An der Leerstelle der westlichen Welt

8. September 2010, 08:54 Uhr

Der Ort, an dem bis 2001 das World Trade Center stand, ist die beklemmendste Attraktion New Yorks. Es ist nur eine Baustelle - doch wer will, kann hier einiges von den Weltläuften verstehen. Von Frank Thomsen

Ground Zero, New York City, World Trade Center, 911, 9/11, Twin Towers

Ground Zero: Wo jetzt das One World Trade Center entsteht©

Ich bin in New York, und ein Ort zieht mich wie kein anderer an: Ground Zero. Das letzte Mal war ich Anfang September 2001 in dieser Stadt. Zwei Tage vor dem Einsturz des World Trade Centers flog ich vom Newark Airport wieder nach Hause. Ich konnte beim Start auf Manhattan sehen. Es war einer dieser Augenblicke, die man auch nach vielen Jahren erinnert, als besäße man eine Postkarte von ihnen. Die Nachmittagsonne ließ das Meer der Hochhäuser glitzern. Dicht an dicht standen sie Spalier. Zwei von ihnen reckten sich extra weit in den blauen Himmel: die Twin Towers, noch mal unfassbar viel höher als alle umstehenden Türme. Klobige Weltwunder - irre und faszinierend.

Zwei Tage später, ich war zurück im Büro in Hamburg, steuerten Terroristen Flugzeuge in die Türme und brachten sie zum Einsturz. Seit diesem 11. September 2001 wollte ich wieder hin. Um mit eigenen Augen das Loch zu sehen. Um besser als aus dem Fernsehen zu verstehen, welche Wunde der Anschlag gerissen hat.

Ortstermin am Ground Zero

Es ist noch früh am Sonntagmorgen, als ich an der 49. Straße die Treppen zur roten Subway-Linie 1 Richtung Downtown heruntersteige. An einem Pfeiler sind die Stationen angeschlagen. Eine, Cortlandt Street, ist in einem helleren Grau geschrieben. Dahinter steht: "Temporarily closed", vorübergehend geschlossen. Es ist die Haltestelle, die sich unter dem World Trade Center befand. Sie ist seit 2001 für Züge Richtung South Ferry gesperrt. Wenn die U-Bahn Cortlandt Street erreicht, fährt sie ganz langsam. Bretter sind zu sehen. Tageslicht schimmert hindurch - das Licht von Ground Zero, ganz unten. Subway Number one rumpelt mitten durch die noch immer offene Wunde der westlichen Welt.

Ich steige eine Station später aus, Rector Street. Treppen hoch, die Straße führt direkt auf Ground Zero zu. Rechts, an der Ecke Liberty Street und Rector Street, liegt die Feuerwache 343. Die Männer dieser Wache waren die ersten am Unglücksort. Die Türme fielen direkt vor ihre Tür. An der Hauswand hängt ein großes Relief mit den brennenden Türmen und den Namen aller gestorbenen Feuerwehrleute. Wand und Relief sind viele Meter lang.

Ein paar Schritte nur noch, dann stehe ich am Ground Zero - vor dem Nichts. Überall sonst in Manhattan drängelt sich Hochhaus an Hochhaus, Wohnblock an Wohnblock. Hier öffnet sich der Himmel. Überall sonst wäre man darüber froh. Hier ist es der falsche Himmel. Es ist der Himmel, aus dem Mohammed Atta kam. Aus dem die Verzweifelten fielen, denen nur die Wahl blieb, aus dem 90. Stock zu springen oder dort oben in den Flammen aufzugehen. Alle Bilder sind sofort wieder da. Es geht nicht nur mir so: Die Touristen neben mir reden nicht viel, alle blicken berührt auf diese monumentale Baustelle. Richtig lachen wird an diesem Vormittag, an dem ich einmal um Ground Zero herumlaufe, keiner.

Der Freedom Tower wächst zaghaft

Das Areal ist viel größer als in meiner Erinnerung. Sieben Hektar - es dauert, bis man einmal herum ist. Der Weg führt immer am Bauzaun entlang. Zu sehen gibt es eigentlich nicht viel. Der Zaun ist mit Brettern verschlagen und deutlich über zwei Meter hoch. An den wenigen Stellen, an denen man einen erhöhten Blick auf die Baustelle hat, sieht man viel Matsch, gar nicht so viele Kräne und mehrere Bagger. Der Freedom Tower, der mit mehr als 500 Metern Höhe Amerikas höchstes Gebäude werden soll, wächst erst zaghaft. Von der Gedenkstätte mit den Bassins, den Wasserfällen und den Namen aller Opfer, die genau an den Stellen entstehen sollen, an denen die Türme standen, noch keine Spur.

Ohne das Wissen um die Bedeutung dieses Platzes wäre es lediglich eine sehr große und sehr langweilige Baustelle. Doch mit dem Wissen empfinde ich es als höchst politischen Ort. Hier, am Bodennullpunkt der USA, verstehe ich, warum damals so rasch der Plan entstand, das Gebiet wieder hoch zu bebauen. New York, Amerika, ja, die westliche Welt können es sich nicht gefallen lassen, dass islamische Terroristen ihre höchsten Türme zerstört haben. An dieser Stelle, genau hier, muss ein noch größerer Turm errichtet werden. Ein Symbol der Unbeugsamkeit der freien Welt. Und so das Gegenteil der Einreisekontrollen am Flughafen, wo man als Besucher wie ein Verbrecher empfangen wird - Fingerabdrücke, Foto, Befehle: "Please move, don't stand." Der Freedom Tower oder One World Trade Center, wie er korrekt heißt, dessen Bau ich aus der Ferne viele Jahre lang für kindisch hielt - hier bekommt er seinen Sinn.

Einen ganzen Vormittag verbringe ich am Ground Zero. Dabei bleibt noch nicht mal Zeit für das Ground Zero Museum. Auch in die Räume der 9/11 Memorial Preview Site in der Vesey Street schaue ich nur kurz herein. Hier zeigen Modelle und Bilder, wie es in einigen Jahren aussehen soll, wenn alle Bauarbeiten abgeschlossen sind. Der Besuch der Preview Site, die hinter großen Schaufenstern nicht zu übersehen ist, empfiehlt sich. Erst hier verstehe ich, wo exakt die Türme gestanden haben und wo was neu gebaut wird.

Schutz unter dem Dach der Kirche

Gleich gegenüber steht die kleine St. Paul's Chapel. Sie ist berühmt geworden durch den 11. September. Die Kirche diente als Feldbettlager für die Helfer, damit die wenigstens ein paar Stunden ausruhen konnten. Der Zaun rund um den kleinen Friedhof war gespickt mit Fotos und Briefen von Angehörigen, die die Hoffnung nicht aufgeben oder gemeinsam trauern wollten. Der Reverend predigt gerade. Sein Thema an diesem Sonntag: der Anschlag auf die Türme. Noch immer versucht er, das Unfassbare zu erklären: Wie konnte Gott das zulassen? Der Pastor weiß es nicht, er sucht nach Worten des Trostes. Dass seine kleine Kapelle gleich neben Ground Zero noch steht - für ihn ist es ein Zeichen. "Gott", sagt der Reverend nun, und seine tiefe Stimme füllt die Kirche, "Gott macht uns standhaft." Ich denke: Das hat Mohammed Atta auch geglaubt, als er hoch über der St. Paul's Chapel auftauchte.

Nein, Trost darf beim Besuch von Ground Zero niemand erwarten. Wer darauf verzichten kann, ist hier trotzdem richtig. Diese Baustelle ist keine Sehenswürdigkeit, eher schon: eine Verstehenswürdigkeit.

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