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1. Dezember 2006, 15:51 Uhr

Hotspot für Design-Süchtige

Wer auf Designer-Klamotten steht, sollte Toronto einen Besuch abstatten. Die Outfits der kanadischen Newcomer könnten schon bald das Doppelte Wert sein. Schuld daran ist eine kleine Designer-Schmiede in Torontos angesagter Einkaufsmeile. Von Jens Maier

Macht New York nicht nur mit seiner Skyline, sondern auch in Sachen Mode den Rang streitig: Blick vom Ontario See auf Downtown Toronto© Jens Maier

Die aufgedrehten Zwillinge gießen sich Champagner nach. Keine Billigbrause, nein, teuren, prickelnden Edelstoff. Die Magnumflasche ist halb leer. Die beiden feiern den Erfolg ihrer ersten Damen-Kollektion. Mittags haben Dean und Dan Caten vor VIPs und Fachpresse ihre Show gezeigt. Naomi Campbell und Eva Herzigova krabbelten aus einem pinkfarbenen Jet und schrieen: "Jet-set life! Be a star!". Das war 2003. Seitdem werden die beiden in Mailand Jahr für Jahr für ihr Label "Dsquared" gefeiert. Ein steiler Aufstieg für zwei Jungs aus einem kleinen Kaff in Ontario/Kanada.

Auch Hannah Melville träumt vom steilen Aufstieg. Und auch sie stammt aus einem kleinen Ort in Kanada. Heute hat die junge Designerin zum ersten Mal ihre eigene Damenkollektion vor einem großen Publikum präsentiert. Hannahs Show war gut. Ihre Kreationen mit einem Mix aus Pariser Glamour, Tokio-Style und skandinavischer Coolness kam an. Nicht der große Durchbruch, aber immerhin hat Hannah es schon von Gibsons, einer 4000-Seelen-Gemeinde in British Columbia, bis auf die Laufstege Torontos geschafft.

Hannah Melville vor ihrem Studio im Toronto Fashion Incubator© Jens Maier

Hier werden Designer ausgebrütet

Die größte Stadt Kanadas wird bisher von internationalen Designern belächelt. Paris, Mailand, New York, London - da ist kein Platz für eine weitere Modemetropole. Doch Toronto mischt die Szene mit Newcomern auf. Zahlreiche junge Designer machen sich von Toronto aus auf, die Welt zu erobern. Die Keimzelle des Aufbruchs ist eine kleine Designer-Schmiede mitten in der Stadt: der Toronto Fashion Incubator (TFI), was auf Deutsch soviel heißt wie Torontos Mode-Brutstätte. Der TFI ist eine gemeinnützige Organisation, die den aussichtsreichsten Modemachern hilft, als Designer Fuß zu fassen.

Das Gebäude des TFI liegt direkt an der Queen Street West, einst Torontos Rotlichtviertel und die wohl einzige Straße Nordamerikas, die zugunsten breiterer Bürgersteige schmaler gemacht wurde: ein Gewusel aus billigen Sexshops, teuren Galerien und Starbuck-Cafés. Jenseits der Spadina Avenue wird sie erst richtig schräg: West Queen West heißt dieses neue In-Viertel, wo junge Künstler in abbruchreifen Klitschen ihre drei, vier Werke ausstellen und lebende Models im Schaufenster gewagte Dessous zeigen. Offenbar genau die richtige Atmosphäre, um kreativ zu sein.

"Wonderlust" statt Prada und Gucci

Hannah ist Studentin des Toronto Fashion Incubator. "Wonderlust" steht an der Tür zu ihrem kleinen Studio. So hat die Kanadierin ihr Label getauft. Was das genau heißen soll, weiß sie auch nicht. Aber vielleicht wird der Name irgendwann einmal im gleichen Atemzug mit Prada und Gucci genannt werden. In einem großen Raum stehen zehn Nähmaschinen an kleinen Tischen. Daneben bietet ein Tresen Platz, um Stoffe zu recht zu schneiden. Den Raum teilen sich die zehn Studenten des TFI, die einen der begehrten internen Plätze ergattert haben. Daneben hat der TFI weitere 250 externe Mitglieder, die nicht in den Genuss eines mietfreien Studios kommen.

Über 1000 Designer bewerben sich Jahr für Jahr auf einen der frei werdenden Plätze. Susan Langdon, Geschäftsführerin des TFI, hat hohe Ansprüche an die Bewerber. Um aufgenommen zu werden, muss jeder einen Drei-Jahres-Businessplan vorlegen, 25.000 Kanadische Dollar Startkapital vorweisen und natürlich Talent mitbringen. Die meisten Anwärter haben bereits ein abgeschlossenes Design-Studium. Außerdem muss jeder fähig sein, im Team zu arbeiten. "Primadonnen können wir nicht gebrauchen", sagt Langdon, "alle müssen an einem Strang ziehen. Lieber lasse ich einen Platz frei, als jemanden zu nehmen, der nicht in die bestehende Gruppe passt.

Lust auf "Wonderlust" Hannahs Designer-Klamotten gibt es inzwischen in mehreren Boutiquen in Toronto zu kaufen. Die Adressen sind auf www.wonderlustclothing.ca zu finden. Wer sich als Designer für das Programm des TFI interessiert, kann sich unter www.fashionincubator.com informieren.

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