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"Wir hören nicht auf zu tanzen"

Am Strand, in Clubs und Cafés feiern die Tel Aviver den Moment. Mit Fantasie und Leichtigkeit begegnen sie dem Ernst ihres Alltags. Eine Innenansicht mit Fotografien aus dem Meltingpot am Mittelmeer.

Von Win Schumacher

Platz mit Brunnen von oben

"Feuer und Wasser" nennt Agam seine Brunnenskulptur auf dem Dizengoff-Platz. Denn beides kann sie spucken.

Mitten auf der Straße blockiert ein bunter Minibus den Verkehr. Vor ihm tanzen fünf Orthodoxe zu Technobeats, hüpfen, dass die Schläfenlocken wippen. Wie übermütige Teenager geben sich die Bärtigen dem Rhythmus hin, lassen das Stakkato durch ihre Körper zucken. Trügen sie nicht die weißen, weiten Hemden und die traditionelle Kopfbedeckung Kippa, man könnte sie für eine Horde Althippies auf Drogentrip halten. Drei Strandheimkehrer in Badeshorts schließen sich dem Freudentanz an.

Auf das Dach ihres Busses haben sie zwei Lautsprecherboxen geschnallt und das Porträt eines Rabbis mit schwarzem Turban und weißem Rauschebart. Er hält die Hände gen Himmel ausgebreitet. Das kryptische Mantra des Rabbis, das den Bus in breiten hebräischen Lettern ziert, "Na Nach Nachma Nachman Meuman", ist Israels am weitesten verbreiteter Graffiti-Slogan. Der Schriftzug ist allgegenwärtig in Tel Aviv und im ganzen Land, auf Industrieruinen, an Bushaltestellen, in Altstadtgassen und an Autobahnausfahrten.

Er ist ein Wortspiel mit dem Namen des Meisters, Rabbi Nachman von Brazlaw, der 1810 in der Ukraine verstarb, und fordert auf zur "Freude durch Musik und Tanz". Es ist eines der Gebote, das der Gründer einer chassidischen Sekte, die auf strenger Einhaltung religiöser Regeln besteht, gelehrt hat. Seine Anhänger, die "Na Nachs", nehmen ihn beim Wort. Party-Orthodoxe könnte man sie nennen, ihre Liedtexte entstammen teils dem Tanach, dem Alten Testament der Christen. Die Rhythmen haben sie von DJs übernommen.

Keine 200 Meter weiter werfen zwei russische Einwanderinnen in Bikinis ihre weißblonden Haare zum Bass dunkler Elektrosounds um sich. Sie haben zwei kühlschrankgroße Boxen auf die Strandpromenade gehievt. Zum dumpfen Herzschlag der Lautsprecher lassen sie ihre Körper beben. Ein arabisches Liebespärchen schlendert unbeeindruckt vorbei.

"Tel Aviv ist eine tanzende Stadt", sagt Dafna Dudovich. Sie lässt sich am Strand von Geula auf einen orangefarbenen Plastikstuhl sinken und vergräbt die schlanken Füße im heißen Sand. Die Tänzerin aus der Gruppe des bekannten Tel Aviver Choreografen Idan Sharabi hat lange in Amsterdam gelebt und wollte doch wieder zurück nach Israel: "Die Stadt zieht Tänzer von überall an", sagt die 29-Jährige. "Tel Aviv ist zwar kein einfacher Ort, jeder lebt in seiner eigenen Blase. Aber man lernt hier, jeden Moment zu genießen."

"Lo nafsik lirkod"

Jeden Freitag im Sommer, vor Beginn des Sabbats, spielt am Strand von Geula eine brasilianische Band. Immer und immer wieder die alten Samba- und Bossanova-Hits. "Garota de Ipanema". "Menina bonita", "Mas que nada". Der Sänger Fernando Seixas – er stammt aus Salvador de Bahía – singt mal auf Portugiesisch, mal auf Hebräisch. Dafna lässt sich von ihrem Freund, einem Künstler aus Argentinien, durch die schwüle Abendluft wirbeln. Der wöchentliche Auftritt der Latino-Band ist zum Treffpunkt von Neueinwanderern aus Südamerika geworden.In den Strandstühlen liegen die Großmütter und Tanten aus Buenos Aires, Jugendliche aus São Paulo reichen sich Joints über die Strandtücher mit Copacabana-Muster.

Nur wenige Meter südlich, am Eingang der Diskothek "Dolphinarium", sprengte sich am 1. Juni 2001 ein palästinensischer Selbstmordattentäter in die Luft. Die lebende Bombe riss 21 Jugendliche mit in den Tod, mehr als 120 Menschen wurden verletzt. Es war einer der schwersten Terroranschläge in der Geschichte Tel Avivs. An der Stelle des Massakers erinnert ein

schlichtes Mahnmal an die Toten mit dem Satz "Lo nafsik lirkod – Wir hören nicht auf zu tanzen!".

Seit 2010 gab es keine Selbstmordanschläge mehr in Tel Aviv. Dank des israelischen Raketenabwehrsystems "Iron Dome" schlug auch bei den letzten Gazakriegen keine einzige Rakete in der Stadt ein. Das System zerstört die Raketen in der Luft und bringt sie zur Explosion, bevor sie ihr Ziel erreichen. Tag für Tag, Nacht für Nacht geht das Leben weiter, als sei die Stadt eine vorgelagerte Insel in einem vom Krieg zerrissenen Land.


Den vollständigen Artikel über Tel Aviv und den ausführlichen Serviceteil finden Sie in"Geo Saison", Heft November 2015.

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