Südafrikas unterschätzte Metropole

Zwischen Nobelviertel und Elendsvorort, zwischen Geschichtsbewusstsein und Partyvergessenheit: Johannesburg ist das Experimentierlabor des neuen Südafrika - und allemal einen Besuch wert. Von Peter Neitzsch

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Skyline von Johannesburg - im Volksmund auch liebevoll Jozi oder zynisch "Gangsta's Paradise" genannt©

Johannesburg ist hässlich. Keine Frage. Johannesburg ist großartig. Auch das wird nicht bestreiten, wer die heimliche Hauptstadt Südafrikas besser kennengelernt hat. Joburg - oder Jozi, wie die Johannesburger sagen - ist das Experimentierlabor des neuen Südafrika: Nirgends ist das Scheitern und das Gelingen einer afrikanischen Industrienation besser zu besichtigen als hier.

Das Scheitern, weil die Probleme nicht zu übersehen sind: die Kluft zwischen arm und reich, die Gewalt, die Verslummung ganzer Stadtteile. Das Gelingen, weil es wohl keinen zweiten Ort in Südafrika gibt, wo so intensiv über die Zukunft des Landes und seiner kulturellen Gruppen debattiert wird. Weil nur hier eine schwarze Mittelschicht entstanden ist, die selbstverständlich eindringt in die ehemals weißen Domänen, in Politik, Wirtschaft, Clubszene und Gated Communities. Und weil die Region prosperiert: 70 Prozent der Industrieproduktion des Landes stammen aus der Provinz Gauteng.

Dass Johannesburg den Ruf hat, zu den gefährlichsten Städten der Welt zu gehören, ist bekannt: Nach ihrem Autokennzeichen "GP" heißt die Stadt im Volksmund deshalb auch "Gangsta's Paradise". Die Kriminalitätsrate ist tatsächlich erschreckend hoch. Doch wer einige Vorsichtsmaßnahmen ergreift und bestimmte Gegenden wie Hillbrow oder Alexandra meidet, kann sich dennoch unbeschwert in der Stadt bewegen.

Gewühl aus hupenden Minibustaxis und Pendlern

Ohne fahrbaren Untersatz geht's allerdings nicht: Will man in der 3,8-Millionen-Metropole herumkommen, ist man auf ein Auto oder Taxi angewiesen, da es so gut wie kein öffentliches Nahverkehrsnetz gibt. Daran haben auch die neuen, zur WM eingeweihten Rea-Vaya-Busse wenig geändert. Ein Taxi vom Flughafen in die Stadtmitte kostet in etwa 200 bis 250 Rand, also 20 bis 25 Euro. Wer länger bleibt, ist gut beraten, ein Auto zu mieten.

Einmal motorisiert, kann man sich in Johannesburg auf Entdeckungstour begeben und in das Gewühl aus hupenden Minibustaxis und Pendlern auf dem Weg zur Arbeit stürzen. Zwischen Jeppe Street und der weiter südlich gelegenen Main Street befindet sich das Herz der City, hier dominieren Wolkenkratzer. Mittendrin, am Joubert Park, sind in der Johannesburg Art Gallery die Bilder europäischer und afrikanischer Künstler aus 500 Jahren zu sehen.

Galerien, Cafés und Jazzbars in der einstigen No-go-Area

Johannesburg beheimatet einige der besten Museen des Landes: Am Ende der Jeppe Street, im neugestalteten Stadtteil Newton, zeigt das Worker Museum Dokumente aus dem Leben der Minenarbeiter. Das benachbarte Museum Africa führt ein in die Kulturgeschichte des Kontinents. In der ehemaligen No-go-Area haben sich im Umfeld der Museen Galerien, Cafés und Jazzbars angesiedelt. Gegenüber bietet das Market Theatre im Gebäude des ehemaligen Gemüsemarkts Kultur auf vier Bühnen.

Von Newton führt die Nelson-Mandela-Brücke, eine imposante 284 Meter lange Seilkonstruktion, zum Constitution Hill nach Braamfontein. Auf dem Hügel steht das berüchtigte Old Fort Prison, in dem einst Freiheitskämpfer wie Nelson Mandela und Mahatma Gandhi im Gefängnis saßen. Aber auch einfache Bürger wurden hier wegen Verstöße gegen die Rassengesetze eingesperrt und misshandelt. Heute ist das einstige Symbol für die Unrechtsjustiz des Apartheid-Regimes Sitz des Verfassungsgerichts der jungen Demokratie.

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"ID-Pending" heißt das Stück der beiden Johannesburger Studenten Atandwa Kani und Nathanael Ramabulana©

Die Hautfarbe spielt immer noch eine Rolle

Vergangenheit und Zukunft liegen nah beieinander in Johannesburg: Vom Constitution Hill ist es nur ein Katzensprung zur Johannesburger Universität Witwatersrand. Auf dem Campus spielt die Hautfarbe auch fast 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid noch eine Rolle: Zwischen den Vorlesungen gesellt sich schwarz zu schwarz, weiß zu weiß.

Antandwa Kani und Nathanael Ramabulana haben daraus ein Theaterstück gemacht. In ihrer Abschlussarbeit "ID pending" nehmen die Schauspielstudenten die Multikulti-Uni auf die Schippe. Mit einem ernsten Kern: Es geht um Vorurteile, um Rassismus und Homophobie. "Da gibt es die weiße Soziologiestudentin, die so tut als gebe es keine Probleme", sagt Nathanael. "Und andererseits den wütenden, schwarzen Politikstudent, der hinter allem Rassismus vermutet."

Als die Apartheid endete, waren die jungen Menschen, die in "Wits" studieren, noch Kinder. Trotzdem lernen die Studenten an der Uni oft zum ersten Mal Gleichaltrige mit einem anderen ethnischen und kulturellen Hintergrund kennen. Professor Warren Nebe, der die Schauspielgruppe leitet, findet, das romantische Bild der "Regenbogennation" habe auch viel verdeckt. Nach dem Motto: "Wir lieben uns alle, aber komm mir ja nicht zu nahe."

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