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Wacken auf dem Wasser

30.000 Liter Bier und jede Menge Dezibel: Auf der "Full Metal Cruise" feiern 2000 Gäste auf einem Kreuzfahrtschiff ein Metal-Festival auf der Nordsee. Unser Autor Christoph Fröhlich war dabei.

  Der Autor vor der "Mein Schiff 1": Vom 5. bis 12. Mai kreuzt das Luxusschiff als "Full Metal Cruise" durch den Atlantik.

Der Autor vor der "Mein Schiff 1": Vom 5. bis 12. Mai kreuzt das Luxusschiff als "Full Metal Cruise" durch den Atlantik.

Es ist kurz vor Mitternacht, irgendwo auf dem Atlantik, als in einem Kreuzfahrtschiff mit 2000 Menschen an Bord die Hölle losbricht. Das Licht geht aus, ohrenbetäubender Lärm zieht durch das siebte Deck. Schreie sind zu hören. Das goldverzierte Theater auf der Bugseite wird zum tobenden Hexenkessel. Dort, wo sonst Musical-Hits und Loriot-Sketche zum Besten gegeben werden, recken nun hunderte Menschen in dunklen Shirts die Fäuste in die Luft und spreizen ihre Finger zum Teufelsgruß. Es ist der Auftakt der Metalband "Heaven Shall Burn" ("Der Himmel soll brennen"), die das Traumschiff für kurze Zeit in einen Albtraum verwandelt. 90 Minuten dauert das Klanggewitter, dann geht das Licht an und die Anlage aus. Es kehrt wieder Ruhe ein, erschöpft und verschwitzt verlassen die Schattenwesen den Saal, um sich an der Bar vom Headbangen zu erholen. Zurück bleiben Hunderte umgekippte Dosen Bier, deren Inhalt langsam im dicken Teppich versickert. Willkommen auf der "Full Metal Cruise", einer Art Wacken auf dem Wasser.

  Auftritt der Band "Firewind" am Pool-Deck unter freiem Himmel

Auftritt der Band "Firewind" am Pool-Deck unter freiem Himmel

Kutten und Trollfrisuren

Sechs Tage herrscht Ausnahmezustand auf dem Luxusliner "Mein Schiff 1", der von Hamburg über Southampton, Le Havre nach Amsterdam und wieder zurück fährt. Haarmähnen wirbeln durch die Luft, Gitarrenriffs wummern von der riesigen Bühne, Bierbüchsen treiben im Whirlpool. Ein Mix aus Alkoholfahne und Chlorgeruch weht über das Sonnendeck, aus den Flurlautsprechern dröhnt AC/DC.

Die Idee für die "Full Metal Cruise" hatten die Wacken-Macher Holger Hübner und Thomas Jensen bereits in den Neunzigern, doch bis jetzt konnten sie das Projekt nicht realisieren. Nun haben sie mit Tui Cruises einen gemeinsamen Partner gefunden, der auf Themenkreuzfahrten setzt, um neue Zielgruppen zu gewinnen. 2010 sang bereits Udo Lindenberg auf dem sogenannten "Rockliner", Schlagerreisen mit Volksmusikstars wie Helene Fischer werden ebenfalls regelmäßig angeboten. Nun also Headbangen auf hoher See.

Knapp 1750 Gäste aus 13 Nationen sind an Bord der größten Metalkreuzfahrt Europas, darunter Mathias (29) und Jens (27) aus Bad Camberg in der Nähe von Frankfurt. "Eigentlich passt das alles hier gar nicht zusammen", sagt Lagerist Jens, der mittags in schwarzer Metal-Montur an der strahlend weißen Edelbar sitzt und ein Bier trinkt. Im Hintergrund grölt eine Gruppe von Männern mit Achtziger-Jeans-Kutte, Trollfrisur und langen Bärten, die gleich ein ganzes Tablett voller Bier vor sich stehen hat. "Es ist unsere erste Kreuzfahrt, und die wollten wir mit korrekten Leuten verbringen. Überhaupt ist es viel besser als Wacken: Man hat ein ordentliches Zimmer und eine saubere Dusche. Im Zelt schlafen ist nicht so mein Ding", sagt Mathias.

Für die meisten der Anwesenden ist es die erste Reise auf einem Schiff. Bis zu 2000 Euro lassen sich die Besucher den sechstägigen Trip kosten, darin enthalten sind neben der Kabine sämtliche Konzerte auf dem Schiff und fast alle Speisen und Getränke. Insgesamt werden 350 Kilogramm Steak, ebenso viele Pommes und 21.600 Eier verarbeitet. Die Bilanz des ersten Abends: Schnitzelberge sind beliebter als Brokkoli, Currywurst muss bereits beim ersten Zwischenstopp in Southampton nachgekauft werden.

Eine Seefahrt, die ist - bierig

Doch es ist vor allem eines, was den Gästen - allen voran den wenigen Skandinaviern - leuchtende Augen beschert: Bier rund um die Uhr. Nur wenige Metaller können dem widerstehen. Das weiß auch Richard Vogel, Marketingchef der veranstaltenden Tui Cruises. Viel größer als die Angst vorm Ertrinken sei bei den Gästen die Sorge, sich nicht mehr Betrinken zu können. "Deshalb haben wir etwa 30.000 Liter Bier an Bord." Deutlich mehr als sonst.

Pro Tag und Person werden etwa drei Liter Bier kalkuliert. Die Rechnung geht auf: Am ersten Abend seien allein an einer Nebenbar etwa 6000 Bier (á 0,3 Liter) ausgeschenkt worden, sagt Gani Arcega, einer der Barmitarbeiter. Während einer normalen Kreuzfahrt serviert er sonst an einem ganzen Tag nur etwa 1500 Gläser. Obwohl die Arbeit deutlich anstrengender ist, mag er die ungewöhnlichen Gäste. "Sie sind unkompliziert und beschweren sich nicht." Auch Barchef Miguel Silverio (37) ist begeistert: "Das Publikum ist deutlich jünger als sonst, die Menschen hier nehmen alles locker und sind immer höflich. Ihnen reicht ein Bier und ein Hotdog zum Glücklichsein."

  Fabian (Mitte) und Andreas (rechts), beide 19, feierten auf der "Full Metal Cruise" vor allem im Whirlpool - der Mann links sogar sieben Stunden am Stück.

Fabian (Mitte) und Andreas (rechts), beide 19, feierten auf der "Full Metal Cruise" vor allem im Whirlpool - der Mann links sogar sieben Stunden am Stück.

Reichlich Bier und Dezibel

Rund 70 Prozent der "Full Metal Cruise"-Besucher sind männlich, das Durchschnittsalter liegt bei 39 Jahren. Vor allem ältere Teilnehmer schätzen die Vorzüge der Kreuzfahrt: "Mir gefallen die kurzen Wege und das gemischte Publikum. Die Stimmung ist großartig", sagt Dieter (55), der gemeinsam mit seiner Frau Siegrid angereist ist. Sie steht in der vorletzten Sitzreihe des Theaters und klatscht zur Musik der Irish-Folk-Band Santiano.

Zwei der Jüngsten an Bord sind Andreas und Fabian, beide 19 Jahre, aus der Nähe von Karlsberg. Sie haben die Tickets für die Metal-Kreuzfahrt bei einem Gewinnspiel gewonnen und nutzen die Gratis-Ferien, um auf dem Sonnendeck im Whirlpool abzuhängen. "Es ist toll, im Pool zu sitzen, Bier zu trinken und nebenbei Bands anzuhören."

Kostenloses Bier und jede Menge Dezibel: Geht es nach den beiden Teenagern, ist die Wacken-Kreuzfahrt "das Geilste überhaupt". Ihren Trinkvorrat bekommen sie von Sergej, der am kleinen Zapfstand neben dem Pool etwa vier 50-Liter-Fässer pro Stunde verbraucht. Das erste Bierfass ist leer, da ist das Schiff noch nicht einmal aus dem Hafen von Hamburg ausgelaufen. Seitdem steht der Zapfhahn nur selten still.

  Spezielles Wellnessangebot für die Wacken-Kreuzfahrt

Spezielles Wellnessangebot für die Wacken-Kreuzfahrt

Spür den Wackenschlamm

Während das Bier in Strömen läuft, herrscht in der Wellnesslandschaft gähnende Leere. Im Fitnessraum stehen mehr Bierdosen als Metaller, das Interesse für Zahnreinigungen und Faltenstraffungen hält sich in Grenzen. Auch Tui-Mann Richard Vogel räumt ein: "Die Damen im Spa-Bereich würden gerne etwas mehr tun. Aber ganz ehrlich: Wer bis morgens sechs Uhr trinkt, steht nun mal am nächsten Morgen nicht um 10.30 Uhr beim Pilates auf der Matte."

Mit speziell angepassten Massagen (Wackenschlamm!) will das Reiseunternehmen die Gäste in die Wohlfühloase locken. So gibt es eine Gesichtsanwendung namens "Wellenbrecher", benannt nach den meterlangen Zäunen vor den Bühnen auf Festivals. Außerdem im Angebot: Die Nackenmassage "Neckbreaker Special" für den "anspruchsvollen Mosher" und das "Bath of Hell". Doch so richtig zieht das Angebot nicht.

Auch die Shopping-Mall sehen viele Metaller nur auf dem Weg zu den Konzerten, zum Leidwesen von Aljosa Kovacevic. Im knallroten Polohemd versucht er bunte Oberteile und Handtaschen an den Mann zu bringen. Vergebens. "Ich habe so gut wie nichts zu tun. Die Leute tragen alle nur schwarze T-Shirts mit Totenköpfen und Dämonen drauf."

Dagegen platzt beim Berliner Tätowierer Alf Rentmeister der Terminkalender aus allen Nähten. Er sticht kostenlose Tattoos des "Full Metal Cruise" - oder Wackenlogos. Die Nachfrage ist riesig: "Schon vor Beginn der Reise war ich weitgehend ausgebucht", so der 35-Jährige.

Auch Michael ist mit der Kreuzfahrt zufrieden: "Jeden Tag ist man an einer anderen Location", sagt der 34-Jährige. Doch seine Freundin Henny hat einiges zu bemängeln: "Mir fehlt hier die persönliche Atmosphäre von Festivals. Es ist was anderes, ob man in Zelten übernachtet und nachts Betrunkene die Heringe herausziehen, oder ob man Wand an Wand in Kabinen liegt. Die Stimmung ist einfach nicht dieselbe." Auch Michael findet, das Schiff hat sich nicht genug auf die Metaller eingestellt. "Es hätte vielleicht weniger Wellness-Angebote und dafür mehr Tätowierer und Piercer geben sollen."

Prominentes Früchstücksbuffet

Ist der Wacken-Dampfer also nur eine Kreuzfahrt für tätowierte Säufer? Keineswegs: Im Gegensatz zum US-Vorbild "70.000 Tons of Metal", einer Metalkreuzfahrt quer durch die Karibik, versuchen die Veranstalter ein anspruchsvolles Rahmenprogramm zu bieten. So gibt es eine Kochshow mit Tim Mälzer, diverse Lesungen und eine Modenschau mit allen Trends zu Nieten, Leder und Korsagen.

  Gute Stimmung am Pooldeck

Gute Stimmung am Pooldeck

Im Casino kann man sich zu später Stunde auch an einer Karaokebar mit Live-Band austoben. Zwar werden bei den Songs nur selten die richtigen Töne getroffen, dafür gibt es die Chance, den auftretenden Musikern hautnah zu sein. Denn ein separater Backstage-Bereich fehlt auf dem Metalschiff. Die Künstler müssen sich wie jeder Besucher am Frühstücks-Buffet anstellen, auf das Omelett warten und an der Seenotrettungsübung teilnehmen.

"Das ist der Hammer", findet Michael Fetgenheuer (39) aus Freiburg. Er ist mit einer Gruppe von elf Leuten angereist und findet es großartig, mit seinen Lieblingsbands an der Bar ein Bier trinken zu können. "Wann kann man das denn sonst mal machen? Es ist toll, dass Künstler und Publikum gemeinsam frühstücken." Auch bei den Musikern kommt die Nähe zum Publikum gut an: "Nirgendwo ist man näher an seinen Fans als auf diesem Schiff", sagt Eric Fish, der Frontsänger der Mittelalterband "Subway to Sally".

Heavy-Metal-Fan Alexandra Blattert (44) war von der Auswahl der Bands etwas enttäuscht. "Da hätte ich mehr erwartet", sagt sie. "Trotzdem sind die Preise okay." Sie kann sich vorstellen, die Kreuzfahrt auch noch einmal zu buchen.

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