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Aufruhr unter dem Schleier

Im zutiefst konservativen Saudi-Arabien drängen die Frauen auf Veränderungen. Traditionen und ihre Religion sind ihnen wichtig, doch sie wollen die islamische Gesellschaft endlich aktiver mitgestalten.

Von Cynthia Gorney

  Brunch nach Saudi-Art: Aljazi Alrakan (stehend), Zahnärztin und Lifestyle-Bloggerin, trifft sich mit Freundinnen.

Brunch nach Saudi-Art: Aljazi Alrakan (stehend), Zahnärztin und Lifestyle-Bloggerin, trifft sich mit Freundinnen.

Nouf ist 32, hat dickes braunes Haar, karamellfarbene Haut und fröhliche, mandelförmige Augen. Mit ihrem Mann Sami und den beiden kleinen Söhnen wohnt sie in einem belebten Viertel der saudi-arabischen Hauptstadt Riad. Vor zwei Jahren war Nouf Abteilungsleiterin in einer Fabrik für Verpackungen. Gemeinsam mit einem Dutzend Kolleginnen arbeitete sie in einem Gebäudetrakt, zu dem Männer keinen Zutritt hatten.

Bei dem Leuchtmittelhersteller, der sie abgeworben hat, ist Nouf jetzt für zehnmal so viele weibliche Angestellte zuständig. In diesem Unternehmen sind die Chefetagen "gemischt": Männer und Frauen, die nicht verwandt oder verheiratet sind, tauschen sich täglich intensiv aus, sie sitzen am selben Konferenztisch, studieren Seite an Seite dieselben Papiere.

In keinem Land der Welt gibt es eine so strikte Geschlechtertrennung wie in Saudi-Arabien. Dank der neuen Arbeitsmarktpolitik und anderer Zugeständnisse, die der mittlerweile verstorbene König Abdullah bin Abdulaziz gemacht hat, diskutiert das Land heute offen darüber, was es heißt, sowohl ein moderner Mensch als auch ein echter Saudi zu sein. Doch die Geschlechtertrennung aufheben? Das ist ein besonders heikles Thema.

Frauen dürfen in Saudi-Arabien kein Auto fahren

Nouf muss jeden Tag ein bisschen improvisieren, um ihre persönlichen Vorstellungen von Würde im Büro durchzusetzen: keinen physischen Kontakt mit Männern, bitte! "Das ist meine Religion. Ich kann keinen Mann berühren, der nicht mein Vater, mein Bruder oder mein Onkel ist."

Der endlose Kanon von Regeln, die nur in Saudi-Arabien gelten, ist inzwischen wohlbekannt: Das Königreich ist das einzige Land der Welt, in dem Frauen nicht Auto fahren dürfen. Das einzige Land, in dem jede erwachsene Staatsbürgerin unter der Aufsicht eines männlichen Vormunds lebt.

Nach dem jahrzehntelangen, unausgesprochenen Verbot jeglicher Arbeit, bei der Frauen in Kontakt mit Männern kommen könnten, bietet die Regierung den Unternehmen nun finanzielle Anreize, damit sie Frauen einstellen. Allerdings sitzen die Kassiererinnen
im Supermarkt separat von ihren Kollegen. Durch Kaufhäuser ziehen sich Trennwände, um männliche von weiblichen Mitarbeitern fernzuhalten.

"Viele wollen schnelle Veränderungen"

Aljawharah Fallatah ist Anwältin und 30 Jahre alt. Erst seit zehn Jahren dürfen Frauen in Saudi-Arabien Jura studieren. Erst seit drei Jahren bekommen sie eine Zulassung als Anwältin. Mehr als die Hälfte der Studenten an saudischen Universitäten sind inzwischen Frauen.

  Unsichtbare Grenzen: Neuerdings dürfen auch Frauen in bestimmten Bereichen als Verkäuferinnen arbeiten. In einem Einkaufszentrum in Riad weist dieses Schild („Nur für Familien“) einen männlichen Kunden darauf hin, dass er in diesem Geschäft nicht bedient wird. In weiten Teilen Saudi-Arabiens ist Männern ohne Begleitung von Ehefrauen oder Kindern enger Kontakt mit weiblichem Verkaufspersonal verboten.

Unsichtbare Grenzen: Neuerdings dürfen auch Frauen in bestimmten Bereichen als Verkäuferinnen arbeiten. In einem Einkaufszentrum in Riad weist dieses Schild („Nur für Familien“) einen männlichen Kunden darauf hin, dass er in diesem Geschäft nicht bedient wird. In weiten Teilen Saudi-Arabiens ist Männern ohne Begleitung von Ehefrauen oder Kindern enger Kontakt mit weiblichem Verkaufspersonal verboten.

Fallatah nimmt inzwischen auch Gerichtstermine wahr. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Männer und Frauen in akademischen Berufen gleichberechtigt sind. Saudische Akademikerinnen klagen über Unterbeschäftigung. Sie sind frustriert von einer Gesellschaft, in der Frauen erst nach und nach Zugang zu höheren beruflichen Ebenen bekommen.

"Viele wollen schnelle Veränderungen, aber ich finde, wir sollten uns etwas mehr Zeit lassen – damit es die Leute auch akzeptieren", mahnt Nailah Attar, Mitbegründerin der Initiative Baladi. Mit anderen Business-Frauen und Akademikerinnen hat Attar die Initiative vor fünf Jahren gegründet, um für das Frauenwahlrecht zu kämpfen und Frauen zu ermutigen, für politische Ämter zu kandidieren.

Jede Frau hat einen männlichen Vormund

In Saudi-Arabien trifft man stets auf Leute, die im Privaten ihrem Ärger über die königliche Familie Luft machen. Doch wenn Abdullahs Name fällt, hellen sich die Gesichter der meisten Frauen auf: "Ich weiß noch, wie er auf Arabisch sagte: La tahmeesh – keine Ausgrenzung mehr'", erinnert sich Hanan Al-Ahmadi, eine Regierungsvertreterin, die im Publikum saß, als der König ankündigte, Frauen in die Schura aufzunehmen. "Wir Frauen hatten Tränen in den Augen."

Al-Ahmadi ist dafür, dass Frauen Auto fahren dürfen, aber sie sagt, das permanente Interesse des Westens für das Thema habe bei vielen Menschen im Land eher Trotz hervorgerufen. "Es ist viel zu sehr politisiert. Das ist nicht unser wichtigstes Ziel."


Man frage die Frauen in irgendeinem Land der Welt nach ihrem wichtigsten Ziel – die Antworten werden vielschichtig sein. Nicht anders ist es in Saudi-Arabien, wo Frauen über die hohe Scheidungsrate klagen, aber auch über das Scheidungssystem selbst, über die Doppelmoral bei der Staatsbürgerschaft und über die Behandlung mancher berufstätiger Frauen.

Auch dass jede Frau einen männlichen Vormund haben muss, wird schwer beklagt. Offiziell darf eine Frau zwar auch ohne die Zustimmung ihres Vormunds arbeiten gehen, sich medizinisch behandeln lassen oder an einer Universität einschreiben. Aber in Saudi-Arabien steht das Recht oft zurück hinter der Tradition, hinter verschiedenen religiösen Vorstellungen oder der Angst vor der Familie. Und es gibt Männer, die ihre Vormundschaft ausnutzen, um Frauen zu bestrafen, zu kontrollieren, zu manipulieren.

Jede dieser Herausforderungen muss für sich in Angriff genommen werden und erfordert ein besonderes Fingerspitzengefühl in einem Land, in dem Religion, Familienehre und Staatsmacht eng miteinander verflochten sind. 

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Februar 2016, www.nationalgeographic.de

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