Horrorgeschichten in den Medien, aber offizielle Stellen spielen das Thema Kriminalität gerne herunter. stern.de Autor Andreas Srenk hat die WM-Baustellen besucht und mit vielen Südafrikanern gesprochen. Ein Stimmungsbericht. Von Andreas Srenk

Austragungsort für ein Halbfinalspiel 2010: Das neue Green-Point-Stadion im Bau© Andreas Srenk
Maschinen rattern, Presslufthämmer dröhnen, Bohrer kreischen. "Welcome to South Africa!" steht in großen Lettern auf der Ankunftstafel am Flughafen von Johannesburg. Und eine Zahl auf einer Digitaluhr, die täglich kleiner wird. Der Countdown misst die Zeit bis zur Eröffnung der Fußball-Weltmeisterschaft am 11. Juni 2010. Gleich daneben gibt es einen Check-in-Schalter für scharfe Waffen. Durch die Glastür gegenüber eilen drei schwarze Geschäftsleute mit dem Handy am Ohr zu ihrem Anschlussflug. Sie würdigen die heimischen Zeitungen mit den Titelgeschichten über Aids keines Blickes.
Momentaufnahmen nach der Landung in Südafrika, die auf die widersprüchlichen Entwicklungen und Probleme des Landes hinweisen. Voller Elan bereitet sich eine Nation auf das sportliche Großereignis im Juni 2010 vor. Mit Milliardeninvestitionen und neuen Jobs soll die marode Infrastruktur modernisiert werden.
Vor erst 15 Jahren wurde Nelson Mandela als erster schwarzer Präsident vereidigt. Inzwischen sitzt der Afrikanische Nationalkongress (ANC) an fast allen Schalthebeln der Macht und konnte sich eine schwarze Mittelklasse herausbilden. Doch gerade die ist die ausufernde Korruption im Land leid, wendet sich massiv gegen die wuchernde Kriminalität und kritisiert den laxen Umgang mit dem Thema Aids. Laut Uno-Angaben sind knapp 20 Prozent der 15- bis 49-Jährigen HIV positiv, ein trauriger Weltrekord. Wenige Wochen vor den Parlamentswahlen am 22. April wandern viele ANC-Mitglieder zu der neu gegründeten Partei Congress of the People (Cope) ab, die ein ernster Herausforderer des regierenden ANC sein wird.
Trotz der Schwierigkeiten blicken die meisten Menschen laut Umfragen mit Freude und Optimismus aufs kommende Jahr. Wie Nick Whiteley, der in Kapstadt bei der Besichtigung der Stadionbaustelle zufrieden unter seinem gelben Bauhelm grinst und versichert: "Wir liegen voll im Plan und werden rechtzeitig zum September fertig". Die Dachkonstruktion des neuen Green-Point-Stadions wird gerade gerichtet. Bis zu 2000 Bauarbeiter werkeln an der 70.000 Zuschauer fassenden Arena, die zu einer der schönsten der Welt werden wird. Vorne schimmert das unendliche Blau des Atlantischen Ozeans, hinten thront der mächtige Sattel des über 1000 Meter hohen Tafelbergs.

Der erfolgreichste Thriller-Autor Südafrikas: Deon Meyer© Anita Meyer
Auch Autor Deon Meyer, der seine Krimis nur auf Afrikaans und nicht in englischer Sprache schreibt, steht die Vorfreude auf das internationale Fußball-Großereignis ins Gesicht geschrieben. "Obwohl ich leidenschaftlicher Rugbyfan bin", lacht der 50-jährige Schriftsteller, der in einem italienischen Restaurant an der Victoria & Alfred Waterfront, dem historischen Hafenviertel der Drei-Millionen-Metropole, zum Gespräch bittet. Meyer, dessen preisgekrönte Thriller wie "Weißer Schatten" oder "Der traurige Polizist" in 17 Sprachen übersetzt wurden und auf Deutsch im Berliner Aufbau Verlag erscheinen, ärgert sich, dass in Europa gern mit dem Finger auf sein Land gezeigt wird, wenn es um das Thema Kriminalität geht.
"Natürlich haben wir da große Probleme", gibt er unumwunden zu, und seine blauen Augen blitzen hinter der Goldrandbrille. "Aber wir sind eine junge Demokratie von 15 Jahren, da ist das doch normal. Schauen Sie sich alte Demokratien wie die USA an - Gewalt an allen Ecken und Enden. Und in Italien gibt's die Mafia - auch nicht gerade nett. Wissen Sie, ich wohne seit 50 Jahren in Kapstadt und bin noch nie überfallen worden. Ehrlich gesagt, ich würde als Tourist in Paris oder Berlin abends auch nicht in manche Stadtteile gehen." Für ihn sind neue Jobs und ein höheres Bildungsniveau die wichtigen Voraussetzungen für den Rückgang der Kriminalitätsrate.