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Manhattans Sonnenbank auf Stelzen

Auf einer alten Bahntrasse wucherte mitten in Manhattan wildes Gestrüpp. Nun ist der Dschungel auf der High Line gelichtet und als öffentlicher Park allen zugänglich.

Von Jessica Braun

High-Line Park New York

Pool-Vergnügen auf dem Dach des Gansevoort-Hotels in der Nähe des Parks

  • Jessica Braun

Die Bikinischönheiten haben nur Augen für sich selbst. Es ist Wochenende in New York und die Stadt erlebt die erste Hitzewelle des Jahres. Auf dem Dach des Hotel Gansevoort im Meatpacking District werden Cocktails am Pool serviert. Die Musik ist laut, die Straßen unten noch lauter. Ein junger Mann in Badehose lehnt sich etwas abseits an die gläserne Brüstung der Terrasse, um zu telefonieren. Plötzlich stutzt er. "Moment mal - was ist das denn?"

Von oben betrachtet bietet der High Line Park einen seltsamen Anblick. Parallel zum Hudson erstreckt sich die Hochbahntrasse auf mehreren Metern Höhe vom Meatpacking District über West Chelsea bis Hell's Kitchen entlang historischer Industriebauten, Wohnhäuser und moderner Büropaläste. Die Bahnlinie, die jetzt nach und nach zum Park umgebaut wird, stammt aus den 30er Jahren. Ursprünglich war sie eine Strecke für Güterzüge, die das Vieh in das Schlachthof-Viertel transportierten.

Erst in den letzten Jahren wurde das Brachland zu etwas Besonderem: zu einer feinen, grünen Ader, umgeben von Stein und Beton. Denn seit vor fast 30 Jahren der letzte Waggon mit gefrorenen Truthähnen über die Schienen rollte, wucherte die Bahnlinie zu: Hüfthohe Gräser in den unterschiedlichsten Grüntönen wiegen sich im Wind. Bäume schieben ihre Wurzeln unter den rostigen Schienen hindurch und saftiges Moos überzieht die modernden Holzplanken. Die waldige Trasse ist ein Stück Wildnis inmitten des Großstadtdschungels - das Werk von Wind und Vögeln, die Pflanzensamen verteilten. Mit der Zeit konnte sich auf den Hochbahnschienen eine ganz eigene Vegetation entwickeln - ein schienenbreiter Garten Eden für jeden Hobbybiologen. Wären da nicht die "Betreten verboten"-Schilder, die Unbefugte an Streifzügen durch die Wildnis in luftiger Höhe hindern sollen.

Tummelplatz für Entdecker

"Als ich klein war, bin ich oft mit meinem Bruder dort oben gewesen", erzählt der Schauspieler Ethan Hawke. "Es war ein magischer Ort." Eine Erfahrung, die er mit den meisten der anderen Mitglieder des Fördervereins "Friends of the High Line" - der Freunde der High Line - teilt. Obwohl das Betreten der Trasse wegen unter den Pflanzen verborgenen Scherben oder rostiger Metallreste nicht ungefährlich war, wurde sie schnell zu einem Tummelplatz für Abenteuerlustige. Teenager trafen sich dort zur Mutprobe, Verliebte zum Kuss zwischen Kräutern und Blumen. Dealer und Obdachlose tauchten im Grün unter. Anwohner nutzten das unberührte Fleckchen Erde, um dort Gemüse anzubauen.

Die grüne Ader im Westen New Yorks war ein Biotop - nicht nur für Gräser und Sträucher, sondern für eine anarchistische Form urbanen Lebens im Freien. Ein Märchenwald, in dem alles möglich war, was die Stadt sonst nicht zuließ. Und so gab es schnell Gegenwehr, als sich Mitte der 80er Jahre einige der Eigner der umliegenden Grundstücke dafür aussprachen, die Schienen einreißen zu lassen. Dort, wo die High Line verlief, konnte nicht gebaut werden, und die Trasse verdunkelte die Straßen und hielt so die Grundstückspreise niedrig. Doch für viele der Anwohner war sie genau deswegen auch eine Bereicherung.

Erst war es nur der Eisenbahnfan und High Line-Nachbar Peter Obletz aus dem Viertel Chelsea, der sich dafür einsetzte, die Linie wieder in Betrieb zu nehmen. Seine Versuche blieben erfolglos, doch die Trasse rückte mehr und mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. 1999 gründeten die zwei Anwohner Joshua David und Robert Hammond den Verein "Friends of the High Line". Ihr Ziel: Aus dem Wildwuchs sollte ein öffentlicher Park entstehen.

Eine Bauruine wird zum Freizeitpark

Die Argumente der Bürgerinitiative überzeugten: Parks steigern die Lebensqualität in den angrenzenden Wohnvierteln. Dadurch klettern die Grundstückspreise - die Stadt bekommt das investierte Geld durch höhere Steuereinnahmen zurück. Doch letztlich waren es weniger die pragmatischen als die emotionalen Argumente, die den Verein und damit auch den Druck auf die Stadt wachsen ließen. Mehr und mehr Prominente unterstützten die Idee eines Parks auf Schienen: Neben Schauspieler Ethan Hawke, seinen Kollegen Edward Norton und Kevin Bacon, der Designerin Diane von Fürstenberg und dem Fotografen Joel Sternfeld waren es vor allem die Anwohner, die sich für die Erhaltung stark machten.

Lesen Sie auf der Nächste Seite: Wie Bürgermeister Michael Bloomberg den Dschungel lichten lässt

  Noch wirkt das junge Grün sehr licht: Das erste Parkstück wurde im Juni eröffnet

Noch wirkt das junge Grün sehr licht: Das erste Parkstück wurde im Juni eröffnet

2002 unterzeichnete Bürgermeister Michael Bloomberg den Beschluss zur Umwandlung der Bahnlinie in einen öffentlichen Park. Die Bauarbeiten begannen im April 2006, am 9. Juni 2009 wurde das erste Teilstück eröffnet.

Auf dem Sonnendeck

Von der Poolterrasse des Gansevoort Hotels aus kann man das erste fertige Teilstück sehen. Es reicht von der Gansevoort Street bis zur 20. Straße. Der Dschungel ist einer puristischen Begrünung gewichen. Erst wurde gerodet, dann gestaltet und neu bepflanzt. Den Landschaftsarchitekten war es wichtig, die alten Vegetationsstrukturen zu erhalten: Sie arbeiteten mit denselben Gräsersorten, Bäumschösslingen und Blumenarten, die ursprünglich der Wind auf die Trasse getragen hatte.

Auch die Schienen sind noch da - nun integriert in ein dynamisch wirkendes Muster langgezogener Steinplatten. Auch die Bänke, eigentlich Ruheplätze, wirken wie in Bewegung: Ihre Sitzflächen enden nicht, sondern laufen im Boden aus. Es ist erholsam, an einem heißen Tag den Schienen zu folgen. Der Wind weht vom Fluss herauf und dort, wo die High Line durch die alten Fleischereigebäude verläuft, ist es kühl wie in einem Burgverlies. Selbst die Installation aus in den Farben des Hudson River getönten Glasfenstern des Künstlers Spencer Finch scheint den Tag um ein paar Grad frischer zu machen. Auf dem "Sonnendeck" genannten Abschnitt stehen Liegen aus den alten Bohlen der Bahnlinie. Der Blick über den Hudson lässt einen fast vergessen, dass man mitten in der Stadt ist. Nur der Lärm ist noch da.

Infos:
New York: Die offizielle Tourismus-Website der Stadt: www.nycgo.com/german
Flüge nach New York: Alle großen Airlines landen am JFK-Aiport oder in Newark. Air Berlin fliegtim Sommer täglich via Düsseldorf. Preise ab 450 Euro (hin und zurück, inkl. Steuern und Gebühren) www.airberlin.com
Rumkommen: Der Aufgang zum High Line Park ist in der Gansevoort Street im Meatpacking District. Öffnungszeiten von 7 bis 22 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. theHigh Line.org
Übernachten: Das Gansevoort Hotel wird wegen Poolterrasse und Lage im In-Viertel gern von Prominenten frequentiert. Zwischen dem 15. Juni und 30. November bietet es das "Hit the High Line-Package" an: Eine Übernachtung für zwei Personen inklusive Picknick im Park, Thermosflasche und Buch über den Park kostet ab 425 Dollar. 18 Ninth Avenue, New York, NY 10014. Tel.: +1 212 206 6700, www.hotelgansevoort.com

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