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Im Club der Visionäre

Auf der Erde wird es immer enger. Und so führt die Zukunft des Reisens in lauter spannende, neue Welten. Manche sind noch lediglich Ideen, einige dagegen bereits Stilikonen. Eine futuristische Revue voller schwimmender Inseln, fliegender Hotels und gläserner Flugzeuge.

Von Wolfgang Röhl

  In Singapur hat die Zukunft längst begonnen: Die drei geschwungene Türme des Marina Bay Sand, die in fast 200 Meter Höhe eine Art galaktische Gurke tragen - ein Gesamtkunstwerk aus Hotel, Kasino und Museum

In Singapur hat die Zukunft längst begonnen: Die drei geschwungene Türme des Marina Bay Sand, die in fast 200 Meter Höhe eine Art galaktische Gurke tragen - ein Gesamtkunstwerk aus Hotel, Kasino und Museum

Ist das die Zukunft des Tourismus? Kopierte Attraktionen, die an jedem Ort, auf jedem Kontinent errichtet werden können? Wird es in Zukunft drei oder fünf Eiffeltürme geben? Mehrere Akropolen, diverse Schiefe Türme, Neuschwansteine, Angkor Wats, Gizeh-Pyramiden? Gar eine zweite Große Mauer, die sich vielleicht durch Kalifornien zieht?

Auf der anderen Seite des Pazifiks nämlich wächst wohl bald eine Kuriosität: In der südchinesischen Provinz Guangdong will ein Immobilienunternehmen ein zweites österreichisches Hallstatt aufbauen. Die asiatischen Copycats sollen das romantisch zwischen Berg und See gelegene Örtchen im Salzkammergut detailliert abgelichtet haben. Chinesen könnten diese europäische Perle - Unesco-Welterbe! - künftig im Reich der Mitte besichtigen.

Wobei die Chinesen nicht die Ersten sind, die mit leichter Hand Europa vervielfältigen und anderswo deponieren - die Amerikaner haben das schon in den Sechzigerjahren erfolgreich getan und so ein armseliges Städtchen an der Westküste vor dem Ruin gerettet.

Bayern im Bundesstaat Washington

Hinter Seattle, wo die Landschaft alpin wird, erscheinen am Wenatchee-Fluss Granitgebirge, Fichtenwälder, Seen, Bäche, Stromschnellen - und ein weißblaues Wunder: Leavenworth begrüßt seine Besucher mit dem Schild "Willkommen". Das Städtchen im Bundesstaat Washington ist die perfekte Illusion von einem Bayern, wie Amerikaner es lieben, mit Fachwerkhäusern, hölzernen Balustraden, geraniengeschmückten Balkonen, bemalten Hausfassaden. "Bayern liegt in Ihrem Hinterhof", wirbt Leavenworth. "In der Zeit, in der Sie zum Airport fahren, Ihr Auto parken, sich durch die Massen drängen, dann endlich am Gate sitzen, um auf das wie üblich verspätete Flugzeug zu warten, könnten Sie bereits hier sein."

Als der Schriftsteller und Kulturtheoretiker Umberto Eco Mitte der Siebzigerjahre durch die USA reiste, staunte er über kunstvolle Nachbildungen historischer Stätten. Nicht nur die Disneylands, auch ungezählte andere Nachbauten wie die populären Westerntowns seien ja nicht bloße Imitationen. Sie setzten, so Eco in einem Essay, "der Realität sogar noch eins drauf". Seine Fahrten in die nachgezimmerte Landesgeschichte nannte er "Reisen in die Hyperrealität".

Mobile Menschheit

Werden wir in Zukunft überhaupt noch richtig reisen, die Welt in echt erleben dürfen? Die Weltbevölkerung, so die jüngste Transport-Studie der OECD, wird von heute sieben auf mehr als neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 steigen. Die Mobilität, also die Summe der zurückgelegten Reisekilometer, werde sich gegenüber dem Jahr 2000 vervier- bis verfünffachen. Was hauptsächlich am steilen Anstieg der Touristenzahlen aus Boomstaaten wie China, Indien oder Brasilien liegen wird. Die chinesische Tourismusbehörde erteilte kürzlich dem Reiseveranstalter Tui die "Outbound-Lizenz", Reisen von Chinesen nach Europa en gros zu organisieren. Bislang darf nur ein kleiner Teil des Riesenvolkes den Duft der weiten Welt schnuppern.

Was aber, wenn einmal nicht nur ein paar hundert Millionen Menschen gleichzeitig durch die Welt sausen wie heute, sondern eine Milliarde oder zwei? Die altgedienten Weltwunder wären damit hoffnungslos überfordert. Für eine Reise ins schon heute bis an die Schmerzgrenze überbesuchte Venedig müsste man dann wohl Eintrittskarten ausgeben, im Internet zu ersteigern wie Tickets zu Fußball-WM-Spielen. Es sei denn, man baute einfach ein zweites Venedig. Sagen wir, in Abu Dhabi?

  Highlight in Abu Dhabi: das Hotel Yas Viceroy in Abu Dhabi

Highlight in Abu Dhabi: das Hotel Yas Viceroy in Abu Dhabi

Jean Nouvel und Frank O. Gehry bauen für Abu Dhabi

Das Scheichtum am Persischen Golf, weit ölreicher als sein bekannterer Nachbar Dubai, stellt sich gerade für den Tourismus kommender Dekaden auf. Und zwar in XXL-Größe. Riesiger Flughafen, endlose Golfplätze, glitzernde Marinas und Shopping Malls, der 1001-Nacht-Hotelpalast "Emirates Palace", eine etwa 700 Millionen Dollar teure Vorzeigemoschee. Kernstück ist die Freizeitinsel Yas Island. Dort läuft, quasi durch ein Hotel hindurch, eine Formel- Eins-Rennstrecke, dort steht die "Ferrari World" mit der schnellsten Achterbahn des Planeten (bis 240 Stundenkilometer). Auch den schiefsten Turm (Neigungswinkel 18 Grad) hat sich das Emirat zugelegt, viermal schräger als der von Pisa. Clou des Ganzen ist der Cultural District, wo Ableger des Louvre und des Guggenheim-Museums nach den Plänen der Star-Architekten Jean Nouvel und Frank O. Gehry entstehen. Was heißt hier Ableger? Das Guggenheim-Museum von Abu Dhabi wird zwölfmal so groß wie das New Yorker.

Guggenheim heißt die Mutter aller gelungenen Versuche, einen eigentlich gähnenswerten Ort touristisch sexy zu machen. Das öde baskische Industriezentrum Bilbao erlebte seit 1997 durch Frank O. Gehrys verwegen gestaltete Guggenheim-Filiale einen nie für möglich gehaltenen Gästeansturm. In dessen Kielwasser etablierte sich eine hochkarätige Gastroszene.

Das bekannteste Leuchtturmprojekt steht gleich nebenan, in Dubai. Das segelförmige Luxushotel "Burj al Arab" mit seinem Hubschrauberlandeplatz in schwindelnder Höhe wurde zwar nie ein Profitbringer. Aber es hat den Namen Dubai ein für allemal auf die touristische Landkarte gepinnt.

Singapur macht Las Vegas Konkurrenz

Viele Destinationen peppen sich derzeit auf für den Kampf um die anschwellenden Urlauberströme. Immer höhere, schickere Hotels (derzeit Spitze: das "Ritz Carlton" Hongkong, das die oberen Etagen eines 490 Meter hohen Turms belegt), immer verrücktere Formen. Das Hotel "Crazy House" im vietnamesischen Da Lat sieht aus wie ein riesiger Termitenhaufen, der Antoni Gaudí in die Hände fiel, als der mal unter LSD stand. Und Pools werden da in Position gebracht! Monsterbadewannen wie aus Sci-Fi-Filmen. Das größte Schwimmbad der Welt ist 1013 Meter lang, acht Hektar groß und birgt 250 Millionen Liter Wasser. Es ist die Hauptattraktion der Ferienanlage "San Alfonso del Mar" an der chilenischen Pazifikküste, wo das Baden im Meer kalt und gefährlich ist. Solche künstlichen Meere, die man vom Weltraum aus erkennen kann, sind auch in anderen Ländern geplant.

Eine Landmarke aber toppt derzeit alles in der Disziplin Gesamtkunstwerk. Das 2600-Zimmer-Hotel "Marina Bay Sands" in Singapur besteht aus drei geschwungenen Hoteltürmen, die in fast zweihundert Meter Höhe eine Art Riesenröhre tragen. Die wirkt wie ein U-Boot-Rumpf oder eine galaktische Gurke, je nachdem, wie viele Singapore Slings der Betrachter intus hat. Davor machen sich ein muschelförmiges Kunstmuseum und eine neu erbaute Oper breit, alles vom architektonisch Feinsten, Extravagantesten. Singapur, das vordem als sauber, sicher und bienenfleißig, aber auch als sterbenslangweilig und steril galt, hat mit den milliardenschweren Freizeitanlagen furiose Monumente des Müßiggangs geschaffen. Die zu überbieten dürfte selbst Las Vegas schwerfallen.

Gigantomanie überall

Da entstehen, zumindest auf dem Design-Computer des schwedischen "Queen Mary 2"-Mitgestalters Fredrik Johansson, Kreuzfahrtschiffe von einem halben Kilometer Länge, auf dem die Einwohner einer Kleinstadt Platz fänden. Kaum ein Hafen ist so groß, dass sie andocken könnten. Ist aber auch unnötig. Die Gäste gelangen mit schiffseigenen Fähren und Wasserflugzeugen an und von Bord.

Die abenteuerlichste Vision in Sachen touristischer Zukunft entwarfen Designer mit dem schwindelerregenden Modell einer High-Tech-Arche: "Lilypad, die schwimmende Öko-Stadt", ein 500.000 Quadratmeter großes, sich mit allem selbst versorgendes Meeresraumschiff, könnte - zumindest auf dem Papier - 50.000 "Klimaflüchtlinge" aufnehmen und dauerhaft versorgen. Die "Lilypad"-Entwickler nahmen an, dass deren Zahl schon bald bis zu 250 Millionen betragen würde.

Doch als die Uno ihre alarmistischen Klimafluchtprognosen aus den Jahren 2005 und 2008 kürzlich klammheimlich kassierte, verschwand das Projekt in der Schublade. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass eine Klimaflucht gar nicht stattfand. Im Gegenteil, die Bevölkerung in den angeblich betroffenen Regionen wächst. Prognosen sind eben immer schwierig, "besonders", wie Mark Twain immer wieder zitiert wird, "wenn sie die Zukunft betreffen".

  hochfliegenden Pläne von Airbus: das Zukunftsflugzeug Zehst

hochfliegenden Pläne von Airbus: das Zukunftsflugzeug Zehst

Auch das Fliegen soll revolutioniert werden.

Der Luftfahrtkonzern EADS forscht am Überschallflugzeug "Zehst" (Zero Emission High Supersonic Transport), das um das Jahr 2050 wasserstoffgetrieben und schadstoffarm in sagenhaften zweieinhalb Stunden von Paris bis Tokio hüpfen soll. Der Jet, technisch eher eine Rakete, sieht im Entwurf der ausgemusterten Concorde ähnlich. EADS-Tochter Airbus wiederum möchte zur Jahrhundertmitte Flugzeuge bauen, deren Kabinen als 360-Grad-Panorama-Glaskuppel angelegt sind. Passagiere könnten über den Wolken die Blicke schweifen lassen, virtuell Golfabschläge üben und sich hernach in Sitze fallen lassen, die sich der Körperform anpassen. Damit wäre auch das Problem der zunehmend fülliger werdenden Reisenden elegant gelöst.

Eine Airbus-Studie für die Fluggesellschaft Finnair malt als künftigen Lufttransporter eine fliegende Untertasse von Perry Rhodan'scher Anmutung an den Himmel. Die böte zwischen 1700 und 2400 Passagieren in Einzel- bis Viererkabinen Platz. An Bord gäbe es Duschen, Theater, Fitnessstudios und Restaurants allerdings erst ab 2093 oder so.

Aber können all die hochfliegenden Pläne unsere eigene, seit den Fünfzigerjahren eingefahrene Art des Reisens verändern? Oder werden die aktuellen Debatten um die alternde Gesellschaft, ihren Wertewandel, die Erderwärmung oder die künftige Energieversorgung etwas verändern?

Glaubt man dem Geschnatter der Trendscouts, dann stehen auf der Agenda künftig Themen wie "ganzheitliche Standort-Marken", "Klimawandel und Eco- Friendliness", "Genuss-Moral-Bilanz", "Emotionsjunkietum" und das "Live-likea- local-Gefühl". Es gehe um "Soft-Kicks", "Fun-Tools" und die Formel "Innovation mal Tradition mal Green Lifestyle". Allein für die Sprache wäre die Höchststrafe angemessen: 1 Woche all inclusive am Goldstrand, Bulgarien.

Aufschwung für den Ferntourismus

Sogenannte Futouristen - verantwortungsbewusste Reisende, denen etwa der Schutz von Wäldern auf Kuba oder Walen vor Teneriffa am Herzen liegt -, möchte eine Initiative generieren, die sich auf der Internationalen Tourismusbörse 2011 vorstellte. Unter den Gründungsmitgliedern: die beiden Großveranstalter TUI und Thomas Cook. Tui-Chef Volker Böttcher weiß aus einer Emnid-Umfrage für seinen Konzern: "Drei Viertel aller Bundesbürger wollen künftig bei der Hotelauswahl besonders viel Wert auf umweltfreundliche Hotels legen." Das richtige Bewusstsein hätten die Kunden schon, meint Thomas-Cook- Chef Peter Fankhauser. Bloß spiele das bei der Reiseplanung noch keine große Rolle: "Preis und gutes Wetter sind immer noch die ausschlaggebenden Faktoren." Was auch die renommierte Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) Jahr für Jahr empirisch bestätigt bekommt, wie in Erz gegossen: Die Mehrheit der Urlauber sucht schlicht Sonne, Strand und Meer.

Für Verhaltensänderungen könnte allerdings der demografische Faktor sorgen. Beim Branchenführer Tui rechnet man für die Zukunft mit mehr älteren, betuchten Kunden. "Neben der Altersstruktur verändern sich vor allem die Werte und Einstellungen der sogenannten ,Best Ager‘", sagt Tui-Vorstand Böttcher. "Deren Wunsch nimmt zu, im Urlaub auch geistige Anregungen zu erfahren." Die nächsten Jahrzehnte, glaubt der Touristiker, würden daher dem Ferntourismus weiteren Aufschwung bescheren: "Diese Kundschaft zieht es mehr und mehr in exotische Länder."

Eines scheint sicher: Es wird eng im globalen Feriendorf

Schon jetzt stehen vor den touristischen Highlights von San Francisco mehr Asiaten Schlange als Amerikaner oder Europäer. Auf der Golden Gate Bridge herrscht inzwischen zeitweise Stop & Go - und zwar im Seitenstreifen, wo Touristen wandern und radeln. Da wäre es vielleicht in der Tat vernünftiger, ein paar Kopien von der weltberühmten Brücke anzufertigen und in China, Indien, Südkorea und Malaysia aufzustellen.

Der eingangs erwähnte Umberto Eco, dem seine "hyperrealen" USA-Erfahrungen in den Siebzigern durchaus gefielen, fand sogar, dass ein gelungener Fake manchmal besser sei als das Original. In Disneys Adventure-Park beschnupperte der Schriftsteller die künstlich angelegten Flusslandschaften des amerikanischen Südens. Später tuckerte er auf einem Raddampfer über den echten Mississippi. "Der Kapitän sagte, es sei möglich, Alligatoren auf den Sandbänken zu sehen, aber wir kriegten keine zu Gesicht", monierte Eco. "Da bekommt man Heimweh nach Disneyland, wo die wilden Tiere nicht erst lange überredet werden müssen."

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