Es muss nicht immer Miami sein: Die Inseln Sanibel und Captiva an der Westküste Floridas locken mit Ruhe und Natur, endlosen Stränden und 29 Grad im Februar - und mit 400 Muschelarten. Von Ulrike von Bülow

Muscheln, so weit das Auge reicht© Imke Lass
Es gibt Sonnenuntergänge, die so kitschig
schön sind, dass man sich kurz
kneifen muss. Auf der Insel Captiva,
Westflorida, ist das so, wenn die Sonne am
Horizont versinkt und der Himmel orangegold
leuchtet und im Meer zwei Delfine herumspringen,
zauberhaft synchron. Dann
sitzt man am Strand, starrt auf den Golf von
Mexiko und denkt: Wenn nur die dicken
Amerikaner nicht wären.
Denn kaum ist die Sonne verschwunden,
applaudieren die Zuschauer. Tagsüber hat
man seine Ruhe vor den Amerikanern. Zur
Primetime aber, wenn das beste Naturprogramm
zu sehen ist, füllt sich der Strand.
Das ist nachvollziehbar: Ein paar Schritte
entfernt liegt "The Mucky Duck", ein kleines
Restaurant, welches das Kaltgetränk zum
Sundown anbietet, das man mit ans Wasser
nehmen kann, ganz ungeniert. Denn Florida
gehört nicht zu den verklemmten Staaten
von Amerika, in denen man ein Tütchen
über sein Bier stülpen muss, weil Alkohol an
der frischen Luft verboten ist.
Dafür gibt es auf Captiva und ihrer
Schwesterinsel Sanibel ein paar Regeln, an
die sich jeder zu halten hat. Ziemlich unamerikanische
Regeln sind das, zum Beispiel
darf hier kein Haus höher sein als die
Palmen. Nichts darf näher an den Strand
gebaut werden als drei Meter. Und niemand
darf die Landschaft verschmutzen. "Leave
nothing on beach but footprints", hinterlasse
nichts als Fußstapfen, steht an den Pfaden
zum Strand auf Schildern.
Auf den Inseln wird geradelt
Es muss nicht immer Miami sein: Ferien
in Florida, das geht auch ohne Wolkenkratzeroptik
und flamingofarbene Art-déco-Meile, ohne hochgetunte Oberweiten, die
zur Schau gestellt werden, und aufgebockte
Geländewagen, die vor lautem HipHop beben.
Auf Sanibel und Captiva geht es sehr
familiär zu, alles ist klein und überschaubar
- bis auf die Strände, die ziehen sich ewig. Es
ist ein bisschen so wie an der dänischen
Nordseeküste, nur dass es hier Palmen gibt,
29 Grad im Februar und dicke Amerikaner,
die ihre ersten Versuche auf einem Fahrrad
machen. Denn auf den Inseln wird geradelt,
anders als im Rest dieses autoverwöhnten
Landes. Mag sein, dass das für Amis
schon Abenteuerurlaub bedeutet - andere
Menschen verbringen hier ganz einfach entspannte
Tage. Auf Sanibel und Captiva ist
das Leben ein langer, ruhiger Fluss, alles ein
Kann und nichts ein Muss.
Die beiden Inseln liegen an der Westküste
Floridas auf der Höhe von Fort Myers.
Man erreicht sie über eine Brücke und
landet zuerst auf Sanibel. Biegt man dort
rechts ab und fährt in nördliche Richtung,
gelangt man über ein weiteres Brückchen
nach Captiva. Die größere Insel ist Sanibel,
sie hat 6000 Einwohner, Captiva nur 600.
Das Besondere an den Inseln ist, dass sie
mitten in der Strömung des Golfs von Mexiko
liegen, wie eine Mauer. Geologisch
ein Sechser im Lotto: Muscheln, die woanders
auf dem Meeresgrund umhertreiben
würden, werden hier nach oben gespült
und bevölkern den Strand. Mehr als 400
verschiedene Muschelarten gibt es hier, gefühlt
sind es 4000. Egal, wo man hintritt, es
knirscht auf den Inseln. Man muss nur
einmal aus dem Auto aus- und wieder einsteigen,
schon sieht der Fußraum aus wie
ein Muschelnest.
Von der zweischaligen Kammmuschel
über die gesprenkelte Junowalze bis zur gestreiften
Kronenschnecke (eine Rarität!) -
Muscheln sind die Superstars von Sanibel
und Captiva. Die Insulaner benutzen zwei
Begriffe, wenn sie das Verhalten der Strandbesucher
beschreiben: "Sanibel Stoop" und
"Captiva Crouch". Stoop heißt "gebückte
Haltung", Crouch "Hockstellung", denn
Strandbesucher orientieren sich wegen der
vielen Schalentiere gern nach unten.
Ein Museum für Muscheln
Die finden sie notfalls auch im Lädchen
"She Sells Sea Shells", zu Deutsch: "Sie verkauft
Seemuscheln". Hier gibt es alles, was
am Strand herumliegt, und noch mehr -
Muschelschmuck, Muschelhandtücher
oder Muschelspiegel. Und im Shell Museum,
dem weltweit einzigen Museum, das
sich ausschließlich Muscheln widmet, kann
man lernen, welche Muscheln in welchem
Meer vorkommen, wie sie sich ernähren
und vermehren. Aber das möchte man so
genau gar nicht wissen - Muschelsex schaut
ziemlich glibberig aus.
"Du fährst nach Sanibel wegen dem, was
die Insel zu bieten hat: Mangroven, Fische,
den Golf auf der einen, das Buchtwasser auf
der anderen Seite", sagt Sam Bailey, "die Natur
gestaltet hier das Entertainment." Sam
ist so etwas wie der Schutzpatron von Sanibel,
genau wie sein Bruder Francis. Die beiden
sitzen im ersten Stock von "Bailey's
General Store", dem einzigen Supermarkt
der Insel. Ein Familiengeschäft, 1899 von
ihrem Vater gegründet, das Sam und Francis
Bailey bis heute leiten. Die Brüder sind
über 80, beide tragen kurzärmelige Hemden,
graues Haar und eine Hörhilfe im Ohr.
Sam und Francis Bailey sind auf der Insel
aufgewachsen, und als sie in den 1930er Jahren
zur Grundschule gingen, "gab es hier
keinen Swimmingpool, kein Telefon, kein
Fernsehen", sagt Francis. Die Menge der
Touristen war sehr überschaubar, bis 1963
fuhr man mit einer Fähre nach Sanibel, "aber
dann wurde die Brücke gebaut", sagt er. Plötzlich
kamen mehr Besucher und mit ihnen
Investoren. Mangroven sollten abgeholzt,
Parkplätze und Hotels gebaut werden. Das
brachte die Bailey-Brüder auf die Palme.
Alles ein wenig gestrig eingerichtet
Sie gründeten eine Insel-Selbstverwaltung,
die dafür sorgte, dass Sanibel Stadtrechte
bekam und über sich selbst bestimmen
konnte - unabhängig vom Lee County,
dem Bezirk. Seit 1974 ist das so. Damals
wurde rasch beschlossen: Wir klinken
uns aus dem amerikanischen "Höher, schneller, größer,
lauter"-Wahn aus. Daran hält man sich bis heute. Auf Sanibel
und Captiva stehen keine cremigen Design-Hotels. Es
gibt überwiegend Gasthäuser und Cottages: Häuschen mit
ein bis zwei Schlafräumen und Küche. Alles ein wenig gestrig
eingerichtet, aber immer gemütlich. Im "Island Inn" auf
Sanibel beispielsweise wohnt man wie zu Urgroßmutters
Zeiten: Das Resort existiert seit 1895, hat einen eigenen
Strandzugang, aus fast allen Fenstern blickt man aufs Meer.
Die Beach Cottages sind original erhalten, die anderen
Zimmer dem alten Stil nachempfunden. Und egal, wo man
hier einschläft: Man hat das Rauschen der Wellen im Ohr.
Autos hört man auf Sanibel und Captiva sowieso
kaum. Auf den Inseln gilt ein Tempolimit von 30 Meilen
pro Stunde, das sind zarte 48 km/h. Waschbären oder Pelikane,
die gelegentlich die Straßen überqueren, haben
immer Vorfahrt (also auch vor dicken Amerikanern auf
Fahrrädern). Grellgroße Werbetafeln, mit denen etwa die
Florida Keys zugerammelt sind, sucht man auf Sanibel
und Captiva vergebens, ebenso Fast-Food- oder Klamottenketten.
Alles nicht genehmigt.
"Niemand kommt nach Sanibel, um große Partys zu feiern
oder Nachtclubs zu besuchen", sagt Sam Bailey. "Jeder
schätzt die Ruhe hier." Sein Bruder nickt. "Es gibt zwar einen
Jazzclub und ein, zwei Bars, die bis ein Uhr nachts geöffnet
sind", sagt Francis. "Aber wie heißt es hier so schön?",
fragt er und guckt Sam an. Dann sagt er: "The shellers go to
bed at eight, and the hellers go to bed at nine." Muschelsammler
gehen um acht ins Bett, höllisch Vergnügungssüchtige
um neun. Da lachen die Bailey-Brüder.
Dennoch, es lohnt sich, nach neun Uhr abends noch unterwegs
zu sein: Sie haben keine Straßenlaternen auf Sanibel
und Captiva, es wird richtig dunkel hier. Und in einer
klaren Nacht sieht man einen Sternenhimmel, der so
kitschig schön ist, dass man sich bei seinem Anblick kurz
kneifen muss. Und keiner klatscht.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 43/2008