Manhattans Sonnenbank auf Stelzen

29. Juni 2009, 14:52 Uhr

Auf einer alten Bahntrasse wucherte mitten in Manhattan wildes Gestrüpp. Nun ist der Dschungel auf der High Line gelichtet und als öffentlicher Park allen zugänglich. Von Jessica Braun

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New York, Manhattan, Parks

Pool-Vergnügen auf dem Dach des Gansevoort-Hotels in der Nähe des Parks©

Die Bikinischönheiten haben nur Augen für sich selbst. Es ist Wochenende in New York und die Stadt erlebt die erste Hitzewelle des Jahres. Auf dem Dach des Hotel Gansevoort im Meatpacking District werden Cocktails am Pool serviert. Die Musik ist laut, die Straßen unten noch lauter. Ein junger Mann in Badehose lehnt sich etwas abseits an die gläserne Brüstung der Terrasse, um zu telefonieren. Plötzlich stutzt er. "Moment mal - was ist das denn?"

Von oben betrachtet bietet der High Line Park einen seltsamen Anblick. Parallel zum Hudson erstreckt sich die Hochbahntrasse auf mehreren Metern Höhe vom Meatpacking District über West Chelsea bis Hell's Kitchen entlang historischer Industriebauten, Wohnhäuser und moderner Büropaläste. Die Bahnlinie, die jetzt nach und nach zum Park umgebaut wird, stammt aus den 30er Jahren. Ursprünglich war sie eine Strecke für Güterzüge, die das Vieh in das Schlachthof-Viertel transportierten.

Erst in den letzten Jahren wurde das Brachland zu etwas Besonderem: zu einer feinen, grünen Ader, umgeben von Stein und Beton. Denn seit vor fast 30 Jahren der letzte Waggon mit gefrorenen Truthähnen über die Schienen rollte, wucherte die Bahnlinie zu: Hüfthohe Gräser in den unterschiedlichsten Grüntönen wiegen sich im Wind. Bäume schieben ihre Wurzeln unter den rostigen Schienen hindurch und saftiges Moos überzieht die modernden Holzplanken. Die waldige Trasse ist ein Stück Wildnis inmitten des Großstadtdschungels - das Werk von Wind und Vögeln, die Pflanzensamen verteilten. Mit der Zeit konnte sich auf den Hochbahnschienen eine ganz eigene Vegetation entwickeln - ein schienenbreiter Garten Eden für jeden Hobbybiologen. Wären da nicht die "Betreten verboten"-Schilder, die Unbefugte an Streifzügen durch die Wildnis in luftiger Höhe hindern sollen.

Tummelplatz für Entdecker

"Als ich klein war, bin ich oft mit meinem Bruder dort oben gewesen", erzählt der Schauspieler Ethan Hawke. "Es war ein magischer Ort." Eine Erfahrung, die er mit den meisten der anderen Mitglieder des Fördervereins "Friends of the High Line" - der Freunde der High Line - teilt. Obwohl das Betreten der Trasse wegen unter den Pflanzen verborgenen Scherben oder rostiger Metallreste nicht ungefährlich war, wurde sie schnell zu einem Tummelplatz für Abenteuerlustige. Teenager trafen sich dort zur Mutprobe, Verliebte zum Kuss zwischen Kräutern und Blumen. Dealer und Obdachlose tauchten im Grün unter. Anwohner nutzten das unberührte Fleckchen Erde, um dort Gemüse anzubauen.

Die grüne Ader im Westen New Yorks war ein Biotop - nicht nur für Gräser und Sträucher, sondern für eine anarchistische Form urbanen Lebens im Freien. Ein Märchenwald, in dem alles möglich war, was die Stadt sonst nicht zuließ. Und so gab es schnell Gegenwehr, als sich Mitte der 80er Jahre einige der Eigner der umliegenden Grundstücke dafür aussprachen, die Schienen einreißen zu lassen. Dort, wo die High Line verlief, konnte nicht gebaut werden, und die Trasse verdunkelte die Straßen und hielt so die Grundstückspreise niedrig. Doch für viele der Anwohner war sie genau deswegen auch eine Bereicherung.

Erst war es nur der Eisenbahnfan und High Line-Nachbar Peter Obletz aus dem Viertel Chelsea, der sich dafür einsetzte, die Linie wieder in Betrieb zu nehmen. Seine Versuche blieben erfolglos, doch die Trasse rückte mehr und mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. 1999 gründeten die zwei Anwohner Joshua David und Robert Hammond den Verein "Friends of the High Line". Ihr Ziel: Aus dem Wildwuchs sollte ein öffentlicher Park entstehen.

Eine Bauruine wird zum Freizeitpark

Die Argumente der Bürgerinitiative überzeugten: Parks steigern die Lebensqualität in den angrenzenden Wohnvierteln. Dadurch klettern die Grundstückspreise - die Stadt bekommt das investierte Geld durch höhere Steuereinnahmen zurück. Doch letztlich waren es weniger die pragmatischen als die emotionalen Argumente, die den Verein und damit auch den Druck auf die Stadt wachsen ließen. Mehr und mehr Prominente unterstützten die Idee eines Parks auf Schienen: Neben Schauspieler Ethan Hawke, seinen Kollegen Edward Norton und Kevin Bacon, der Designerin Diane von Fürstenberg und dem Fotografen Joel Sternfeld waren es vor allem die Anwohner, die sich für die Erhaltung stark machten.

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
klabautermann79 (29.06.2009, 15:59 Uhr)
Feine Sache
Das scheint eine gute Idee gewesen zu sein, aus der Not (Ruine) eine Tugend (Park) zu machen. Sieht auch wirklich gut aus auf den Bildern. Vor allem die "Spurrillen" sind irgendwie ganz witzig. Die sollen sicher den fließenden Übergang vom Grünen zum Beton symbolisieren, bzw. dass alles von Menschenhand Gebaute nur eine Weile sich selbst überlassen sein muß, bis es sich die Natur wieder zurück holt. Nette Idee.