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Traumbucht trifft Bauschutt

Ruhig, luxuriös, fast menschenleer - das kleine Soma Bay am Roten Meer ist der glatte Gegenentwurf zu Ägyptens Ballermann Hurghada. Auf Wunsch wird dem Gast sogar die Sonnenbrille poliert. Besichtigung eines halbfertigen Premium-Paradieses.

Von Björn Erichsen

  • Björn Erichsen

Eine ganze Weile schon braust der Shuttlebus durch die Dämmerung, vorbei an den Bettenburgen von Hurghada. Ein schier endloses Band von Hotelanlagen, mal orientalisch, mal nubisch-pharaonisch, mal einfach nur Betonklotz, kilometerlang. Lädierte Autos schneiden hupend die Spur, überall grelle Leuchtreklamen, meist in deutsch oder kyrillisch, eine Unzahl riesiger Kräne beugt sich über futuristisch anmutende Baugerippe. Dankbar ist das Auge, als endlich die Wüste kommt und nur die Scheinwerfer eine schmale Schneise in die Dunkelheit schlagen. "Hier ist es manchmal etwas heikel, weil nachts viele ohne Licht unterwegs sind", sagt der Mann am Steuer, ohne vom Gas zu gehen. Und muss tatsächlich keine zwei Minuten später mit gewagtem Schlenker einem alten Sattelschlepper ausweichen, der urplötzlich auf der Straße auftaucht.

Die Anspannung löst sich erst, als der Bus einen Kontrollpunkt absteits der Hauptstraße mit einem grimmig dreinschauen Sicherheitsmann passiert und gemächlich auf einen hell erleuchteten Prachtbau zurollt. Wie eine überdimensionierte Kolonialstilvilla wirkt das "La Residence des Cascades", am höchsten Punkt von Soma Bay gelegen, mit all den Türmchen, Zinnen und Balkonen. Ein Doorman im roten Livree öffnet die Tür zur Lobby, vollklimatisiert, hohe Decke, Marmorfußboden, alles ganz gediegen. "Nehmen Sie kurz Platz, wir kümmern uns um die Koffer und den Papierkram", sagt der Concierge in akzentfreien Deutsch und geleitet den Gast in die Lounge. Einfach fallen lassen in den schweren Polstersessel, das Prickeln des Begrüßungssekts genießen und den abenteuerlichen Ritt durch die ägyptische Wirklichkeit schnell vergessen.

"Qualitätstourismus" am Roten Meer

Soma Bay ist ein Anti-Hurghada, ein glatter Gegenentwurf zu Ägyptens Ballermann. Die kleine Luxus-Blase liegt rund 45 Kilometer entfernt vom Hurghada International Airport, abgeschieden auf der Wüstenhalbinsel Abu Ras Soma, an drei Seiten vom Roten Meer umgeben. Das Resort zählt zu der neuen Generation ägyptischer Kunststädte, die, befeuert von immer neuen Besucherrekorden im Land der Pharaonen (2007: 11.1 Mio Besucher), südlich von Hurghada heranwachsen. Sie setzen auf "Qualitätstourismus", auf einen Ägypten-Urlaub ohne die berüchtigten Risiken und Nebenwirkungen, wie aggressive Feilscherei, Nastrovje-Russen oder akuten Sturzdurchfall. Der Anspruch in Soma Bay liegt freilich deutlich höher. "Ultimate Resort at the Red Sea" nennt man sich hier - recht selbstbewusst für ein Urlaubsparadies, das gerade einmal zur Hälfte fertig ist.

"Glasses, Sir?" - die Stimme eines Hotelboys reißt den Gast am nächsten Tag aus dem Sonnenschlaf am Pool. Nachdem zuvor schon einer den Sonnenschirm aufspannte und ein anderer feuchte Erfrischungstücher an die Liege brachte, bietet sich nun ein junger Bursche an, die Sonnenbrille des Gastes zu reinigen. Ein Service des Hauses. Wer sich darauf einlässt, erhält eine Lektion in Gründlichkeit: Der Teufelskerl wischt und poliert, sprüht ein und wischt noch mal, alles mit einer Verve, als wolle er der Mittelklassebrille einen guten Geist entlocken. Noch ein prüfender Blick, ja alles sauber, kein unachtsamer Fingerabdruck wird den Blick des Gastes trüben. Der ist peinlich berührt und erntet noch nicht mal dann einen bösen Blick, wenn er das Portemonnaie mit dem dringend fälligen Bakschisch auf dem Zimmer vergessen hat.

Rundumsorglospaket mit Kolonialherrencharme

Ein Sonnenbrillenwischservice ist eine dekadente Sache, keine Frage. Doch die obskure Dienstleistung zeigt an, auf welchem Niveau sich der Service im "Cascades", Mitglied im erlesenen Club der "Leading Hotels of the World" befindet. Vom Barchef im "Eagles Nest" bis zum Hilfskellner bekommt der Gast selten anderes als "with pleasure" und "enjoy" zu hören. Zimmereinigung zweimal täglich gehört ebenso zum Standard wie ein "Turn-down-Service", der den Raum für die Nacht vorbereitet. Das Rundumsorglospaket mit Kolonialherrencharme hat seinen Preis: 130 Euro kostet das einfache Doppelzimmer die Nacht, rund 800 Euro die kleinste Suite mit Meerblick.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, wo es im Premium-Paradies noch staubt und knirscht. Und worin der eigentliche Luxus von Soma Bay besteht.

Die Urlauber im Cascades sind mal jünger, meist älter als 30 und kommen aus ganz Europa. Die Golfer sind beim Abendessen auf der Terrasse einfach daran zu erkennen, dass sie mit Vorliebe über Rotweinglas und Ente à l'Orange hinweg Flugbahnen in die Luft zeichen. Sie schwärmen von den satten Greens und kniffeligen Fairways des 18-Loch-Platzes, der sich dicht entlang der Küste schlängelt. Nur am Nebentisch flucht ein hochgewachsener Franzose, "les fichtre vent!", und meint damit den "verflixten Wind", der vor allem am Vormittag vom Roten Meer herüberweht und so manchen Abschlag in die Wüste bläst. Viel entspannter dagegen die beiden deutsche Damen, die den Tag mit Hydrotherapie und Algenmaske im riesigen Spa- und Thalasso-Zentrum des Hotels verbracht haben.

Die Wüste hat das Resort noch fest im Griff

Rund um die Wohlfühloase ist die schöne neue Welt noch reichlich staubig. Nur wenige Meter vor dem "Cascades" ziehen sich weite Flächen von Sand, Schotter und Geröll trostlos-grau in Richtung Bucht. Die wenigen Gebäude - in der Saison 2008 hatten gerade einmal zwei von fünf Hotels geöffnet - verlieren sich in dem auf dem zehn Quadratkilometer großen Areal. Soma Bay hat nicht viel gemein mit el Gouna, der Mutter aller neuen, künstlichen Urlaubsorte in Ägypten, etwa 70 Kilometer nördlich, wo in nicht viel längerer Entwicklungszeit eine richtige Kleinstadt entstanden ist, von Lagunen durchzogen, mit vielen Bars, Ladenzeilen und seinen Tuk-Tuk-Taxis. Im kleinen Soma Bay lassen sich sensationelle Naturmomente erleben, einsam in der Wüste, wenn die Sonne blutrot hinter dem Rotmeergebirge untergeht. Doch selbst einem hartgesottenen Ruhesucher werden die Abende hier schon mal lang.

Die Baustellen sehen im "Ultimate Resort" auch nicht anders aus als die in Hurghada. Hinter der Tauchstation, fünf Minuten Shuttle-Minuten vom Cascades entfernt, ragt ein Bausskelett hervor, das eigentlich schon längst das "Breakers" sein sollte, ein Sporthotel mit 160 Betten, als günstige Alternative und Treffpunkt für Taucher, Surfer und Kiter. Doch momentan ist ein großer Radlader damit beschäftigt, einen mächtigen Schutthaufen von der einen Seite der Baustelle zur anderen zu wälzen. Für ein kleines Schwätzchen sind die ägyptischen Bauarbeiter immer zu haben. Sie erzählen, dass sie froh sind, sich hier ein paar Pfund verdienen zu können, und geben sich optimistisch: "We'll finish soon" meinen sie, und nicken alle kräftig. Müssen dann aber doch lachen, als einer "Inschallah" hinzufügt - so Allah will.

Auf Tauchstation

Die Tauchanwärter unter den Palmendächern auf der anderen Seite der Station schert das wenig. Sie gönnen zum Prüfungsfragenbüffeln erst mal einen Snack an der Bar und schielen höchstens mal neidisch hinterher, wenn das kleine Elektro-Car mal wieder ein paar Glückliche über den langen Steg direkt zum Hausriff chauffiert. Für Wassersportler zahlt sich die geringe Gästezahl aus: kein Gedrängel an Riffen und Korallenbänken, weite Natursandstrände, fast menschenleer. Und die Kiter haben in der Bucht eine zwei Mal fünf Kilometer große Wasserfläche für sich allein und preschen über die Flachwasserzonen, angetrieben von jenem Wind, der den Golfern das Leben schwer macht.

Der größte Luxus in Soma Bay ist unzweifelhaft ein Gefühl von wohliger Ruhe, dass sich unweigerlich spätestens nach ein paar Tagen einstellt. Dennoch kann das Resort eine Spritze Leben gut gebrauchen. Spätestens im Frühjahr sollen mit dem "Robinson", dem "Breakers" und einem edlen "Kempinski", etwa gleiche Kragenweite wie das "Cascades", alle fünf Hotels geöffnet haben. An Soma Bays Marina wird auch an Einkaufsmöglichkeiten und Cafés gewerkelt, damit es endlich einen zentralen Anlaufpunkt außerhalb der Hotels gibt. Momentan präsentiert sich das selbsternannte Ultimate Resort noch als ein recht eigenwilliges Nebeneinander von purem Luxus und blanker Wüste, irgendwo zischen Sonnenbrillenwischservice, Bauschutt und Traumstrand. Doch wer würde schon an einem Ort wie Soma Bay in Hektik verfallen? Außer dem vielleicht, der seine Koffer packt und bald zurück muss in die Wirklichkeit.

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