Die Stadt ist laut, ausgelassen und rüpelig, quasi das Gelobte Land für Unorthodoxe. An Tel Aviv scheiden sich in Israel die Geister. Aber die Metropole feiert weiter. Von Claus Lutterbeck

Am Wochenende strömt alles, was Beine hat, an den Strand. Viele kurieren hier den Kater der vergangenen Nacht aus© Ziv Koren
Als Reporter, der rumkommt in der Welt, wird man oft gefragt: Und? Wo fährst du am liebsten hin? Wenn ich dann "Tel Aviv" sage, sind die Leute enttäuscht. Eine Stadt, die noch keine hundert Jahre alt ist? In der manchmal junge Männer oder Frauen herumlaufen, die eine Bombe unterm Pulli tragen? In der gelegentlich Busse, Pizzerien und Cafés mit Menschen drin in die Luft fliegen?
Sie hätten etwas Exotischeres erwartet, Honolulu oder die Seychellen. Einsame Strände, Palmen, Friede, Freundschaft, Daiquiris. Und jetzt sollen sie in eine laute, nicht sonderlich schöne Metropole fahren, mit chaotischem Verkehr, koscherer Küche und überfüllten Stränden? Keine Stunde von Gaza entfernt?
"Wir haben ein Image-Problem", sagt auch Subliminal, der berühmteste Rapper Israels, "die Leute glauben, wir reiten auf Kamelen, und Busfahren sei lebensgefährlich." Dabei sei das größte Problem in Tel Aviv "einen Parkplatz zu finden."
Tel Aviv ist eine junge Stadt, die zu schnell gewachsen ist, und sie benimmt sich auch so. Sie steht spät auf, gibt sich rüpelig und achtet wenig auf ihr Äußeres. Sie geht der Arbeit aus dem Weg und dafür lieber an den Strand, eine Runde Kitesurfen, segeln, flirten, faulenzen. Wenn es Nacht wird, macht sie sich schön. Malt sich an, tanzt bis in die Puppen, geht um halb vier morgens essen und, wenn es hell wird, ins Bett. Gestern ist lang her, morgen lang hin - Tel Aviv lebt, "als ob es kein Gestern und kein Morgen gibt", sagt Mati Broudo, 49, der erfolgreiche Kneipenwirt. Wer in seiner "Brasserie" morgens um drei einen Tisch haben will, muss rechtzeitig reservieren. Das Art-déco-Restaurant ist Treffpunkt für Künstler, Politiker und alle schicken Nachteulen der Stadt. Es ist 24 Stunden lang geöffnet und nur einmal im Jahr, an Jom Kippur, für zwölf Stunden geschlossen. Am Tresen treffen wir DJ Shiri Paamoni, 30, die hektisch in ihre beiden ständig klingelnden Handys spricht. Sie ist sich sicher: "Ein Augenblick Ruhe heißt für uns Stillstand, das wäre der Untergang."
Der Rest des Heiligen Landes schaut fassungslos auf die sündige Stadt am Meer. Wo israelische und arabische Schwule gemeinsam lustige Paraden machen und nicht, wie in Jerusalem, mit Steinen beworfen werden. Wo Leute wohnen, die am Sabbat nicht in die Synagoge gehen, sondern ins "Whisky à gogo". Wo am Sabbat viele Geschäfte offen haben, weil es den Oberrabbinern - anders als den Kirchen bei uns - nicht gelingt, einen Ladenschluss durchzusetzen. Wo man im "Giraffe", einem asiatischen Restaurant, total unkoschere, scharfe Schweinerippchen isst. Wo die Mädchen Hosen tragen, die so tief sitzen, dass Theodor Herzl über seinen exhibitionistischen Judenstaat gestaunt hätte. Nach dem Begründer des Zionismus heißt ein Nachtclub, das "Herzl One" wirbt mit dem Spruch "drink and dance".

Obst und Gemüse - in der Sheinkin Street trifft alles aufeinander© Ziv Koren
Tel Aviv liegt in einer anderen Welt. Dort haben die Orthodoxen, die nur 15 Prozent der israelischen Bevölkerung ausmachen, sich aber ständig in jeden Aspekt des Lebens einmischen, wenig zu melden. Die zweitgrößte Stadt des jüdischen Staates ist eine Art Kreuzberg am Mittelmeer, nicht ganz koscher, nicht ganz sauber, nicht ganz linientreu, aber sehr lebendig. Die Historikerin Dahlit Nemrovsky, 29, kommt aus Jerusalem: "Da wachst du auf und weißt: Heute passiert nichts und morgen auch nicht." Jetzt lebt sie "Gott sei Dank in Tel Aviv, hier ist jeden Tag die Hölle los".
In Haifa, so heißt ein israelischer Spruch, wird gearbeitet, in Jerusalem gebetet, in Tel Aviv gefeiert. Das war gut zu beobachten während des zweiten Libanon-Krieges, als der Norden von Katjuscha-Raketen beschossen wurde und der Rest des Landes in solidarische Schockstarre verfiel. In Tel Aviv aber ging die Party weiter, man lag am Strand, trank ein Bier und schaute den Militärflugzeugen zu, die im Zweiminutentakt vom nahe gelegenen Sde-Dov-Flugplatz abhoben, tief über den Badenden eine Schleife flogen und dann nach Norden abdrehten, in den Krieg.
"Wir leben hier in einer Blase", sagt Nilli Goren, Kuratorin im Kunstmuseum, "man wirft uns vor, wir hätten keinen Kontakt mit den wahren Problemen des Landes." Aber das sei Quatsch, "wir nehmen die Horrornachrichten, mit denen man überschwemmt wird, nur einfach nicht so ernst." Frau Goren betreut die fotografische Sammlung, ist in Jerusalem geboren und liebt die Stadt, würde aber nie wieder dort hinziehen: "Jerusalem wird immer religiöser und fanatischer, ich bin froh, dass mein Kind dort nicht aufwächst."
Bevor sie ausgeht, schläft sie kurz, "von zehn bis Mitternacht", dann macht sie sich schön und geht erst mal essen im "Nanoushka", einem angesagten georgischen Restaurant, in dem die Musik so laut ist, dass die Teller auf dem Tisch vibrieren. So gegen drei zieht man dann hinauf zum Nordhafen, wo im "Hangar 11" vielleicht Subliminal auftritt, der Rapper, oder man tanzt nebenan im "TLV" bis zum Morgengrauen. Wenn man Glück hat, kann man dort Galit Gutman, 35, treffen, die Heidi Klum des Landes. Der Model-Star sucht auf Kanal 10 das nächste Supermodel Israels.
Übernommen aus ...
Ausgabe 21/2008