mit Pedalkraft den Iran durchquert, mieden aus Sicherheitsgründen eine Weiterfahrt durch Pakistan und erreichten Indien per Schiff in Mumbai.

Als die 39-Jährige mit ihrem Ehemann am Freitag in Zentralindien auf dem Weg von Orchha nach Agra in einem Wald im Distrikt Datia ihr Zelt aufschlagen wollten, kam es zu dem Überfall. Inzwischen hat die Polizei mehrere Kleinbauern im Alter zwischen 20 und 25 Jahren festgenommen. Vier von ihnen wird vorgeworfen, die Frau vergewaltigt zu haben.

Armenhaus Madhya Pradesh

Die Tat wirft ein Schlaglicht auf die Verhältnisse in Indien, dessen Gesellschaft von großen Gegensätzen geprägt ist. Reisende sollten sich deshalb gründlich informieren, wo und wie sie in dem riesigen Land mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern unterwegs sind. Je nach Region sind die Spannungen unterschiedlich. So gilt Madhya Pradesh, wo sich der Zwischenfall ereignete, als eine der ärmsten und rückständigsten Bundesstaaten und im Gegensatz zu Südindien als besonders gefährlich für Frauen. Erst im Januar war dort eine koreanische Touristin in einem Nationalpark vergewaltigt worden. Ebenso gab es Übergriffe auf Ausländerinnen in der Strandparty-Hochburg Goa an der Westküste.

Trotz der Vergewaltigungsfälle, die jetzt häufiger öffentlich werden als noch vor einem Jahr, bleibt Indien ein faszinierendes Reiseland. Geführte Rund- und Gruppenreisen zu den Stätten des Unesco-Weltkulturerbes gelten nach wie vor als sicher. So verzichtet der Münchner Veranstalter Studiosus, der viele Studienreisen nach Indien anbietet, auf "Reisen in Regionen, die uns in Übereinstimmung mit der Einschätzung des Auswärtigen Amtes und der deutschen Botschaft in Neu-Delhi als bedenklich erscheinen", so ein Pressesprecher. Auch werde die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln in den Ballungszentren gemieden.

Individualtouristen sollten sich über die Website des Auswärtigen Amtes zum aktuellen Stand der Sicherheitslage auch unterwegs auf dem Laufenden halten. Die spezifischen regionalen Risiken sind dort genau aufgeschlüsselt. Hilfreich sind auch die Reisehinweise Indien des Schweizer Außenministeriums, das seine Seiten erst vor vier Wochen verschärft hatte und ausdrücklich von Nachtreisen auf Überlandstraßen abrät. Zudem heißt es: "Frauen mit männlicher Begleitung werden weniger belästigt und reisen vorzugsweise in Gruppen oder lassen sich von einem anerkannten Führer begleiten. Diese Empfehlung gilt auch generell für landesunkundige Personen."

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