Traumbucht trifft Bauschutt

22. Dezember 2008, 16:49 Uhr

Ruhig, luxuriös, fast menschenleer - das kleine Soma Bay am Roten Meer ist der glatte Gegenentwurf zu Ägyptens Ballermann Hurghada. Auf Wunsch wird dem Gast sogar die Sonnenbrille poliert. Besichtigung eines halbfertigen Premium-Paradieses. Von Björn Erichsen

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Ägypten, Soma Bay, el Gouna, Wellness, Rotes Meer

Gipfel des Luxus: Das "La Residence des Cascades" in Soma Bay©

Eine ganze Weile schon braust der Shuttlebus durch die Dämmerung, vorbei an den Bettenburgen von Hurghada. Ein schier endloses Band von Hotelanlagen, mal orientalisch, mal nubisch-pharaonisch, mal einfach nur Betonklotz, kilometerlang. Lädierte Autos schneiden hupend die Spur, überall grelle Leuchtreklamen, meist in deutsch oder kyrillisch, eine Unzahl riesiger Kräne beugt sich über futuristisch anmutende Baugerippe. Dankbar ist das Auge, als endlich die Wüste kommt und nur die Scheinwerfer eine schmale Schneise in die Dunkelheit schlagen. "Hier ist es manchmal etwas heikel, weil nachts viele ohne Licht unterwegs sind", sagt der Mann am Steuer, ohne vom Gas zu gehen. Und muss tatsächlich keine zwei Minuten später mit gewagtem Schlenker einem alten Sattelschlepper ausweichen, der urplötzlich auf der Straße auftaucht.

Die Anspannung löst sich erst, als der Bus einen Kontrollpunkt absteits der Hauptstraße mit einem grimmig dreinschauen Sicherheitsmann passiert und gemächlich auf einen hell erleuchteten Prachtbau zurollt. Wie eine überdimensionierte Kolonialstilvilla wirkt das "La Residence des Cascades", am höchsten Punkt von Soma Bay gelegen, mit all den Türmchen, Zinnen und Balkonen. Ein Doorman im roten Livree öffnet die Tür zur Lobby, vollklimatisiert, hohe Decke, Marmorfußboden, alles ganz gediegen. "Nehmen Sie kurz Platz, wir kümmern uns um die Koffer und den Papierkram", sagt der Concierge in akzentfreien Deutsch und geleitet den Gast in die Lounge. Einfach fallen lassen in den schweren Polstersessel, das Prickeln des Begrüßungssekts genießen und den abenteuerlichen Ritt durch die ägyptische Wirklichkeit schnell vergessen.

"Qualitätstourismus" am Roten Meer

Soma Bay ist ein Anti-Hurghada, ein glatter Gegenentwurf zu Ägyptens Ballermann. Die kleine Luxus-Blase liegt rund 45 Kilometer entfernt vom Hurghada International Airport, abgeschieden auf der Wüstenhalbinsel Abu Ras Soma, an drei Seiten vom Roten Meer umgeben. Das Resort zählt zu der neuen Generation ägyptischer Kunststädte, die, befeuert von immer neuen Besucherrekorden im Land der Pharaonen (2007: 11.1 Mio Besucher), südlich von Hurghada heranwachsen. Sie setzen auf "Qualitätstourismus", auf einen Ägypten-Urlaub ohne die berüchtigten Risiken und Nebenwirkungen, wie aggressive Feilscherei, Nastrovje-Russen oder akuten Sturzdurchfall. Der Anspruch in Soma Bay liegt freilich deutlich höher. "Ultimate Resort at the Red Sea" nennt man sich hier - recht selbstbewusst für ein Urlaubsparadies, das gerade einmal zur Hälfte fertig ist.

Ägypten, Soma Bay, el Gouna, Wellness, Rotes Meer

Der fast menschenleere Strand von Soma Bay©

"Glasses, Sir?" - die Stimme eines Hotelboys reißt den Gast am nächsten Tag aus dem Sonnenschlaf am Pool. Nachdem zuvor schon einer den Sonnenschirm aufspannte und ein anderer feuchte Erfrischungstücher an die Liege brachte, bietet sich nun ein junger Bursche an, die Sonnenbrille des Gastes zu reinigen. Ein Service des Hauses. Wer sich darauf einlässt, erhält eine Lektion in Gründlichkeit: Der Teufelskerl wischt und poliert, sprüht ein und wischt noch mal, alles mit einer Verve, als wolle er der Mittelklassebrille einen guten Geist entlocken. Noch ein prüfender Blick, ja alles sauber, kein unachtsamer Fingerabdruck wird den Blick des Gastes trüben. Der ist peinlich berührt und erntet noch nicht mal dann einen bösen Blick, wenn er das Portemonnaie mit dem dringend fälligen Bakschisch auf dem Zimmer vergessen hat.

Rundumsorglospaket mit Kolonialherrencharme

Ein Sonnenbrillenwischservice ist eine dekadente Sache, keine Frage. Doch die obskure Dienstleistung zeigt an, auf welchem Niveau sich der Service im "Cascades", Mitglied im erlesenen Club der "Leading Hotels of the World" befindet. Vom Barchef im "Eagles Nest" bis zum Hilfskellner bekommt der Gast selten anderes als "with pleasure" und "enjoy" zu hören. Zimmereinigung zweimal täglich gehört ebenso zum Standard wie ein "Turn-down-Service", der den Raum für die Nacht vorbereitet. Das Rundumsorglospaket mit Kolonialherrencharme hat seinen Preis: 130 Euro kostet das einfache Doppelzimmer die Nacht, rund 800 Euro die kleinste Suite mit Meerblick.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, wo es im Premium-Paradies noch staubt und knirscht. Und worin der eigentliche Luxus von Soma Bay besteht.

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