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Vorwärts in die Vergangenheit

Ein Ausflug von Peking in das ursprüngliche China nach Shanxi: Im wilden Westen hängen Klöster an hohen Felsen und liegt Datong - ein Ort, der gerade eine neue Altstadt bekommt.

Von Stefan Schomann

  Blickfang: das hängende Kloster von Hunyuan

Blickfang: das hängende Kloster von Hunyuan

  • Stefan Schomann

Shanxi ist arm, Shanxi ist reich. Die Provinz "westlich der Berge" liegt nur wenige Fahrstunden südwestlich von Peking. Sie ist Teil des großen Lößplateaus, das gern als Wiege Chinas apostrophiert wird. Nahezu sämtliche Sehenswürdigkeiten hier sind älter als alles, was Besucher der Hauptstadt zu Gesicht bekommen. Wahlweise kann man die Stadt Datong als kleine Ausflucht nehmen, als zwei- bis dreitägige Exkursion weg von Peking, oder aber als den Auftakt zu einer Rundreise durch Shanxi und die Nachbarprovinz Shaanxi bis nach Xi'an, der Heimat der Terrakotta-Krieger.

Vom Xi Ke Zhan aus, Pekings monumentalen Westbahnhof, dauert die Fahrt nach Datong fünf Stunden; für China fast noch Nahverkehr. Der Zug schlängelt sich durch ein labyrinthisches Mittelgebirge mit zahlreichen Brücken und Tunnels, mit grünen Schluchten, lehmigen Flüssen und kahlen Klippen. Eine ganz andere Szenerie als die fade Tiefebene, die man bei Reisen gen Osten oder Süden zu durchfahren hat.

Der Reichtum der Provinz steckt unter der Erde

Schon bei der Anfahrt begegnen einem immer wieder Güterzüge und Lkw-Konvois, beladen mit Kohle, dem wichtigsten Rohstoff der Provinz. Im Herzen des Reviers liegt Datong. Eine Industriestadt mittlerer Größe, mit 700.000 Einwohnern im Stadtgebiet und drei Millionen im gesamten Großraum. Es hat das Flair einer Frontstadt. Peking ist weit, weiter als die paar Stunden Fahrt es vermuten lassen, während der wilde Westen Chinas spürbar näher scheint. In den Restaurants schmeißen die Leute die abgenagten Knochen auf den Boden, sie schlürfen löffelweise Essig als Lebenselixier, und in den wuchtigen Hotels, wo all die Delegationen und Geschäftsleute absteigen, huschen nachts hübsche Mädchen über die Flure.

Rekonstruierte Vergangenheit

Es dürfte leichtere Jobs geben als den des Fremdenverkehrsdirektors einer solchen Stadt. Herr De-an Sheng behilft sich, indem er sich den Kadern aus der Energiewirtschaft angleicht: forsches Auftreten, volltönende Stimme, die gewaltigen Brillengläser wie Schilde vor den Augen. Datong hat Großes vor, doziert er. Es soll eine neue Altstadt bekommen. In China kein Paradox, sondern Gegenwart. Datong besitzt längst keine Altstadt mehr, dafür hat "der große Sprung nach vorn" gesorgt. Nun zeigt sich, dass der alte Krempel doch etwas wert gewesen wäre. Also versucht man einen kleinen Sprung zurück.

So soll die Stadtmauer aufgemöbelt werden, ein krümelnder, mit Unkraut bewachsener Lehmwall. Doch jetzt wird Datong sich eine Mauer aus Ziegeln leisten, denn die macht mehr her. Nostalgie ist dem chinesischen Denken weitgehend fremd; Entwickeln geht vor Bewahren. Dementsprechend wird Denkmalschutz hier nicht um seiner selbst willen betrieben, sondern als Mittel zum Zweck. Wenn er von Nutzen ist, wenn er etwas einbringt, indem er zum Beispiel Touristen anzuziehen verspricht, dann ja. Aber auch dann nur halbherzig. Es genügt die Rekonstruktion in groben Zügen, als Raubkopie vergangener Zeiten.

  Ein China wie aus dem Bilderbuch: Mönch am Heng Shan, einem der fünf heiligen Berge der Daoisten

Ein China wie aus dem Bilderbuch: Mönch am Heng Shan, einem der fünf heiligen Berge der Daoisten

Kulturerbe von Weltrang

Zu den Höhepunkten der weiteren Umgebung zählt das "hängende Kloster" von Hunyuan. Wie Schwalbennester schmiegen sich die Pavillions an die Felswand, getragen nur von dünnen Stützen, kaum stabiler als Essstäbchen. Dahinter ragt der Gebirgszug des Heng Shan auf, einer der fünf heiligen Berge des Daoismus, besetzt mit weiteren Klöstern und Tempeln.

So reizvoll diesen Sehenswürdigkeiten auch sind, damit allein könnte Herr Sheng wohl nur schwer internationale Touristen herbeilocken. Doch er hat noch einen Trumpf. Ausgerechnet Datong besitzt ein Kulturerbe von Weltrang: die Yungang-Grotten.

Etwa eine halbe Fahrstunde westlich der Stadt hausen die größten Höhlenbewohner Shanxis: achtzehn Meter hohe Buddhastatuen. Stoisch thronen diese Sitzriesen in ihren Lehmgewölben und blicken mit wehen Augen in die Zeit. Sie entstanden um das Jahr 500; fast noch Antike also. In einer Front reihen sich 250 Grotten und Felsnischen aneinander, ausgeschmückt mit Abertausenden von Statuen und Statuetten.

4000 Kilometer entfernt, im afghanischen Bamiyan, ragten bis zu ihrer Zerstörung durch die Taliban ähnliche Kolosse aus derselben Zeit auf. Auch weit im Westen Chinas finden sich derartige Höhlentempel. Aber so weit im Nordosten, so nahe an Peking! Kaum vorstellbar, dass dieser riesige, schwer zu durchdringende Kontinent einmal eine derartige kulturelle Einheit besaß, und dass Buddhismus in China einst Staatsreligion war. Heute ist es der Fortschritt, und dem hat selbst Buddha wenig entgegenzusetzen.

Auch Altes muss neu sein

Weiter geht zum einstigen Ausgangspunkt der Seidenstraße. Über die Provinzhauptstadt Taiyuan führen die Bahnlinie und die neue Autobahn bis nach Xi'an. Entlang der Strecke liegen weitere Attraktionen aufgereiht wie Perlen an einer Schnur. Die zauberhafte Klosteranlage von Jin Ci etwa, mit ehrwürdiger Patina und uralten Bäumen, stammt aus der Song-Dynastie, um das Jahr 1000 unserer Zeitrechnung. Die mittelalterliche Kleinstadt Pingyao, ein chinesisches Rothenburg mit wuchtiger Stadtmauer und verschachtelten Handelshäusern, verlegt ihre Ursprünge gar 2800 Jahre zurück.

Von ähnlichem Charakter, nur um ein Vielfaches größer, ist die trutzige Stadtanlage des Wang Jia Da Yuan, die sich in mehreren Segmenten über einen breiten Hang erstreckt. Teils noch original erhalten, teils gerade rekonstruiert, gibt sie ein weiteres Beispiel für Chinas zwiespältigen Umgang mit seinem Erbe ab. War der Komplex denn wirklich so groß? Lag er so malerisch hingebreitet da? Nicht unbedingt, erklären die Aufseher, aber so macht er mehr her. Auch Altes muss heutzutage neu sein, um in China etwas zu gelten.

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