HOME
Blog

Ende des Booms: Wie die arabischen Airlines in die Krise fliegen

Emirates, Etihad und Qatar Airways sind die drei großen Golf-Airlines. Jahrelang profitierten sie von der Globalisierung des Luftverkehrs. Doch jetzt droht heftiger Gegenwind. Für Flugreisende hat die Krise auch Vorteile.

Selfie im Hangar: Zur Flotte von Etihad Airways gehören auch zehn Jets vom Typ A380, die unter anderem auf den Strecken von Abu Dhabi nach London und Paris sowie nach Australien zum Einsatz kommen.

Selfie im Hangar: Zur Flotte von Etihad Airways gehören auch zehn Jets vom Typ A380, die unter anderem auf den Strecken von Abu Dhabi nach London und Paris sowie nach Australien zum Einsatz kommen.

Die Nachricht las sich wie eine Kriegserklärung, allerdings ohne Waffen: Ägypten, Bahrain, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben ihren Luftraum für die Jets von Qatar Airways seit Anfang Juni gesperrt und verbieten Flüge aus ihren Ländern nach .

Die diplomatische Krise am Persischen Golf bringt damit auch Qatar Airways in starke Bedrängnis, da für ihre Flüge von und nach Europa nur noch wenige Luftkorridore über den Iran und die Türkei zur Verfügung stehen. Auf anderen Routen müssen die Jets lange Umwege fliegen. So wird eine Airline zum Spielball politischer Interessen. Doch mit heftigen Gegenwind haben auch Emirates und Etihad zu kämpfen. Die Probleme im Einzelnen.

Qatar Airways aus Doha 

Airbus A380 von Qatar Airways

27 Millionen Passagiere im Jahr 2016: Qatar Airways fliegen mit 199 Flugzeugen 150 Ziele auf sechs Kontinenten an.

Seit Jahren steuert Akbar Al Baker die Expansion der seit 1993 existierenden Airline aus dem kleinen Emirat, das auf einer in den Persischen Golf ragenden Halbinsel liegt und im Süden an Saudi-Arabien grenzt. Die innovative Airline setzt auf neuste Technik und war unter anderem Erstkunde für den Airbus A350. Im Gegensatz zu ihren Konkurrenten verzichtet Qatar in ihren Flugzeugen auf eine First Class (Ausnahme: im Airbus A380) und legt dafür Wert auf eine gehobene Business Class. Als einzige der Golf-Airlines hat sich Qatar einer der großen Luftfahrt-Allianzen angeschlossen, der One World. Außerdem besitzt sie 20 Prozent der Aktien von der International Airlines Group (IAG), der Holdinggesellschaft von British Airways und Iberia.

Zunächst schien es, dass die erfolgsverwöhnte Airline vom Laptop-Ban der Amerikaner weniger betroffen ist als Emirates und keine Flüge streichen muss. Doch seit der diplomatischen Isolation des Staates Katar durch die arabischen Nachbarn hat es die Airline vor wenigen Tagen kalt erwischt. Von ihrem neuen Hamad International Airport müssen die Flieger zum Teil erhebliche Umwege fliegen, da der Luftraum über Saudi-Arabien und den Emiraten gesperrt ist. Das trifft zunächst weniger Passagiere, die aus Deutschland via Doha nach Australien fliegen, sondern vor allem Interkontinentalflüge von Doha nach Afrika und Südamerika. So verlängert sich die Flugzeit Doha-Sao Paulo von 14 auf 16 Stunden. Durch die zeitraubenden Umwege müssen auch die Umläufe der Jets neu geplant werden.

Mit den Sanktionen der vier arabischen Länder entfallen auch die Flüge zum Drehkreuz Doha und es bleiben entsprechend viele Passagiere weg. Experten der Marktforschungsfirma Capa prognostizieren einen zweistelligen Umsatzrückgang für den Rivalen von und Eihad.

Wie dramatisch die Situation für Qatar ist, zeigt die Tatsache, dass Airline-Chef Al Baker  die jährliche Generalversammlung des Weltluftfahrtverbands Iata vorige Woche in Mexico überstürzt verließ und nach zurückflog. Momentane Gewinner der Situation sind Etihad und Emirates.

Etihad Airways aus Abu Dhabi

Boeing 787 von Etihad

Mit den 120 Airbus- und Boeing-Flugzeugen von Etihad wurden 2016 mehr als  18,5 Millionen Passagiere zu 110 Flugzielen befördert.


Die erst 2003 gegründete Etihad mit ihrem Sitz in Abu Dhabi, die Hauptstadt der Vereinigten Arabische Emirate, ist die jüngste der drei Golf-Carrier. Die Airline mit dem Namen "Einheit" wurde vom Herrscherhaus Al Nahyan als Konkurrent zu Emirates positioniert. Die beiden Drehkreuze sind nur 130 Kilometer voneinander entfernt und verfolgen dasselbe Geschäftsmodell: vor allem Passagiere im Transit zwischen den Kontinenten zu befördern.

Durch Zukäufe vor allem in Europa sollte Etihad schnell an Größe gewinnen. Mit dick gefüllter Brieftasche ging Etihad-Chef auf Einkaufstour. Im Dezember 2011 erwarb er fast 30 Prozent der Anteile von Air Berlin. Später folgten Beteiligungen unter anderem an Alitalia, an einer serbische Fluglinie und an der kleinen Darwin Airline in der Schweiz.

Die Idee: Die europäischen Airlines sollten die Etihad-Maschinen für die Langstrecken nach Asien und Australien füllen. Doch die Rechnung ging nicht auf. Etihad hat Milliarden-Summen verloren und musste im Dezember 2016 die Notbremse ziehen: Ein Stellenabbau wurde angekündigt. Händeringend versucht Etihad bei und Alitalia auszusteigen und hat sich in Gesprächen sogar der Lufthansa angenähert. Der Australier Hogan und sein Führungsteam wurde im Mai in Abu Dhabi vom Hof gejagt. Auch die geplante Kooperation mit Tuifly zur Gründung einer gemeinsamen Charter-Airline platze Anfang Juni.

Emirates aus Dubai

A380 von Emirates

Platzhirsch Emirates in Dubai: 260 Maschinen nur vom Typ Boeing 777 und Airbus A380 fliegen auf dem Streckennetz von Emirates, das 157 Destinationen in 84 Ländern auf sechs Kontinenten umfasst.


Vorreiter der neuen Generation arabischer Airlines war Emirates. Von Singapore Airlines kopierten sie Anfang der 80er Jahre das erfolgreiche Geschäftsmodell: Ein kleines Land legt sich eine große Airline zu und wird zur Drehscheibe für Interkontinentalflüge. Seit mehr als 30 Jahren verfolgt die Airline mit geschicktem Marketing, Kampfpreisen, großzügigen Gepäckregeln und gutem Service das Konzept äußerst erfolgreich. Emirates ist heute mit fast 100 Maschinen vom Typ Airbus A380 der mit Abstand weltweit größte Betreiber des größten Passagierflugzeuges.

Schon immer legte die Airline großen Wert auf Rentabilität und baute als einer der ersten Fluglinien in ihre Boeing 777 einen Sitz mehr pro Reihe ein. Doch seit Mai stehen die Zeichen nicht nur auf Expansion, sondern auch auf Rückzug: Durch die strengere Einreisebestimmungen und das Elektronik-Verbot an Bord von USA-Flügen verzeichnet Emirates eine sinkende Nachfrage bei USA-Flügen. Auf fünf ihrer zwölf Routen in die Vereinigten Staaten hat Emirates das Angebot zurückgefahren. Das Ende des Booms ist erreicht.

Mit Sondertarifen versucht die Airline momentan ihre Großraumflieger zu füllen: Für nur 399 Euro geht es ab Deutschland nach Dubai und retour. Und wer nur 100 Euro drauflegt, kann bis Bangkok weiterfliegen: jeweils nur 50 Euro für einen 6,5 Stunden dauernden Flug. Kein Wunder, denn die Airline hat jeden Tag auf dieser Strecke fünf A380-Flüge mit Passagieren zu füllen.

Gemeinsame Probleme der Golf-Airlines

Und jeden Monat wird an Emirates eine weitere A380 ausgeliefert. Die Kapazität vergrößert sich rasant, eine Herausforderung, die auch die Mitbewerber am Golf zu stemmen haben. Allein Etihad hat nach eigenen Angaben 204 neue Maschinen bestellt, darunter 71 Großraumflugzeuge wie die Boeing 787, 25 Boeing 777X, 62 Airbus A350 und noch zehn Airbus A380.

Sollte es aufgrund der "abgeschwächten weltwirtschaftlichen Konjunktur in einem zunehmend wettbewerbsintensiven Umfeld", so argumentiert Etihad, zu einem Aufschub der georderten Jets oder gar zu einer Stornierung kommen, kann die Krise am Golf zum Problem die beiden großen Flugzeughersteller Airbus und Boeing werden.

Auch kämpfen alle drei Golf-Carriers mit der Herausforderung, dass zu viele Sitze in der Business Class frei bleiben: Geschäftsleute aus Europa ziehen es vor, lieber nonstop nach Bangkok, Tokio, Seoul oder Singapur zu fliegen, als mitten in der Nacht am Golf aus dem Flugzeug zu steigen, durch grelle Shopping Malls zu laufen und nach einigen Stunden weiterzufliegen.

Sollte sich die Krise am Golf verschärfen, dürften noch mehr Passagiere den Weg über Dubai, Doha oder Abu Dhabi meiden. Dann könnte es auch für Emirates und Etihad eng werden. Denn noch ist ihnen erlaubt, über iranisches Hoheitsgebiet zu fliegen. Nicht auszudenken, wenn es zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen den Erzfeinden Saudi-Arabien und dem Iran kommt. Dann verkommen die drei Drehscheiben des zivilen Luftverkehrs am Golf zu Ruhestätten. Platz in der Wüste zum Einparken ungenutzter Flugzeuge gibt es genug.


Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity