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Abtauchen in der Traumbucht

Palawan hüten die Filipinos wie einen Schatz: Die Inselgruppe, die sich Hunderte von Kilometern durch den tropischen Ozean zieht, ist trotz ihrer Lagunen und seidigen Strände noch ein weißer Fleck.

Von Katja Senjor

Stellt euch eine Lagune vor, durch eine hohe, geschwungene Felswand von dem Meer und vorüber fahrenden Booten abgeschirmt. Denkt euch weißen Sand dazu … Süßwasserfälle rauschen auf der Insel, umgeben von Dschungel …, drei Schichten von Laubdächern, Pflanzen, die seit tausend Jahren niemand angerührt hat". Das schreibt Alex Garland in seinem Buch "Der Strand". Und prophezeit: "Nur wenige Glückliche erfahren, wo dieser Strand liegt …"

Dass die Wenigen nach der Entdeckung dieses letzten unberührten Strandes in Asien gar nicht so glücklich wurden, davon erzählt sein Roman. Ein Bestseller. Mit DiCaprio verfilmt. In Thailand. Was Garland immer gern verschleierte: Die echte "Beach"-Insel liegt auf den Philippinen, vor El Nido, ganz im Norden der Insel Palawan.

Palawan? Pala-wie? Fotos, spätabends im Internet entdeckt, zeigen eine Lagune in der Sulu-See, von der Sonne und dem weißen Sanduntergrund beleuchtet, das Türkis des Wassers scheint so grell, dass in meinem dunklen Zimmer ein bisschen die Sonne aufgeht. Auf einem Bild schwebt ein Auslegerboot durch eine transparente Fläche. Die Szenerie flankieren Granitfelsen mit Dschungelschöpfen. Hin und wieder hängt eine Liane, eine Luftwurzel, ein verwitterter Tropfstein im Meer.

Perfektes Asien: Wie Thailand, nur noch schöner, wilder

Und geheimnisvoller. Palawan, sagen selbst die Filipinos, sei ihre last frontier, nicht nur, weil der mehr als 400 Kilometer lange Inselrücken im Südwesten des Archipels fast bis nach Borneo reicht. Auch weil die Natur selbst für philippinische Maßstäbe einmalig ist. Viele Tiere und Pflanzen leben nur hier. Bis zu 2000 Meter hohe Berge prägen die Landschaft. Hunderte von Stränden ziehen sich an den vielen Buchten entlang. Dahinter wuchert der Dschungel, der zumindest teilweise gegen die allmächtigen Minenschürfer und Holzfäller verteidigt werden konnte. Von Umweltschützern wie Edward Hagedorn, deutschstämmiger Bürgermeister von Palawans Hauptstadt Puerto Princesa, der Sünder mit saftigen Strafen belegt und in seiner Stadt die Mülltrennung predigt. Von Ermie Aguirre, der sich für das Überleben der Batak-Ureinwohner einsetzt. Und von Menschen wie Gerry Ortega.

Viele Jahre moderierte der Tierarzt aus Puerto Princesa die Radiosendung "Ramatak", also "Wir sind viele". Eine Stunde lang sprach er mit seinen Landsleuten über ihre Sorgen. Dauerbrenner: der Schutz der Natur, die Korruption. Wo sind die Millionen geblieben, die Shell und andere große Ölfirmen für die Nutzung des Gasfelds im Meer vor Palawan gezahlt haben? Ihn wollte ich fragen, ob Palawan wirklich so grün regiert wird, wie die Politiker behaupten, welche der vielen Ökotourismusprojekte auf Palawan einen Besuch lohnen. Aber Gerry Ortega hat auf meine Email nicht mehr geantwortet. Er ist kurz vorher in Puerto Princesa erschossen worden. Noch ist ungeklärt, ob dabei die Minenbetreiber oder der Ex-Palawan-Governor Joel Reyes die Auftraggeber waren.

Nur 56.000 Deutsche fliegen auf die Philippinen

Auf dem Papier bezeichnet sich die Regierung der Philippinen als Demokratie. Allerdings sind auch alle Regenten nach dem Ende der Marcos-Diktatur den Herausforderungen von Piraterie, Korruption, bitterer Armut und religiösen Konflikten nicht gewachsen, was viele Touristen abschreckt. Während 2010 um die 600.000 Deutsche nach Thailand reisten, flogen gerade mal 56.000 auf die Philippinen. Auf der einen Seite bezaubern die über 7000 Inseln, von denen manche so einsam liegen, dass ein japanischer Soldat, der sich noch im Krieg wähnte, erst 1974 kapitulierte. Die schönsten Korallenriffe der Welt, die Reisterrassen, ein aufkeimender Ökotourismus.

Auf der anderen Seite steht der schlechte Ruf: Gab es da nicht die brutalen Aktionen der Abu-Sayyaf-Rebellen, die für einen unabhängigen islamischen Staat im Süden kämpfen? Die Entführung der deutschen Familie Wallert, den Überfall auf ein Hotel in Honda Bay, das Attentat auf eine Fähre von Manila, die korrupte Diktatoren-Familie Marcos, die Despotin Imelda mit dem Schuhtick - und jetzt auch noch den Mord an dem Journalisten? Sieht vielleicht deshalb der "Lonely Planet", den ich in einem Buchladen kaufe, schon so abgegriffen aus, weil viele vor mir in ihm blätterten und ihn dann doch zurückstellten? Sitzen deshalb so wenige Deutsche im Flugzeug, obwohl die Verbindung über Dubai sehr komfortabel ist?

Auch wenn die Inseln im Pazifik jahrelang von westlichen Touristen gemieden wurden, isolieren sich die Filipinos nicht von der westlichen Welt. Das gilt nicht nur für die Über-10-Millionen-Metropole Manila. Auch in Puerto Princesa auf Palawan tragen die Jogger weiße Kniestrümpfe und Baseballcaps; Rennradler im Neondress rasen unter den Palmen entlang, an einer Kreuzung wirbt eine Leuchtreklame für die knusprigen Hühnerbeine von Jollibee und die Umweltpolitik Edward Hagedorns. Die Mopedfahrer tragen Helm und halten am Zebrastreifen. Wären da nicht die fliegenden Händler an den Kreuzungen, die verrosteten Tricyles, die zwischen den klimatisierten Stadtjeeps vor sich hin schwanken, die Überlandlaster mit Rattanliegen, ich käme mir wie in Miami vor.

Gut sortiertes Chaos im Marktleben

In den Gassen rund um den Markt geht das öffentliche Leben in ein gut sortiertes Chaos über. Menschen schlafen in Hängematten, die zwischen Lampenpfosten aufgespannt sind, rasten in Liegestühlen auf dem Gehsteig, die man stundenweise mieten kann. Sie wohnen dort, wo Fahrräder repariert werden und Boxer trainieren, wo man Hühner schlachtet und Kampfhähne triezt. Ist die Garküche, an der ich für frittierten Oktopus anstehe, nicht doch einfach die private Küche der Familie, die auf Plastikstühlen davorsitzt? An den Marktständen wird gebetet, Knoblauch zu Türmen geschichtet, werden Schularbeiten gemacht, liegen Kinder schlafend zwischen der Ware. Wer seine Barthaare zupfen will, macht es hier, mit dem Spiegel in einer Hand und der Pinzette in der anderen.

Hinter einem Stand, der dampfende Stücke von zersägten Eisblöcken verkauft, geht es tief hinein in einen Schlund aus Hütten, Dächern und Leitern; Kinder spielen im Schmelzwasser. Fernseher dröhnen und die Videoke-Maschinen, eine Gruppe Männer grölt Schlager ins Mikrofon. An einer Luke werden die Zutaten für Mahlzeiten portionsweise für wenige Pesos verkauft: eine Chili, eine Limone, Knoblauch, eine Schale Reis, drei Fischlein, acht Stück Kohle. Zehn Beutel stehen vorbereitet auf einer Bastmatte. Das Geschäft scheint nicht gut zu gehen.

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