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Eine Stadt am Pazifik, die süchtig macht

Die Heimatstadt von Microsoft, Amazon, Grunge und amerikanischer Café-Kultur hat sich ihren hemdsärmeligen Charme bewahrt, es riecht nach Kaffee, Meer und oft auch nach Regen. Eine verlockende Mischung.

Detail der geschwungenen Fassade des EMP

In der Nachbarschaft der Space Needle (rechts), einem 184 Meter hohen Aussichtsturm, hat Microsoft-Mitbegründer Paul Allen den Bau des Experience Music Project finanziert, ein von Frank Gehry entworfenes Museum für populäre Musik. 

Von Seattle kommt Tim Koffler einfach nicht weg. Versucht hat er es, ein paarmal schon. Als junger Mann zog der 40-jährige Fitnesstrainer nach Brisbane in Australien, dann nach Los Angeles. Die grandiosen Strände konnten ihn nicht halten. Selbst die Sonne nicht, Mangelware in der Heimatstadt, wo es an 140 Tagen im Jahr regnet und der Himmel an 220 Tagen zumindest wolkenverhangen ist. "Ich habe Seattle jeden Tag vermisst", sagt Koffler. "Die Menschen, die Architektur, die Berge, die Bäume." Und dann kam er eben wieder nach Hause.

An diesem Tag scheint die Sonne in Seattle. Koffler sitzt auf der Dachterrasse seines Apartmenthauses in South Lake Union, im Süden der Stadt, die ihm hier richtiggehend zu Füßen liegt. Am Horizont hinter ihm thront wie ein Gemälde der schneebedeckte Gipfel des 4392 Meter hohen Vulkans Mount Rainiers. Koffler nickt. "Ich kann nicht ohne Seattle", sagt er noch einmal, drückt den Satz ins Gespräch wie einen offiziellen Stempel.

Eine Stadt, die süchtig macht, also. Einst war sie nicht viel mehr als die Kulisse zu einem abgetakelten Industriehafen, heute gehört Seattle zu den trendigsten Metropolen der USA. Sie ist liberal, fortschrittlich, öko, sexy. Und wie zu allen guten und schlechten Zeiten wunderschön gelegen im Nordwesten des Landes am Puget Sound, dem riesigen Sund hin zum Pazifik, am Mount Rainier mit seinen Gletschern und dem nur ein paar Meilen entfernten Nationalpark Olympic Mountain.

Eine Stadt mit hoher Lebensqualität

Nicht so dreckig, hektisch und kaputt wie New York, nicht so schwitzig und anstrengend wie Los Angeles oder San Francisco. Boom und Wandel Erfolgreich ist Seattle obendrein. Hier montiert Boeing den Karbonflieger Dreamliner, begann Starbucks seinen Siegeszug um die Welt und Bill Gates den seinen mit Microsoft. Hier prägte Kurt Cobain mit Nirvana den Grunge, startete Amazon, das gerade ein neues Hauptquartier baut und bereits 25 000 Leute eingestellt hat, seinen Aufstieg als Internethändler. 

Facebook, Google und der Webhoster GoDaddy sind mit Niederlassungen in die Stadt gezogen. Das lockt vor allem junge Menschen an, inzwischen bilden die 25- bis 34-Jährigen die größte Bevölkerungsgruppe der knapp 650.000 Einwohner. Amerikanische Wirtschaftszeitungen spekulieren, die Stadt könnte dem Silicon Valley den Rang ablaufen. 

Schon jetzt zählt Seattle zu den zehn innovativsten Städten weltweit. Die für die USA geringe Arbeitslosenquote von unter vier Prozent soll weiter sinken. Seit Anfang des Jahres gilt in Seattle ein gesetzlicher Mindestlohn von 15 Dollar, doppelt so viel wie im Rest des Landes. Die Stadt kann es sich leisten: Seattle ist reich. Boom und Wandel sind überall sichtbar. Apartmenthäuser und Büros entstehen in großer Geschwindigkeit, kaum ein Monat vergeht, in dem nicht neue Clubs, Cafés und Restaurants eröffnet werden. Dazwischen spektakuläre Gebäude wie der Glasbau der städtischen Bibliothek, entworfen vom Stararchitekten Rem Koolhaas. 

Lesesaal des elfstöckigen Glaspalastes

Weltklasse-Architektur aus dem Jahre 2004: Die Seattle Central Library hat der Architekt Rem Koolhaas entworfen.

Der Metropole am Pazifik – nebenbei auch Kaffeehauptstadt der USA mit etwa 100 Röstereien – ist es bei allem Wandel gelungen, ihre Seele zu bewahren; die Gentrifizierung hat ihren Charakter nicht grundlegend verändert. Die Stadt hat einen hemdsärmeligen Charme, der in der Zeit des Klondike-Goldrausches geprägt wurde. Der spülte um die Wende zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert massenweise Haudegen in die Stadt. Manche Einwohner Seattles verdanken ihre sympathischen Ecken und Kanten wohl diesen abenteuerlustigen Vorfahren.

Man protzt hier nicht mit seinem Wohlstand

Sogar Manager fahren mit Nahverkehrsbussen oder mit dem Fahrrad zur Arbeit. Seattle ist eine der wenigen Städte im PS-verrückten Amerika, die über ein hervorragend ausgebautes Netz an Radwegen verfügt. Beim Job trägt man eher T-Shirts, Jeans und Turnschuhe als Dreireiher oder teure Kostüme, sicher auch eine Folge des Umstands, dass die hier so präsenten IT- und Internetunternehmen in T-Shirt und Hoodie gesteuert werden.

Im Szeneviertel Capitol Hill sind die Zebrastreifen in den Regenbogenfarben der Schwulenbewegung gestrichen. Und die Meerjungfrau auf dem Starbucks-Logo darf hier noch ihre nackten Brüste zeigen, die anderswo auf Werbeschildern durch langes Haar verdeckt werden müssen. 

Mit dem Kanu lospaddeln

"Die Menschen hier sehen das Leben lockerer. Wir sind einfach anders", sagt Blair Robbins, 62. Die Filmemacherin steht auf dem Ponton ihres Hausboots, neben ihr Ehemann Bob Burk, 67, und Sandori, der Familienhund. Blair und Bob erlebten Seattles Aufstieg mit. Heute haben sie den besten Blick auf die Skyline. Ihr Hausboot liegt in der ersten Reihe auf dem Lake Union, dem großen Binnensee mitten in der Stadt. Am Hauseingang zieht gerade ein Taucher Fässer unter Wasser. "Wir haben eine neue Tür bekommen, die ist so schwer, dass wir jetzt die Schieflage ausgleichen müssen", erklärt Blair. Bob, ein Unternehmer, der in den 80er Jahren aus San Diego kam, sagt: "Wir sind in Seattle geblieben, weil wir hier die perfekte Mischung aus Stadt und Natur haben."

Im Kanu

In Seattle liegt die Natur vor der Haustür: Wann immer die Bewohner Zeit haben, paddeln sie mit dem Kanu oder dem Surfboard los.


Dann erzählt er davon, wie er gelegentlich nachts aufsteht, sich auf die Terrasse stellt und hinüberschaut auf Downtown. Rechts die Space Needle, ein 184 Meter hoher Turm, das Wahrzeichen Seattles, gebaut zur Weltausstellung 1962. Links die Hochhäuser. "Wenn wir uns umdrehen, sehen wir Berge und Wälder." Wann immer die beiden Zeit haben, paddeln sie mit dem Kanu oder dem Surfboard los, wie so viele, die hier leben. Gerade haben sie sich Fahrräder mit großen Schwimmreifen gekauft, um damit über den See zu radeln. "Wir wohnen auf einem riesigen Outdoorspielplatz", sagt Bob.

Gekommen, um zu bleiben

Katelyn Goodheart zog vor einem Jahr aus Buffalo im Bundesstaat New York an die amerikanische Nordwestküste. Die 26- Jährige arbeitet als Schiffslotsin bei der Coast Guard, ihr Büro ist am Pier 36 am Hafen. Direkt daneben legen die grünweißen Autofähren von den umliegenden Inseln im 20-Minuten-Takt an. "Ich komme immer hierher, bevor ich zur Arbeit gehe", sagt Goodheart. Dann schaut sie den Menschen zu, wie sie ein- und aussteigen, und atmet die salzige Luft ein. "Die Leute sind hier offener", sagt sie, das gefalle ihr. Als der Oberste Gerichtshof vor einigen Wochen die Homoehe erlaubt hat, habe die ganze Stadt gefeiert. "Alle lagen sich freudig in den Armen – Schwule, Lesben, Heteros."


Das Neue erschreckt hier niemanden. Man ist eben optimistisch – vielleicht auch das ein Erbe der Goldschürfer, die ja voller Hoffnung hierherkamen. Der Optimismus zieht sich bis in die Freizeitgestaltung. Ach ja, der Regen. "Ich trainiere trotzdem viel mit meinen Kunden draußen", sagt Fitnesscoach Tim Koffler. Außerdem sei das ja nicht wirklich Regen, sondern nur Nieseln. So denkt der Seattler. Denn: "Wer in den vielen dunklen Tagen ohne Sonne seine gute Laune nicht verliert, der muss doch besonders sein." 

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