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Hotspot für Design-Süchtige

Wer auf Designer-Klamotten steht, sollte Toronto einen Besuch abstatten. Die Outfits der kanadischen Newcomer könnten schon bald das Doppelte Wert sein. Schuld daran ist eine kleine Designer-Schmiede in Torontos angesagter Einkaufsmeile.

Von Jens Maier

Die aufgedrehten Zwillinge gießen sich Champagner nach. Keine Billigbrause, nein, teuren, prickelnden Edelstoff. Die Magnumflasche ist halb leer. Die beiden feiern den Erfolg ihrer ersten Damen-Kollektion. Mittags haben Dean und Dan Caten vor VIPs und Fachpresse ihre Show gezeigt. Naomi Campbell und Eva Herzigova krabbelten aus einem pinkfarbenen Jet und schrieen: "Jet-set life! Be a star!". Das war 2003. Seitdem werden die beiden in Mailand Jahr für Jahr für ihr Label "Dsquared" gefeiert. Ein steiler Aufstieg für zwei Jungs aus einem kleinen Kaff in Ontario/Kanada.

Auch Hannah Melville träumt vom steilen Aufstieg. Und auch sie stammt aus einem kleinen Ort in Kanada. Heute hat die junge Designerin zum ersten Mal ihre eigene Damenkollektion vor einem großen Publikum präsentiert. Hannahs Show war gut. Ihre Kreationen mit einem Mix aus Pariser Glamour, Tokio-Style und skandinavischer Coolness kam an. Nicht der große Durchbruch, aber immerhin hat Hannah es schon von Gibsons, einer 4000-Seelen-Gemeinde in British Columbia, bis auf die Laufstege Torontos geschafft.

Hier werden Designer ausgebrütet

Die größte Stadt Kanadas wird bisher von internationalen Designern belächelt. Paris, Mailand, New York, London - da ist kein Platz für eine weitere Modemetropole. Doch Toronto mischt die Szene mit Newcomern auf. Zahlreiche junge Designer machen sich von Toronto aus auf, die Welt zu erobern. Die Keimzelle des Aufbruchs ist eine kleine Designer-Schmiede mitten in der Stadt: der Toronto Fashion Incubator (TFI), was auf Deutsch soviel heißt wie Torontos Mode-Brutstätte. Der TFI ist eine gemeinnützige Organisation, die den aussichtsreichsten Modemachern hilft, als Designer Fuß zu fassen.

Das Gebäude des TFI liegt direkt an der Queen Street West, einst Torontos Rotlichtviertel und die wohl einzige Straße Nordamerikas, die zugunsten breiterer Bürgersteige schmaler gemacht wurde: ein Gewusel aus billigen Sexshops, teuren Galerien und Starbuck-Cafés. Jenseits der Spadina Avenue wird sie erst richtig schräg: West Queen West heißt dieses neue In-Viertel, wo junge Künstler in abbruchreifen Klitschen ihre drei, vier Werke ausstellen und lebende Models im Schaufenster gewagte Dessous zeigen. Offenbar genau die richtige Atmosphäre, um kreativ zu sein.

"Wonderlust" statt Prada und Gucci

Hannah ist Studentin des Toronto Fashion Incubator. "Wonderlust" steht an der Tür zu ihrem kleinen Studio. So hat die Kanadierin ihr Label getauft. Was das genau heißen soll, weiß sie auch nicht. Aber vielleicht wird der Name irgendwann einmal im gleichen Atemzug mit Prada und Gucci genannt werden. In einem großen Raum stehen zehn Nähmaschinen an kleinen Tischen. Daneben bietet ein Tresen Platz, um Stoffe zu recht zu schneiden. Den Raum teilen sich die zehn Studenten des TFI, die einen der begehrten internen Plätze ergattert haben. Daneben hat der TFI weitere 250 externe Mitglieder, die nicht in den Genuss eines mietfreien Studios kommen.

Über 1000 Designer bewerben sich Jahr für Jahr auf einen der frei werdenden Plätze. Susan Langdon, Geschäftsführerin des TFI, hat hohe Ansprüche an die Bewerber. Um aufgenommen zu werden, muss jeder einen Drei-Jahres-Businessplan vorlegen, 25.000 Kanadische Dollar Startkapital vorweisen und natürlich Talent mitbringen. Die meisten Anwärter haben bereits ein abgeschlossenes Design-Studium. Außerdem muss jeder fähig sein, im Team zu arbeiten. "Primadonnen können wir nicht gebrauchen", sagt Langdon, "alle müssen an einem Strang ziehen. Lieber lasse ich einen Platz frei, als jemanden zu nehmen, der nicht in die bestehende Gruppe passt.

Hannah passt. Drei Jahre ist sie bereits dabei. Im Schnitt bleiben Langdons Schützlinge vier bis fünf Jahre. Dann haben sie das nötige Know-How, um selbständig zu überleben. Die unzähligen Kleider, Blusen, Hemden und Röcke, die sich in Hannahs sechs Quadratmeter großem Studio auf Kleiderstangen stapeln, sehen so aus, als würden sie schon morgen an Heidi Klum oder Naomi Campbell zur Anprobe gehen. Doch bis eines der Topmodels "Wonderlust" repräsentiert, ist es noch ein weiter Weg. Hannah sitzt an einem kleinen Schreibtisch und zeichnet Entwürfe für eine Präsentation vor Medienvertretern im nächsten Monat. Das Aufbauen von Kontakten ist einer der Schwerpunkte des TFI.

Doch Talent und Kontakte reichen heute nicht mehr, um als Designer zu überleben. "Ich habe mich immer darüber geärgert, dass Designer als kreative Wirrköpfe gelten, die keine Ahnung vom Geld verdienen haben", sagt Geschäftsführerin Langdon. Bis 1994 war sie selbst eine der erfolgreichsten Designer Kanadas. "Ich wollte beweisen, dass auch Designer finanziell erfolgreich sein können", erklärt Langdon ihren Ansporn, an die Spitze des TFI zu wechseln. Die zehn Studenten des TFI bekommen deshalb ständige Nachhilfe in Sachen Finanzen. Sie lernen einen vernünftigen Businessplan aufzustellen und das verdiente Geld vernünftig in ihre Firma zu reinvestieren.

Wer überleben will, muss Ahnung von Business haben

Hannah musste im Laufe ihrer Karriere einige herbe Rückschläge verkraften. Aus Frust über die hässlichen Sachen, die ihre Eltern ihr zum Anziehen kauften, nähte sie sich schon als junges Mädchen ihre Kleidung selbst. Die Idee, Modemacherin zu werden, war geboren. "Ich hatte sehr große Schwierigkeiten, meine Sachen zu verkaufen", sagt die heute 28-Jährige. "Bis mir am Ende fast das Geld ausging. Da wurde mir klar, dass ich als Designerin auch betriebswirtschaftlich denken muss." Heute hat die TFI-Studentin bereits einen Jahresumsatz von 100.000 Dollar und zwei Arbeitsplätze geschaffen. "Ich musste zwei Näherinnen einstellen, um die Aufträge bewältigen zu können", sagt sie stolz.

Die Hoffnung auf neue Arbeitsplätze ist auch der Grund, warum das TFI-Budget von rund 330.000 Kanadischen Dollar (ca. 223.000 Euro) im Jahr von der Stadt Toronto finanziert wird. Die Modeindustrie ist der zweitgrößte Arbeitgeber der Stadt mit mehr als 50.000 Angestellten. Damit das auch so bleibt, sollen auch kleine Existenzgründer unterstützt werden. Und das Konzept scheint aufzugehen: Viele der erfolgreichsten kanadischen Designer sind Absolventen des TFI und nach ihrem Studium in der Stadt geblieben. Im Laufe der Jahre haben sich in Toronto so zahlreiche kleine Boutiquen angesiedelt, die Stadt gilt heute als kreatives Zentrum für Modedesign in Nordamerika, tausende von Jobs sind entstanden.

Designer von morgen gesucht

"Kanada sucht den Superdesigner" könnte der Name des Wettbewerbs sein, dem alle Studenten des TFI entgegenfiebern. Bei der Modenschau, die eigentlich "New Labels Show" - zu deutsch "Neue Marken Schau" - heißt, treten mehrere Designer gegeneinander an. Die Kollektionen müssen vor einer Jury aus Modemachern, Medienvertretern und Design-Professoren bestehen. Der Beste erhält den mit 25.000 Kanadischen Dollar dotierten "Elle Canada New Labels"-Preis und eine Vorstellung der Entwürfe in der Modezeitschrift "Elle" Kanada. "Die Show ist eine hervorragende Bühne für junge Designer, um ihre Kollektion den ganz großen der Branche zu zeigen und ein Bein ins Business zu bekommen", sagt Rita Silvan, Chefredakteurin der "Elle" Kanada.

Bei der nächsten Show will auch Hannah antreten. Natürlich um zu gewinnen. Dann könnte "Wonderlust" in den Boutiquen schon bald direkt neben den Outfits von "Dsquared" von Dean und Dan Caten hängen. Die zwei Nobodys, die nicht aus einer Italo-Modearistokratie wie die Fendis oder Missonis, sondern von einem Schweißer aus dem kanadischen Kaff Willowdale abstammen und nicht mal ein Modestudium vorweisen können, haben mit viel Glück und harter Arbeit ihren Siegeszug um die Welt geschafft. Hannah wird es dank der Hilfe von Susan Langdon ein Stück einfacher haben.

Service

Allgemeine Informationen

Wer sich vor seinem Abflug über Toronto und Ontario informieren möchte, kann dies unter www.ontariotravel.net oder unter www.torontotourism.com tun. Toronto-Informationen speziell für Frauen sind unter www.cleverwomen.de zu finden.

Anreise

British Airways fliegt täglich ab London, Zubringerflüge ab den meisten deutschen Flughäfen sind oft im Preis mit drin. Air Canada/Lufthansa fliegen von Frankfurt aus täglich und ab München mehrmals wöchentlich nonstop in neun Stunden nach Toronto.Preise: im Frühjahr/Herbst rund 700 Euro, im Sommer rund 900 Euro. Günstiger sind zur Hochsaison Charterflüge: LTU, Thomas Cook/Condor und Air Transat.

Übernachten

The Drake Hotel: Das angesagte Design-Hotel liegt direkt an der Queen Street West. Die Zimmer sind zwar klein, aber trendy eingerichtet. Ständig wechselnde Ausstellungen machen das Drake zum Museum. Am Nachmittag treffen sich hippe Torontorianer zum After-Work-Drink auf dem Sky Yard, einer großen Dachterrasse. Doppelzimmer ab 120 Euro die Nacht.
The Drake Hotel, 1150 Queen Street West, Internet: www.thedrakehotel.ca

The Gladstone Hotel:

Die Zimmer des Gladstone Hotels wurden von unterschiedlichen lokalen Designern gestaltet. Herausgekommen ist ein bezaubernder Stil-Mix aus Moderne und viktorianischem Stil. Doppelzimmer ab 110 Euro die Nacht.
The Gladstone Hotel, 1214 Queen Street West, Internet: www.gladstonehotel.com

Hotel Victoria:

Solide Unterkunft. Die 56 Zimmer wurden kürzlich renoviert und sind recht geräumig. Weiterer Pluspunkt: Alle Attraktionen der Innenstadt sind zu Fuß zu erreichen. Doppelzimmer ab 70 Euro die Nacht.
Hotel Victoria, 56 Yonge St., Internet: www.hotelvictoria-toronto.com

Essen und Trinken

Moon Bean Cafe, 30 St Andrew Street: Das gemütliche Café am Kensington Market ist ideak für eine Pause nach einem anstrengenden Einkaufsbummel.

Rain

, 19 Mercer Street, Tel: (416) 599-7246: Dieses ehemalige Frauengefängnis ist der neuste Hotspot der kanadischen Celebrities. Neben der schicken Location mit riesigem Wasserfall im Innenraum muss sich die Fusion Cuisine von Küchenchef Guy Rubino keineswegs verstecken. Gaumenfreude meets Top-Location

Joso's

, 202 Davenport Road, Tel. 416-925 19 03: Eng und laut ist dieses skurrile Italo-Lokal, in dem eine Stimmung herrscht wie in einer Seitengasse von Neapel. Weil Gründer Joso ein Maler war und die Frauen liebte, ist der Gast beim Dinner umgeben von Porträts und bunten Akten.

Rodney's Oyster House

, 469 King St. West, Tel. 416-363 81 05: Austern (20 Arten!), Muscheln, Hummer, Krebse und natürlich Fisch - alles aus den Meeren rund um Kanada kommt in diesem rustikalen Kellerlokal auf die großen Holztische.

Bymark

, 66 Wellington St. West, Tel. 416-777 11 44: Das neueste Lokal von Sternekoch Mark McEwan. Neben Lachs, Hummersalat und anderen kanadischen Leckereien serviert Mark den mit 33 Dollar wahrscheinlich teuersten Hamburger Kanadas. Dieser ist dafür aber auch mit Brie und Steinpilzen überbacken.

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