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Die Wiege der Fußballgötter

Als Fußballer hat Jorginho die Welt erobert, doch aufgewachsen ist er in den Favelas von Rio. Nun ist er dorthin zurückgekehrt, um den Straßenkindern eine neue Perspektive zu bieten - natürlich mit Fußball.

Rio de Janeiro – glamouröse 4-Millionen-Metropole am Zuckerhut. Sprühend vor Sinnlichkeit, vor Energie, rund um die Uhr. Doch Rio hat auch ein anderes Gesicht. Es ist hart, es ist mitleidlos, gezeichnet vom täglichen Kampf ums Überleben. Das triste Gesicht der Stadt zeigt sich in den Elendsvierteln, den Favelas, die hässliche Spuren in das schöne Image der Traumstadt ziehen und wie mit Fingern nach den feinen Wohn- und Geschäftsvierteln greifen.

Auch der einstiger Fußballstar Jorginho ist in einer Favela groß geworden. 1994 wurde er Weltmeister mit der brasilianischen Nationalmannschaft und mit Bayern München wurde er Deutscher Meister. Doch aufgewachsen ist Jorginho in einem tristen Viertel namens Guadalupe, weit außerhalb der pulsierenden City, in der Business und Bikini so nahtlos ineinander verzahnen.

Kickern als Ausweg

Jorginho, der eigentlich Jorge de Amorim Campos heißt, zeigt auf eine Ansammlung von gesichtslosen Häusern, lieblos hochgezogen und verwahrlost, ganz bestimmt kein Ort, der Geborgenheit vermittelt. Der Mann, dessen Talent einmal genau hier entdeckt wurde, weiß, wovon er spricht: "Wir haben hier zwei Favelas, eine links, eine rechts. Ich habe im Haus Nummer 302 gewohnt. Wir besaßen überhaupt nichts. Viele Freunde habe ich verloren durch Alkohol und Drogen. Wenn sie starben, dann ging häufig auch ihre ganze Familie daran zugrunde."Mit sechs Geschwistern wuchs der Junge in ärmlichsten Verhältnissen auf. 1974 starben Vater und älteste Schwester. Fußballspielen auf der Straße wurde für ihn zum Ventil. Dort entdeckte ihn ein Funktionär vom FC America Rio.

Er ködert sie mit Fußball

Offen spricht Jorginho auch seine eigene Vergangenheit als Straßenkind an: "Ich habe geraucht, ich habe getrunken. Aber ich hatte ein Ziel: Ich wollte unbedingt Fußballer werden. Irgendwann habe ich eingesehen, dass ich dieses Ziel nie erreichen würde, wenn ich so weitermache wie bisher. Um ein richtig guter Sportler zu werden, braucht man einen gesunden Körper. Also musste ich alle Laster aufgeben." Unterstützung in seinem Glauben fand er bei seinem Bruder, einem Pfarrer. Und er hatte eine Vision: Den Straßenkindern eine Zukunft zu schenken. Und er kennt den Code, mit dem er sie ködern kann: Futebol – Fußball! Seit 2000 bietet er zusammen mit dem ebenso bekannten Fußballstar Bebeto rund tausend Kindern von 6 bis 16 Jahren in einer Fußballschule eine Perspektive.

Sozialprojekte in Äthiopien und Indien

So heißt das Freizeitcamp in der Favela zwar "Bola Pra Frente" – auf deutsch "Ball nach vorne!", doch darüber hinaus laden die beiden Spitzensportler zu weiteren Kursen ein, als Wegbereiter in eine bessere Zukunft: "Wir haben hier Fußball, Volleyball und Karate, Tanz- und Gesangskurse. Mit Lehrgängen für Computer und Englisch machen wir die Jugendlichen fit für eine Berufsausbildung. Das ist ein Traum für mich. Ich habe gemerkt, dass die Kinder eine Möglichkeit zum Leben brauchen. Und ich glaube zu hundert Prozent, dass selbst die Ärmsten der Armen dann nicht kriminell werden." Und auch Mädchen sind an der Fußballschule, einige haben es sogar schon in Brasiliens Frauenmannschaft geschafft. 2003 haben Bebeto und Jorginho auch die Stiftung "Profifußballer helfen Kindern" in Deutschland mit ins Leben gerufen. "Ich habe 5 ½ Jahre lang in Deutschland gelebt", erzählt Jorginho. "Die Deutschen haben wirklich ein Herz für Hilfsbedürftige, das hat mich sehr bewegt." Neben Brasilien unterhalten Jorginho und Bebeto auch Sozialprojekte in Äthiopien und Indien.

Neunzig Prozent Arbeitslosigkeit

Wie Bola pra Frente schießen inzwischen überall in den Favelas Sozialprojekte aus der Erde. Das größte heißt "Mangueria do manha" – "Mangueira für morgen". Dazu gehört eine Sambaschule für Kinder, wo das ganze Jahr über für den Karneval geprobt wird. Bei seinem Besuch in Brasilien 1997 überbrachte der amerikanische Ex-Präsident Bill Clinton eine Auszeichnung der UNESCO als vorbildliche Sozialeinrichtung. Über 10.000 Personen sind in dem Projekt beschäftigt. Rund dreißig verschiedene Kurse werden hier angeboten, als Wegweiser auch zu einem Studium auf der eigenen Universität. Rund neunzig Prozent beträgt die Arbeitslosigkeit in dieser Favela. In Zusammenarbeit mit dem Zentral-Arbeitsamt von Rio versuchen Berater zu vermitteln.

Auftragsboom im Karneval

Zumindest diese Sorge ist den Kleinsten noch fremd. In grün-rosa Kleidchen, den traditionellen Farben der Mangueira, lernen sie, sich beim Ballett graziös zu bewegen, um an den Karnevalsumzügen teilzunehmen. Rund 2000 Kinder dürfen bei der großen Parade am Sonntag dabei sein.

In einem anderen Gebäude ist die Schneiderei für die prächtigen Kostüme untergebracht. Insgesamt 8000 Kostüme werden hier genäht und bieten bis zu hundert Schneiderinnen für einige Monate Arbeit. Denn jede Sambaschule will beim "Carnaval do Rio" dabei sein. Wenn der Rausch einiger Tage und Nächte die harten Konturen zwischen den Gesellschaftsschichten verwischt.

Ex-Fußball-Profi in der Abendschule

Für Jorginho, der inzwischen in dem angesagten Viertel Barra lebt, sind sie ohnehin schon fließend. Doch unermüdlich arbeitet er an seiner eigenen Fortbildung: "Ich habe nur die erste Stufe, also acht Jahre, auf der Schule geschafft. Ich war früher wirklich nicht besonders fleißig in der Schule, jetzt weiß ich ganz genau, wie wichtig Bildung ist, deshalb motiviere ich jetzt die Kinder. Da ich ihnen auch ein Vorbild sein muss, will ich selber jetzt nochmal schaffen, zur Universität zu gehen,um Firmenmanagement zu studieren. Ich muss jetzt ein bisschen fleißig sein." Zum Schluss des Besuches gibt es noch ein Autogramm von ihm. Jesus te ama! Jesus liebt Dich! hat er gleich zweisprachig darauf geschrieben.

Dagmar Gehm

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