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Wo Marlon Brando sein Glück suchte

Auf einem Atoll in der Südsee lebte Marlon Brando seinen Traum vom Ausstieg. Zehn Jahre nach dem Tod des Filmstars eröffnete auf der Insel Onetahi ein luxuriöses Resort, das seinen Namen trägt.

Von Marta Ghelma

Das Tetiaroa-Atoll nahe Tahiti besteht aus 13 Inseln: The Brando wurde auf Onetahi errichtet.

Das Tetiaroa-Atoll nahe Tahiti besteht aus 13 Inseln: The Brando wurde auf Onetahi errichtet.

Man kann schon verstehen, wenn man so am Strand sitzt und auf den Pazifik schaut, mit einem Kaltgetränk in der Hand. Es ist kitschig, aber wahr: Sanft rauscht der Tropenwind durch die Palmen, Möwen schreien mit Weißbauchtölpeln um die Wette, die Luft riecht nach Blüten. Und sonst ist da: nichts. Kein Stress, keine Mühen, nur Müßiggang.

Vor mehr als 50 Jahren fand der amerikanische Schauspieler ein vergängliches Glück auf Tetiaroa, seitdem hat das Atoll in der wohl kaum etwas von seiner Schönheit eingebüßt. Rund 20 Flugminuten nördlich von Papeete, der Hauptstadt Tahitis, umringen 13 Inseln ein natürliches Bassin. Der sechs Quadratkilometer große Sehnsuchtsort gehörte einst Tahitis Königsfamilie. Heute wirkt er wie die Kulisse eines Werbespots, der bei der Bearbeitung am Computer jeder Schönheitsfehler ausgetrieben wurde. Der Himmel - so was von blau! Das Wasser - türkis und klar! Der Sandstrand - leuchtend weiß!

Und dann der , die große Weite. Kaum angekommen, beginnt das Kopfkino: Da drüben im seichten Wasser hat Marlon Brando bestimmt mal gebadet. An diese Kokospalme wird er sich gelehnt haben, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Sicher überliefert ist, dass der Exzentriker das Leben auf seinem Atoll liebte. Obwohl das Glück auch hier zwei Seiten hat.

Kein Glück von Dauer

Anfang der 60er Jahre drehte Brando, der gefeierte , in der Südsee den Film "Meuterei auf der Bounty". Er verliebte sich in Tarita Tumi Teriipaia, die in dem Film mitspielte. Und er verguckte sich in das Tetiaroa-Atoll. Mit der polynesischen Tänzerin und Schauspielerin bekam er zwei Kinder, Simon Teihotu und Tarita Cheyenne - und er pachtete 1966 das Atoll für 99 Jahre.

Immer der Sonne entgegen: Ein polynesisches Auslegerkanu segelt an den Stränden des Tetiaroa-Atolls entlang.

Immer der Sonne entgegen: Ein polynesisches Auslegerkanu segelt an den Stränden des Tetiaroa-Atolls entlang.

Die meiste Zeit des Jahres residierte Brando in seinem Haus am Mulholland Drive in Los Angeles. Doch zwischen den Drehs besuchte er Tetiaroa für ein, zwei Monate, um sich von der Scheinwelt Hollywoods zu erholen. Auf dem Atoll fand Brando Ruhe, Zuflucht, eine heile Welt - obwohl es viele Mücken gab und keine Klimaanlage.

Er lebte seinen Traum vom Ausstieg auf Zeit und teilte ihn mit Menschen, die ihm lieb waren: Freunde wie Jones und Robert de Niro besuchten ihn in seinem einfachen Haus, in dem immer wieder der Generator ausfiel. Brando wollte einen Ort erschaffen, an dem sich Schriftsteller, Intellektuelle, Künstler, Wissenschaftler und Einheimische treffen, Ideen austauschen, friedlich zusammenleben.

Job im Blauen: Brandos Enkelin Tumi arbeitet als Guide für The Brando

Job im Blauen: Brandos Enkelin Tumi arbeitet als Guide für The Brando

Grüner Luxus

Für Brandos Familie war dieses Idyll nicht von Dauer: Die Liebe zu Teriipaia zerbrach, Anfang der 90er tötete Brandos ältester Sohn Christian den Freund seiner Stiefschwester Tarita Cheyenne, die sich wiederum fünf Jahre später erhängte. Auf sein geliebtes Atoll reiste Brando damals schon längst nicht mehr. Er starb am 1. Juli 2004; ein Teil seiner Asche wurde in der Lagune verstreut.

Zehn Jahre nach seinem Tod eröffnete das Unternehmen Pacific Beachcombers, mit Unterstützung von Nachkommen des Stars, auf Onetahi das Luxus-Öko-Resort "The Brando": 35 Teakholz-Villen mit Strohdach und Pool. Selbst zu Hochzeiten sind nicht mehr als etwa 90 Gäste auf dem Atoll. Zur Anlage gehören ein Spa, eine Boutique, zwei Bars, zwei Restaurants. Viele Zutaten für die Küchen wachsen im Garten.

Überhaupt wird viel Wert auf Nachhaltigkeit gelegt: Die Klimaanlage arbeitet umweltfreundlich mit Meerwasser; Solarzellen und ein Biokraftwerk erzeugen den Strom. Zudem setzen sich eine Forschungsstation und zwei gemeinnützige Vereine, die Tetiaroa Society und Te Mana O Te Moana, für den Schutz des Ökosystems ein. Aber natürlich geht es auch in der Südsee um Geld - und, wenn man genau hinsieht, um Macht.

Drei Nächte Minimum-Stay

Eine Übernachtung kostet ab 2400 Euro, mindestens drei Nächte muss der Gast bleiben. Dafür kann er ungestört im seichten Wasser der Lagune schnorcheln und bunte Tropenfische beobachten. Oder er spaziert die Strände von West Turtle Beach und South Mermaid Bay entlang, erkundet das Hinterland mit einem Fahrrad und paddelt durch die Lagune.

Wie in einem Schiff: das Restaurant Les Mutinés

Wie in einem Schiff: das Restaurant Les Mutinés

Neben Onetahi dürfen zwei weitere Inseln betreten werden: Oroatera mit einem seepferdchenförmigen See in der Mitte und Reiono, wo riesige Krebse und Paradiesvögel leben. Mit etwas Glück sieht man nachts am Strand, wie große Meeresschildkröten im Zeitlupentempo aus dem Wasser kriechen, um ihre Eier im Sand abzulegen.

Tochter Tumi arbeitet als Guide

Noch besser sind die Chancen, Marlon Brandos Nachkommen auf Tetiaroa zu treffen: Sein Sohn Simon Teihotu, der auf Onetahi aufwuchs, lebt noch heute auf der Insel, und dessen Tochter Tumi arbeitet als Guide für "The Brando"; sie schnorchelt mit den Gästen und zeigt ihnen Tiere und Pflanzen auf dem Atoll.

"Schon als Kind habe ich meine Ferien auf Tetiaroa verbracht", erzählt Tumi Brando, "deshalb kenne ich hier jede Ecke." An den berühmten Großvater erinnert sie sich hingegen kaum: "Als er starb, war ich erst 15 Jahre alt. Schon seit langer Zeit hatte er sein Haus in Los Angeles nicht mehr verlassen."

Dafür hat der Film "Meuterei auf der Bounty" ihr Bild von Marlon Brando mitgeprägt. "Wenn ich mir die Szene anschaue, in der sich Großvater als Offizier Fletcher Christian von meiner Großmutter verabschiedet, muss ich immer daran denken, dass er das gesamte Atoll für sie errungen hat", sagt die 26-Jährige. Auch Tumi Brando hat ihrem Großvater viel zu verdanken - etwa einen Arbeitsplatz, um den sie beneidet wird.

Marlon Brando und Tarita Tumi Teriipaia in "Meuterei auf der Bounty"

Marlon Brando und Tarita Tumi Teriipaia in "Meuterei auf der Bounty"

Ein Rebell im Atoll

Teiki Pambrun muss hingegen kämpfen, um im Paradies bleiben zu dürfen. Seit einigen Jahren lebt er mit seiner Frau Teae, der Tochter Temanu, einer Katze und einem Dalmatiner auf einem Boot, mitten im Atoll. Nach der Eröffnung des Resorts wurde der 61-Jährige aufgefordert, die Lagune zu verlassen. "Aber ich habe mich entschieden, eine Kampagne gegen die konzeptlose Privatisierung der Lagune zu starten", sagt Pambrun. Auf seiner Facebook-Seite "The Brando - Apocalypse now." prangert er Investoren aus dem Ausland an, die die polynesische Kultur bedrohten.

"Das tahitische Volk hat Besucher aus der westlichen Welt immer willkommen geheißen", sagt Pambrun. "Es ist doch widersinnig, dass wir jetzt von ihnen aus unseren Lagunen vertrieben werden." So schränkt etwa eine neue Verordnung die Fischerei im Atoll ein. Zum Beispiel sind Netze verboten. Die Genossenschaft der Fischer von Arue, der nächstgelegenen Gemeinschaft, kämpft dafür, die Einschränkungen aufzulockern. Bislang ohne Erfolg.

Pambrun traf Brando

Man könnte meinen, dass Marlon Brando sich gut mit Teiki Pambrun verstanden hätte. Auch der Schauspieler war ein Freigeist, der gegen Unrecht eintrat - zumindest in der Öffentlichkeit. 1973 lehnte Brando den Oscar für seine Rolle im Film "Der Pate" ab, um gegen die Unterdrückung der Indianer in den USA zu protestieren. Und privat? "Anfang der Neunziger habe ich Brando einmal getroffen", sagt Pambrun.

Als der Polynesier durch die Lagune segelte, forderte Brando ihn wütend auf, zu verschwinden. "Erst als ich ihn darauf aufmerksam machte, dass die Strände und die Lagune niemandem gehören, hat er sich beruhigt", sagt Pambrun. "Trotz des kleinen Streits habe ich ihn immer respektiert."

Mehr über den Fotografen unter www.nicolanfranchi.com

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