Auf dem Weg in den Asien-Urlaub lohnt ein Stopp in Bangkok unbedingt: Die neue Szene mit Clubs, Restaurants und Künstlern trotzt dem schlechten Ruf.

Coole weiße Pracht im Bed Supperclub, kurz "das Bett" genannt. Ihre bequeme Lümmellage auf dem Sofa verlassen die Besucher auch zum Essen nicht© Tom Tavee
Unter den Jungen und Schönen in Bangkok ist ein neuer Spruch ganz hip. "Mit wem gehst du heute abend ins Bett?", fragen sie, wenn sie sich übers Handy verabreden. Nitaya lacht und antwortet: "Ich bringe noch meinen Freund mit. Acht Uhr, abgemacht, zu viert macht es mehr Spaß." Dann zieht die 20-jährige Sprachstudentin ihre Lidschatten zurecht und springt ins Taxi. Von der Sukhumvit, einer der verrufensten Sündenmeilen der Stadt, biegt das Auto in die Seitengasse. Straßenhändler verditschen hier gefälschte Rolex-Uhren, und in den Striptease-Bars lassen Prostituierte Luftballons zerplatzen, indem sie Pfeile aus ihrer Vagina schießen. Dies ist das alte Bangkok, der wilde Sündenpfuhl, von dem jeder schon mal gelesen hat. Neben den Massagesalons aber schimmert weiß und mächtig ein Oval aus Eisen, Glas und Plastik, das Symbol des neuen Bangkok. "Wie von einem anderen Stern, wie ein Ufo, nicht wahr", sagt Nitaya. Der Eingang ist in rotes Licht getaucht. Eine schwere Tür mit weißem Lederpolster öffnet sich. "Willkommen im Bett", ruft Paris, ein Syrer aus London, der eigentlich Mohammed Batra heißt. Er hat den "Bed Supperclub", kurz das "Bett", im vergangenen Herbst eröffnet. Seitdem gilt das "Bett" als coolster Club der Stadt und hippstes Restaurant Asiens. "Das gibt es weder in Tokio noch in Hongkong", protzt Paris.Vanessa, eine Balletttänzerin mit Cowboyhut und rotem Minikleid, führt Nitaya zu ihrem Platz. Ehe sich die Gäste hinlegen, streut sie Blütenblätter von roten Rosen auf ein weißes Sofa. Das ist zehn Meter lang, anderthalb Meter breit, kuschelig weich und Herzstück des Clubs. Und Ausdruck seiner Philosophie. Denn gegessen wird im Liegen oder wenigstens halb liegend mit ausgestreckten Füßen, gestützt auf eines der riesigen Kissen. "Habt ihr jemals eine geile Party erlebt, bei der alle Gäste brav an Tischen saßen?", fragt Vanessa. Eben.Thaimädchen in Engelskostümen bringen zur Begrüßung Wodka mit Kirschsaft. In der offenen Küche kreiert Spitzenkoch Dan Ivarie, ein Amerikaner, eine Spinatsuppe mit geraspelten Shiitake-Pilzen. Als Vorspeise kredenzen die Engel Lachsröllchen auf Endivienblättern und Birnen, dazu eine Sauce aus Guave, Zitrone und grünen Äpfeln - ein Fest für den Gaumen. Als Hauptgericht kommt gedünsteter Seebarsch zum Sofa. Wenn einer der westlichen Gäste mal wieder lustvoll stöhnt, dass "so schon die alten Römer ihre Gelage gefeiert haben müssen" oder eines der langbeinigen Jetset-Girls abfällig bemerkt, einen ähnlichen Club gäbe es doch auch in Amsterdam, dann kann "Bett"-Chef Paris richtig sauer werden. "Die Idee, an Tischen und auf Stühlen sitzend zu essen, ist eindeutig ein europäischer Import. Die Thais haben dazu früher auf dem Boden gesessen oder gelegen. Wer kopiert hier wen?" Auch wenn sich der Club auf eine jahrhundertealte Tradition beruft, er könnte leicht als Drehort für eine Neuauflage von "Raumschiff Enterprise" dienen - so futuristisch wirkt das Innendesign. An der Stirnseite blitzen in schnellem Wechsel Dias mit wilden geometrischen Formen, gegenüber zuckt eine grellrote Fieberkurve. Sie steigt an, als kurz vor Mitternacht der Transvestit Claire mit Reibeisenstimme und Netzstrümpfen Tina-Turner- und Gloria-Gaynor-Hits röhrt. "I will survive", singt Claire. Ein Kanadier, der für die Weltbank arbeitet, scherzt: "Das passt als Hymne zur Wiedergeburt Bangkoks!"

Der Eingangsbereich des Silom 222: Ein Hotel, in dem kein Zimmer dem anderen gleicht© Tom Tavee
Noch vor wenigen Jahren galt die "Stadt der Engel" als hoffnungsloser Fall, als dreckig, laut und drogenverseucht. Damals gehörten stundenlange Staus zu Bangkok wie Sushi-Häppchen zu Tokio und Neonreklamen zu Las Vegas. Heute bringt der Skytrain, eine S-Bahn auf Betonstelzen, Touristen und Geschäftsreisende in einer halben Stunde vom Flughafen ins Zentrum. Die Bars müssen um zwei Uhr morgens schließen, das Rauchen an öffentlichen Plätzen ist ebenso verboten wie das Tanzen auf Tischen. Nachtschwärmer und Intellektuelle fluchen über den "Krieg gegen Drogen", in deren Verlauf die Polizei schon mehr als 2000 Menschen erschossen hat. Nicht immer in Notwehr, wie die Regierung gern behauptet. Der Kampf gegen Sünde und Sünder freut allerdings die Tourismusmanager. Denn als Zwischenstopp auf dem Weg zu den Traumstränden Thailands wird Bangkok zunehmend auch für junge, kulturinteressierte Reisende oder Familien attraktiv. "Zum Vorschein kommt eine Metropole, die außer Sonne und käuflichem Sex auch spannende Avantgarde-Kunst, schrille Mode und feinste Fusion-Küche zu bieten hat", sagt Katharina von Ruckteschell, die vier Jahre lang das Goethe-Institut in Bangkok geleitet hat. Sogar in der Architektur - auch Bangkok ist verschandelt von protzigen Wolkenkratzern und hässlichen Betonburgen - tut sich endlich was. Erste Boutique-Hotels zieren nun die Stadt. Das Silom 222 etwa rühmt sich seiner farbenfrohen Zimmer, von denen keines dem anderen ähnelt. "Wir essen ja auch nicht jeden Tag das Gleiche. Wieso sollen Touristen in den ewig gleichen, langweiligen Zimmern wohnen?", sagt der Manager. Im edlen Hotel Sukhotai genießen die Betuchteren die perfekte Symbiose von alter Thai-Architektur und modernstem japanisch-asiatischem Design. Die Fernseher verstecken sich in verspiegelten und drehbaren Eisenwürfeln, die Eingangshalle atmet die Würde einer Kirche, und vom Frühstückstisch fällt der Blick auf rote Backsteinpagoden. Sie stehen in einer Landschaft aus Wasser, Blumen und schwimmenden Kerzen, eine Kreation von Sakul Intakul, einem der führenden Jung-Designer Asiens. Sakul, der auch die aufwendigen Blumengestecke für die Bankette der Thai-Königin Sirikit entwirft, sagt: "Wir Thais haben einen einzigartigen Sinn für Schönheit und Harmonie." Ein Verächter der Harmonie sitzt 20 Autominuten entfernt in der Thavibu-Galerie. Vasan Sitthiket, 46, trägt ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift "Scheiß-Amerika". Seit dem Irak-Krieg malt er Bilder, die den amerikanischen Präsidenten zeigen, wie er mit Lederstiefeln, Hakenkreuzslip und riesigem Penis in Raketenform Frauen vergewaltigt - ein Schock für die Mehrheit der Thais, die jeden Konflikt am liebsten weglächeln. Vasan sieht seine "Kunst als Waffe gegen das Establishment". In anderen Gemälden stellt er die Doppelmoral buddhistischer Mönche bloß, die sich mit Prostituierten vergnügen, und zeichnet den autoritären und steinreichen Ministerpräsidenten Thaksin mit der Sprechblase: "Ich bin Milliardär und deshalb Premier. Nun korrumpiere ich das ganze Land." Einige Ausstellungen sind verboten worden; trotzdem hält der Galerie-Besitzer Jorn Middelborg Thailand für "das freieste und kreativste Land Südostasiens". Im "Eat Me", einem Restaurant mit angeschlossener Galerie, hängen Bilder an den Wänden, die amerikanische Comic-Helden im Kampf mit hinduistischen Gottheiten zeigen. Superman fasst Sita, der Frau des Gottes Rama, an die Brüste. Rama versucht, Sita gegen den Fremden zu beschützen. "Sie ringen um die Seele Thailands", erklärt die Studentin Nitaya. "Und Rama wird gewinnen. Denn wir bleiben Thai, auch wenn wir bei McDonald's essen und fremde Kulturen in uns aufsaugen."Im "Bett" spielt DJ Bee heute gefälligen Elektro-Clash und schrägen Bastard-Pop. Die Bedienungen haben sich als Krankenschwestern verkleidet und servieren Wodka, Sambuca und Tequila aus Reagenzgläsern. Die Gäste des Restaurants liegen derweil über dem Nachtisch, einem Schokoladen-Soufflé. Vanessa sitzt unter einem weiß gestrichenen Baum. An den Zweigen hängen Papierblätter mit der Aufschrift "Ich liebe dich", in 23 Sprachen. Aus Tarot-Karten liest sie einem Gast die Zukunft. "Sie werden wieder nach Bangkok kommen", sagt Vanessa und lächelt.