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São Paulo - die ungekrönte Königin Südamerikas

São Paulo macht süchtig: Wer diese laute, chaotisch und ewig wachsende Stadt besucht, kommt von ihr nicht mehr los. Behauptet Expräsident Fernando Henrique Cardoso. Brasiliens größte Metropole befeuert die Sinne.

São Paulo

Die Skyline von São Paulo: Die Stadt ist vielfältiger als Buenos Aires, dynamischer als Rio de Janeiro, so international wie Toronto und London.

Diese Stadt schläft nie. In beginnt der Handel um Mitternacht und die Party im Morgengrauen. In dieser lauen Nacht zieht um zwei Uhr noch eine Gruppe begnadeter Graffiti-Künstler los. Sie heißen Mundano und Kobra und Ito, sie steigen unter Autobahnbrücken, klettern auf Wassertanks, seilen sich von Hochhäusern ab in die Schluchten der mit mehr als 20 Millionen Bewohnern größten Stadt Südamerikas. Ausgerüstet mit nicht viel mehr als einer Palette Spraydosen und der Idee für eine gute Story.

Sie produzieren die wohl beste Street-Art, die es derzeit auf der Welt zu sehen gibt: opulente Gemälde, bis zu zehn Meter hoch, die oft ineinanderfließen zu einer Geschichte, einem Comicstrip. Wenn die Berufspendler am Morgen im Stau stehen, dann erwartet sie entlang der Stadtautobahn Science-Fiction in Acryllack, ein gesprayter Zukunftsalb über ihre Stadt – wie sie im ölgetränkten Meer des Klimawandels versinkt.

"Storytelling ist unsere Spezialität", sagt Mundano, einer der bekanntesten Straßenkünstler. "Aber wir machen auch Polit-Art, wir sind die schnelle Einsatztruppe der Kunst im Kampf gegen , Armut und Rassismus – die Übel unseres Landes." Mundano ist ein schlanker, langer Kerl unter Strom, der so schnell spricht, wie er sprayt. Gerade arbeitet er an einem Werk über "463 Jahre Sozialhygiene" São Paulos, die Vertreibung der Indianer, Schwarzen, Armen. Auch nach 15 Jahren Sprayen hat er noch nicht genug vom nächtlichen Losziehen, zumal der neue Bürgermeister viele Wände wieder weißen will. "Das ist so, als würde man die Impressionisten aus dem Louvre vertreiben", sagt Mundano.

São Paulo ist eine einzige Open-Art-Gallery

Man kann die Werke an geschützten Plätzen sehen wie dem "Beko de " und auf speziellen Touren. Ganz Abenteuerhungrige begleiten die Sprayer auf ihren nächtlichen Expeditionen. Doch Graffiti sind nur ein Teil dieser hyperkreativen Stadt der Undergroundclubs, des experimentellen Theaters und der innovativen Küche.

Nicht nur Science-Fiction in Acryllack unter Autobahnbrücken, sondern Graffiti auch auf Bussen.

Nicht nur Science-Fiction in Acryllack unter Autobahnbrücken, sondern Graffiti auch auf Bussen.


Sie ist keine schöne Metropole, von Arbeit ganz grau, aber die interessanteste des Kontinents, vielfältiger als Buenos Aires, dynamischer als Rio de Janeiro, so international wie Toronto und London. São Paulo ist der Flecken Erde mit der größten japanischen Community außerhalb Japans (und exzellenten Sushi- Restaurants). Sie hat die größte italienische Bevölkerung außerhalb Italiens (und exzellente Pizzerias). Sie ist die Heimat von mehr als einer Million deutschstämmigen Brasilianern (und vielen exzellenten deutschen Bäckereien). Promoter nennen sie gern das New York , dabei hat "Sampa" einen ganz eigenen Puls, irgendwas zwischen Tokio und Ruhrpott, wenn es überhaupt Vergleiche braucht.

Auf dem Frühmarkt, der Feira da Madrugada

Am besten zu spüren ist der Puls nachts um zwei, wenn nicht nur die Sprayer losziehen, sondern auch die Handelsstadt erwacht. In der "Feira da Madrugada", dem "Frühmarkt", herrscht Hochbetrieb. Tausende Händler rüsten seit Mitternacht ihre Stände für den Ansturm der Massen in dieser eigenen wuseligen Stadt aus 60 Gassen. "Jeans für 5 Dollar", "Schuhe für 10 Dollar", "Bikinis für 99 Cents", rufen sie so marktschreierisch wie die Händler auf dem Hamburger Fischmarkt. "Drei Ohrringe aus Peru für drei Dollar", ruft Vladimir.

Viele Einwanderer wie Vladimir beginnen hier ihr neues Leben. Sie kommen aus Bolivien, Peru, Haiti, Nigeria. Waren aus der ganzen Welt stapeln sich in ihren Containern. Von hier aus starten sie ihre Reise zu Zwischenhändlern von Feuerland bis zum Amazonas. Vladimir, Schmuckhändler aus der Andenstadt Cusco, führt Gäste durch diesen Dschungel der Schnäppchenjagd. Er sagt: "Früher war Buenos Aires unser Ziel, aber dann lief São Paulo ihm den Rang ab." Auf den Märkten gibt es keine Erholung, keine Entspannung, aber man bekommt eine Ahnung davon, wie diese Megastadt tickt. Man kann sie hassen oder unfassbar finden. Lieben ist schwierig.

Gerüche, Abgründe, Exzesse

Im Morgengrauen beginnt das Nachtleben in den Clubs: Samba im Stadtteil Vila Madalena, Jazz in einer der 15.000 Bars, Punk, Gothik und sämtliche Subszenen auf der Rua Augusta. Es wirkt wie eine Zusammenfassung der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Viele Stehcafés, Lanchonetes genannt, haben die ganze Nacht geöffnet, auch das "Estadão", wo transsexuelle Damen auf die Arbeiter der Frühschicht treffen und auf alles, was Urbanität ausmacht: Gerüche, Abgründe, Exzesse.

Der Central Park von São Paulo: Im Parque do Ibirapuera steht der runde Oca des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer

Der Central Park von São Paulo: Im Parque do Ibirapuera steht der runde Oca des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer


Und dann geht die Sonne auf, und die Geschäftsstadt São Paulo erwacht, deren Bruttoinlandsprodukt allein dem der Türkei entspricht. Hubschrauber steigen auf und fliegen die Manager über Verkehrsstaus hinweg zu den Geschäftstreffen. São Paulo ist der Sitz vieler Großunternehmen und das eigentliche Zentrum der Macht, die ungekrönte Hauptstadt Brasiliens, Heimat der Staatspräsidenten Cardoso, Lula und jetzt Temer.

Wer das Kontrastprogramm will, macht sich nun auf zu einem Spaziergang durch São Paulos Central Park, den Ibirapuera, mit Besuchen in den Museen des großen Baumeisters Oscar Niemeyer, der die runden Formen der Natur in die Architektur holte. Durch das mondäne Jardim und das Szeneviertel Vila Madalena, wo São Paulo mit seinen kleinen Geschäften den homogenisierten Vierteln Berlins und Londons ähnelt. Es ist die kurze Erholung vom Erlebnisurlaub, bevor es wieder Nacht wird.

Man kommt von São Paulo nicht los

"São Paulo entzieht sich einer einfachen Definition", sagt uns Expräsident Fernando Henrique Cardoso, 85. "Die Stadt ist viel zu groß, um sie zu besichtigen. Am besten lässt man sich von einem Einheimischen an die Hand nehmen oder einfach treiben." Er blickt aus seinem herrschaftlichen Büro hinaus auf das Prunkstück des Zentrums, den Praça Azevedo, auf Palmen und Kaufhäuser, auf Prostituierte und Junkies, auf Straßenkunst und Demos, auf diese betonverliebte Stadt, die alles produziert, hohe Künste, aber eben auch Filz, Obdachlosigkeit und Ungerechtigkeit.

"Es ist schwer, sie zu umarmen, aber man kommt von ihr auch nicht los", sagt Cardoso. "Sie hat diesen Sog, den es in der Welt sonst nicht gibt, und ich bin weiß Gott viel herumkommen."

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