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Ein Slum wird Touristenziel

Lange war der nördlichste Bezirk New Yorks eine Gegend, die von Reisenden gemieden wurde. Das hat sich geändert. Die Bronx erblüht. Die Entdeckung eines einst verpönten Stadtteils.

Von Jessica Braun

Die Bronx
  • Jessica Braun

Hügelig und Grün, so wie einst die ganze Stadt gewesen sein muss, präsentiert sich Riverdale am Ufer des Hudson River. Hier sind die Grundstückspreise hoch: Ein Zeichen für die Begehrtheit des Bezirks. Und auch, wenn es nicht so aussieht. Riverdale ist ein Teil der Bronx. Und nicht der einzige, in dem es sich gut leben lässt. Ursprünglich war die Bronx Farmland: Hier hatte sich in der Mitte des 17. Jahrhunderts die schwedische Familie Bronck angesiedelt. Wer hier hinausfuhr, besuchte die Broncks, weswegen es der einzige New Yorker Bezirk ist, der heute immer noch in Verbindung mit einem Artikel genannt wird.

Die Bronx hat allerdings ein Problem: Es gibt zu viele Vorurteile, die Touristen davon abhalten, den Bezirk überhaupt zu betreten. Diese sind nicht ganz unbegründet, denn bis vor zehn Jahren sahen manche der Straßen dort aus, als wäre "hier gerade ein Krieg ausgetragen worden", wie es die Bewohner ausdrücken. Bekannt geworden ist die Bronx durch ihre Kriminalität. In den 60ern gehörten Schießereien, besonders in der South Bronx, zum Alltag. Banden regierten die Straßen, Prostitution und Drogen machten die Gegend zu einem gefährlichen Ort. Für jeden, der seine Kindheit dort verbracht hatte, ohne selbst straffällig zu werden, war die Bronx daher auch ein Gütesiegel. Ein "Bronxite" zu sein bedeutete: Ich hatte es nicht leicht, aber habe es trotzdem geschafft.

Wer noch nie die Bronx besucht hat, wird vom nördlichsten der fünf New Yorker Bezirke überrascht sein. Denn das negative Image versperrt die Sicht auf die Schmuckstücke der Bronx. Hier steht beispielsweise die alte Kennedy-Villa, unterhalb der sich eine der schönsten, öffentlichen Gartenanlagen der Stadt erstreckt. Auf über zehn Hektar Fläche mit Blick auf den Hudson kann man in "Wave Hill" zwischen Rosenranken oder Lavendelbüschen flanieren. Ein echtes Ausflugsziel, denn hier darf über den Rasen laufen, Ball spielen oder picknicken. Ähnliches gilt natürlich auch für das Yankee-Stadium, auf das die Loreley von ihrem Joyce-Kilmer-Park aus hinabblickt.

  Der Wave Hill Park ist ein beliebtes Ausflugsziel zum Entspannen

Der Wave Hill Park ist ein beliebtes Ausflugsziel zum Entspannen

Wo die Welt noch in Ordnung ist

Im Rücken der Loreley liegt der Grand Boulevard, der ursprünglich die Pariser Champs-Élysées in den Schatten stellen sollte. Das hat er nicht ganz geschafft, doch wer sich die Zeit nimmt, an ihm entlang zu schlendern, wird schnell von den Art-Déco-Bauten begeistert sein. Noch sind die meisten in eher schlechtem Zustand, aber die Stadt kümmert sich derzeit stark um die Wiederbelebung des Viertels. So wurden die ersten Wohnhäuser saniert und erstrahlen in neuem Glanz. Wer hier wohnt, hat nicht nur Platz und hohe Decken, sondern auch ein Naherholungsgebiet vor der Tür: den Bronx Zoo, den größten in einer Stadt gelegenen zoologische Garten der USA. Die Lebensqualität in der Bronx ist gerade in letzter Zeit enorm gestiegen.

Ein weiteres Highlight ist die kleine Insel City Island mit ihren pastellfarbenen Holzhäusern, Yachtanlegern, wilden Stränden und Möwenschreien. Hier ist die Welt noch ein Dorf. Man kommt schnell ins Gespräch und jeder, der hier ein Häuschen hat, ist gern bereit einem neben Anglerlatein und Seemannsgarn auch mehrere Gründe dafür zu liefern, warum es so gut ist, ein Bronxite zu sein.

Denn noch ist die Bronx ein Multikulti-Stadtteil und von der Upperclass genauso bewohnt, wie von der Mittelschicht und den sozial Schwächeren. Anders als im Rest der Stadt gibt es hier noch viele "Mom&Pop-Stores", das Pendant zu unseren Tante-Emma-Läden, und familiengeführte Restaurants, die auf eine lange Tradition zurückblicken. Im Bronx-eigenen Little Italy lassen sich die Anwohner gern in Diskussionen darüber verwickeln, in welchem der kleinen Delikatessen-Geschäfte man die besten Dolci oder das frischeste Gemüse bekommt. Von den Zigarren - eher eine Spezialität der kubanischen Einwanderer - ganz zu schweigen.
Doch sobald hier die Gentrifizierung Einzug erhalt mit ihren Kaffeeketten und Markenshops, sobald sich das Gesicht des Bezirks dem der restlichen Stadt anpassen wird, werden auch die ärmeren Einwohner und mit ihnen die lokalen Eigenheiten verschwinden. Der Tag, an dem die Bronx wirklich zu einem touristisch erschlossenen Teil New Yorks wird, ist absehbar. Vielleicht fünf Jahre. Vielleicht noch zehn. Besser, man war vorher noch mal da.

Jessica Braun

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