Im Club der Visionäre

29. Dezember 2011, 20:03 Uhr

Auf der Erde wird es immer enger. Und so führt die Zukunft des Reisens in lauter spannende, neue Welten. Manche sind noch lediglich Ideen, einige dagegen bereits Stilikonen. Eine futuristische Revue voller schwimmender Inseln, fliegender Hotels und gläserner Flugzeuge. Von Wolfgang Röhl

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Zukunft des Tourismus, Abu Dhabi, Singapur

In Singapur hat die Zukunft längst begonnen: Die drei geschwungene Türme des Marina Bay Sand, die in fast 200 Meter Höhe eine Art galaktische Gurke tragen - ein Gesamtkunstwerk aus Hotel, Kasino und Museum©

Ist das die Zukunft des Tourismus? Kopierte Attraktionen, die an jedem Ort, auf jedem Kontinent errichtet werden können? Wird es in Zukunft drei oder fünf Eiffeltürme geben? Mehrere Akropolen, diverse Schiefe Türme, Neuschwansteine, Angkor Wats, Gizeh-Pyramiden? Gar eine zweite Große Mauer, die sich vielleicht durch Kalifornien zieht?

Auf der anderen Seite des Pazifiks nämlich wächst wohl bald eine Kuriosität: In der südchinesischen Provinz Guangdong will ein Immobilienunternehmen ein zweites österreichisches Hallstatt aufbauen. Die asiatischen Copycats sollen das romantisch zwischen Berg und See gelegene Örtchen im Salzkammergut detailliert abgelichtet haben. Chinesen könnten diese europäische Perle - Unesco-Welterbe! - künftig im Reich der Mitte besichtigen.

Wobei die Chinesen nicht die Ersten sind, die mit leichter Hand Europa vervielfältigen und anderswo deponieren - die Amerikaner haben das schon in den Sechzigerjahren erfolgreich getan und so ein armseliges Städtchen an der Westküste vor dem Ruin gerettet.

Bayern im Bundesstaat Washington

Hinter Seattle, wo die Landschaft alpin wird, erscheinen am Wenatchee-Fluss Granitgebirge, Fichtenwälder, Seen, Bäche, Stromschnellen - und ein weißblaues Wunder: Leavenworth begrüßt seine Besucher mit dem Schild "Willkommen". Das Städtchen im Bundesstaat Washington ist die perfekte Illusion von einem Bayern, wie Amerikaner es lieben, mit Fachwerkhäusern, hölzernen Balustraden, geraniengeschmückten Balkonen, bemalten Hausfassaden. "Bayern liegt in Ihrem Hinterhof", wirbt Leavenworth. "In der Zeit, in der Sie zum Airport fahren, Ihr Auto parken, sich durch die Massen drängen, dann endlich am Gate sitzen, um auf das wie üblich verspätete Flugzeug zu warten, könnten Sie bereits hier sein."

Als der Schriftsteller und Kulturtheoretiker Umberto Eco Mitte der Siebzigerjahre durch die USA reiste, staunte er über kunstvolle Nachbildungen historischer Stätten. Nicht nur die Disneylands, auch ungezählte andere Nachbauten wie die populären Westerntowns seien ja nicht bloße Imitationen. Sie setzten, so Eco in einem Essay, "der Realität sogar noch eins drauf". Seine Fahrten in die nachgezimmerte Landesgeschichte nannte er "Reisen in die Hyperrealität".

Mobile Menschheit

Werden wir in Zukunft überhaupt noch richtig reisen, die Welt in echt erleben dürfen? Die Weltbevölkerung, so die jüngste Transport-Studie der OECD, wird von heute sieben auf mehr als neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 steigen. Die Mobilität, also die Summe der zurückgelegten Reisekilometer, werde sich gegenüber dem Jahr 2000 vervier- bis verfünffachen. Was hauptsächlich am steilen Anstieg der Touristenzahlen aus Boomstaaten wie China, Indien oder Brasilien liegen wird. Die chinesische Tourismusbehörde erteilte kürzlich dem Reiseveranstalter Tui die "Outbound-Lizenz", Reisen von Chinesen nach Europa en gros zu organisieren. Bislang darf nur ein kleiner Teil des Riesenvolkes den Duft der weiten Welt schnuppern.

Was aber, wenn einmal nicht nur ein paar hundert Millionen Menschen gleichzeitig durch die Welt sausen wie heute, sondern eine Milliarde oder zwei? Die altgedienten Weltwunder wären damit hoffnungslos überfordert. Für eine Reise ins schon heute bis an die Schmerzgrenze überbesuchte Venedig müsste man dann wohl Eintrittskarten ausgeben, im Internet zu ersteigern wie Tickets zu Fußball-WM-Spielen. Es sei denn, man baute einfach ein zweites Venedig. Sagen wir, in Abu Dhabi?

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