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Gegen den Strom

Der Drei-Schluchten-Damm hat Chinas Paradestrecke für Flusskreuzfahrten für immer verändert. Der über 600 Kilometer lange Stausee hat jetzt seine endgültige Größe erreicht.

Von Stefan Schomann

  • Stefan Schomann

In China speien Drachen kein Feuer, sondern Wasser. Sie können schreckliche Zerstörung bringen: Taifune, Überschwemmungen, Springfluten. Sie können aber auch Fruchtbarkeit schenken, Reichtum und Energie. Man muss sie nur zu zähmen wissen.

Der größte Drache ist der Jangtsekiang, mit 6380 Kilometern der drittlängste Strom der Erde. Die Einheimischen nennen ihn schlicht Changjiang, Langer Fluss. Vom tibetischen Hochland schlängelt er sich durch die Berge Sichuans, um schließlich durch die berühmten drei Schluchten hindurchzubrechen in die fruchtbare, von ihm selbst geschaffene Ebene, in der ein Zwölftel der Menschheit lebt: gut 450 Millionen Chinesen.

Seit den Tagen Sun Yat-sens hatte noch jede Regierung den Traum, diesen Drachen zu zähmen. 2006 nun ging die Talsperre in Betrieb, und mittlerweile hat der Stausee seine endgültige Größe erreicht: bis zu hundert Meter tief und 660 Kilometer lang. Neben massiven ökologischen und sozialen Auswirkungen hat er auch einen touristischen Nebeneffekt: Nun können hier die größten Flusskreuzfahrtschiffe der Welt fahren. Schwimmende Grand Hotels wie die "Century Diamond", ein sechsstöckiger Brummer mit gläsernen Aufzügen und mit Balkonen vor jeder der 135 Kabinen.

Drei Schluchten - fünf Schleusen

Fast feierlich empfängt uns hinter Yichang ein himmelhohes Felsentor: die Xiling-Schlucht. Hier also nimmt eine der berühmtesten Landschaften Asiens ihren Anfang, eine Kette von Fjorden im Inneren des Kontinents. Die Fahrt führt stromauf. Im Morgennebel sind die Berge nur schemenhaft erkennbar; es herrscht das typische grau in grau hiesiger Breiten. Bis tief hinein ins Hinterland wird China im Sommer vom Monsun regiert, der einen undurchdringlichen Dunstschleier über das Land legt. So dass eine Jangtse-Fahrt stets zu einer mystischen Angelegenheit gerät. Nichts für Gemütskranke und Sonnenanbeter also, eher schon für Fantasy-Liebhaber.

Dann und wann hallt Hämmern aus einem Steinbruch herüber, Fräsen von einer Werft oder Quieken von einem Hof. Nach drei Stunden kommt der Staudamm in Sicht, und die Szenerie verändert sich radikal. Die Schlucht weitet sich zu einem Trogtal, das von einem Sperrriegel aus Beton verbarrikadiert wird. Wir legen in Sandouping an, kurz vor der Staumauer. Und wie auf Kommando dringt Sonnenschein durch den milchigen Morgen. Zahlreiche Reisegruppen von der Schulklasse bis zum Seniorenklub bestaunen das neue Nationalheiligtum.

Schenkt man den amtlichen Angaben Glauben, so werden fast neun Prozent von Chinas Strombedarf hier erzeugt. Die Talsperre ist zu einer Attraktion geworden, ebenso berühmt wie die Schluchten, nur weniger romantisch. Am Nachmittag fahren wir in die erste von fünf Schleusen ein, passgenau wie ein Sarkophag in eine Grabkammer. Die Passagiere verfolgen das Schauspiel an Deck: Wie sich die rückwärtigen Tore langsam schließen, wie vorne ein mächtiger Wasserschwall einströmt, wie die Schiffe Meter für Meter nach oben gehievt werden, wie dann alles bedeutungsvoll innehält, bis endlich vorne die Pforten aufgehen - nur um den Weg in die nächste Kammer freizugeben. Erst in der Abenddämmerung kommt es dann zu jenem magischen Moment, an dem statt eines weiteren Tores der Horizont erscheint.

Kung-Fu-Panda und Peking-Ente

Einige Passagiere speisen nun à la carte auf Deck 6, andere hängen noch in der Panoramabar, wieder andere irren unsicher umher; ein Schiff dieser Größe verlangt einiges an dreidimensionalem Vorstellungsvermögen. Die meisten aber streben dem Buffetrestaurant auf Deck 2 zu. Am Eingang macht Kreuzfahrtdirektor Andreas Achaz die Honneurs. Der Österreicher ist der einzige Europäer unter 150 chinesischen Besatzungsmitgliedern. Sie haben ihm den Spitznamen Kung-Fu-Panda verpasst, seiner Wohlbeleibtheit wegen wie seiner resoluten Art. Achaz war schon bei Bau des Schiffes auf der Werft bei Chongqing dabei. "Das Kunststück war, von Anfang an westliche Standards zu etablieren, ohne aber die hiesigen Gepflogenheiten zu missachten."

Da zunehmend auch Chinesen diese Fahrten buchen, Auslandschinesen vor allem, bemüht sich Achaz‘ Team, beide Welten zufriedenzustellen. Zum Frühstück gibt es sowohl Brötchen wie auch Nudelsuppe, abends Schweinebraten ebenso wie Peking-Ente. Im Leseraum spielen die einen leise Schach, die anderen geräuschvoll Mah-Jongg, und das Unterhaltungsprogramm bietet sowohl gelehrsame Vorträge wie gesellige Karaoke-Einlagen.

Das chinesische Atlantis

Am nächsten Morgen herrscht wieder Dunst; die Flusslandschaft verschwimmt zum Aquarell. Noch immer klaffen die Wände der Wuxia-Schlucht fast tausend Meter hoch; nur etwa siebzig Höhenmeter sind im See verschwunden. Wir legen schließlich in Wushan an - im neuen Wushan, denn die alte Stadt liegt auf dem Grunde des Sees begraben wie ein chinesisches Atlantis. Die neue, in sicherer Höhe, aber unnatürlich steiler Lage errichtet, liegt an der Einmündung des Daning.

Früher war diese Einfahrt zu den "drei kleinen Schluchten" ein schmaler, seichter Zufluss, auf dem Touristen in wackeligen Langbooten ein kurzes Stück flussauf fuhren. Heute bilden sie ein breites, jadegrünes Band. Mit einem klobigen Ausflugsdampfer schippern wir hinein; erst tief drinnen steigen wir auf hölzerne "Sampans" um, damit es wenigstens noch ein bisschen schunkelt. Eine Mönchsklause prangt unter rostroten Klippen, und auf einer Anhöhe stimmen ein paar kostümierte Musiker eine elegische Weise an; Loreley lässt grüßen.

In Wushan waren rund 100.000 Menschen von der Umsiedlung betroffen. Die allermeisten, erzählt unser örtlicher Führer, betrachteten das als eine Art Beförderung, hin zu höherer Lebensqualität und modernerer Infrastruktur. Und das stimmt gewiss auch - aber wenn er etwas anderes erzählen würde, wäre er die längste Zeit Reiseführer gewesen. Mit trötendem Nebelhorn legt die "Century Diamond" schließlich wieder ab, gleitet in die Mitte des Stromes und reiht sich ein in die tuckernde Prozession der Flussfahrer.

Buddha auf der Bergspitze

Am dritten Tag dann der letzte Landgang, die Besteigung des Tempelbergs von Fengdu. Seine Hallen und Höfe beherbergen ein Panoptikum aus taoistischen Naturgottheiten, keulenschwingenden Kriegern und schmerbäuchigen Buddhas. Thema dieses Geisterparks sind die Schrecken und Segnungen des Jenseits. Die schaurigen Namen vieler Stätten - Blutfluss, Brücke ohne Ausweg, Turm des letzten Blicks auf die Heimat - haben ebenso wie Fengdus Prädikat "Geisterstadt" durch den Stausee neue Bedeutung erhalten.

Unsere Fahrt endet in Chongqing, der fernen Metropole im Gebirge, am Zusammenfluss des blaugrauen Jialing mit dem sepiafarbenen Jangtse. Schemenhaft tritt die Skyline am frühen Morgen aus dem Dunstschleier heraus. Seilbahnen schweben wie eiserne Hutschachteln über die Flüsse. Die Lichter verlöschen, der Tag hebt an. Ein letzter magischer Moment, bevor der Rummel der Ausschiffung beginnt und alle zurück in die Wirklichkeit müssen.

Das also war sie, die Paradestrecke des Jangtse. Lang genug, um Fühlung aufzunehmen mit Chinas Schicksalsstrom. Aber doch zu kurz, um seine ganze Bedeutung zu begreifen. Das wäre wohl erst auf einer großen Flussfahrt möglich: von den Klüften Sichuans bis hinunter in die Straßenschluchten Schanghais.

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