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"Xynthia" rast über Deutschland hinweg

Vier Tote, abgedeckte Dächer, Bahnverkehr in mehreren Bundesländern gestoppt - Orkantief "Xynthia" hat nach seinem Todeszug durch Spanien und Frankreich auch in Deutschland schwere Schäden angerichtet.

Das gewaltige Sturmtief "Xynthia" hat nach Portugal, Spanien und Frankreich auch Deutschland heimgesucht und in allen vier Ländern mindestens 53 Menschen in den Tod gerissen. Die meisten Opfer gab es in Frankreich, wo im schlimmsten Unwetter seit zehn Jahren 45 Menschen umkamen. In Deutschland wurden vier Menschen von umstürzenden Bäumen erschlagen. Es gab zudem zahlreiche Verletzte.

Im westfälischen Ascheberg fiel ein Baum auf ein fahrendes Auto auf der Bundesstraße 54. Die 70-jährige Fahrerin erlag noch am Unfallort ihren schweren Verletzungen. Auch in Feldberg-Bärental im Schwarzwald fiel ein Baum auf ein Auto, der 74-jährige Fahrer starb, seine Ehefrau wurde schwer verletzt. Im Taunus wurde ein 69-jähriger Wanderer, der mit einer Gruppe von 20 Leuten unterwegs war, von einem Baum erschlagen. Dasselbe Schicksal ereilte eine Frau beim Nordic-Walking im Rhein-Erft-Kreis. Wie die Polizei mitteilte, war sie trotz des heftigen Sturms in einem Wald in Pulheim bei Köln unterwegs gewesen.

Gesamter Zugverkehr in Nordrhein-Westfalen eingestellt

In Deutschland wütete "Xynthia" am heftigsten im Südwesten, in Hessen und in Nordrhein-Westfalen. Auf den Bahnstrecken herrschte vielerorts Ausnahmezustand. Im Fernverkehr kam es zu massiven Verspätungen. In Nordrhein-Westfalen stand der Verkehr auf den Schienen am Sonntagabend sogar komplett still. Auch im Saarland stellte die Bahn ihren Regionalverkehr komplett, in Rheinland-Pfalz beinahe ganz ein. Im Raum Stuttgart fiel ebenfals der Bahnverkehr aus, ein Ersatzverkehr über die zum Teil verwüsteten Straßen war nicht möglich.

In Hessen saß ein Intercity-Express zwischen Fulda und Hanau mit etwa 800 Reisenden nach einer Kollision mit einem entwurzelten Baum etwa drei Stunden auf freier Strecke fest. Ein ICE auf dem Weg von Berlin nach Basel strandete in Göttingen.

Viele Straßen und auch Autobahnen in Baden-Württemberg, NRW und Thüringen waren von entwurzelten Bäumen oder umherfliegenden Gegenständen blockiert. In Frankfurt am Main wurde die A3 gesperrt, eine der wichtigsten Autobahnverbindungen durch Deutschland. In der Stadt waren der Hauptbahnhof und der Bahnhof am Flughafen vorübergehend geschlossen. Mehr als 200 Flüge fielen aus.

"Die Bäume knicken um wie die Streichhölzer"

In mehreren Bundesländern waren die Rettungskräfte pausenlos unterwegs. "Es ist alles im Einsatz, was fahren und laufen kann", sagte ein Polizeisprecher in Frankfurt. Mobile Toiletten flogen durch die Luft. Bäume stürzten um, Fassadenteile, Material von Baustellen und Werbeplakate wirbelten umher und blockierten Straßen. Bis zu 20.000 Menschen waren in Hessen von Stromausfällen betroffen. Auch in einigen Orten in Rheinland-Pfalz fiel vorübergehend der Strom aus.

Im pfälzischen Landau erlitt eine Frau schwerste Verletzungen, als der Sturm ein Eisentor aus der Verankerung riss, das sie gerade schließen wollte. "Die Bäume knicken um wie die Streichhölzer", hieß es von Einsatzkräften in Mainz. Dächer wurden vom Sturm abgedeckt, Baustellen verwüstet. Bei Würzburg in Bayern erlitt ein Mann schwere Quetschungen, als er im Sturm die Arretierung eines Krans lösen wollte. Auch in Nordrhein-Westfalen und in Thüringen richtete "Xynthia" viele Schäden an.

"Meteorologischen Bombe" mit Rekordgeschwindigkeit

"Xynthia" sei ein Sturmtief, wie man es nicht jedes Jahr hat, erklärte der Deutsche Wetterdienst in Offenbach. Die höchste Windgeschwindigkeit in Deutschland wurde nach Angaben des Wetterdienstes Meteomedia bis Sonntagnachmittag mit 165 Kilometern pro Stunde bei Weinbiet in Rheinland-Pfalz gemessen. Auf der Wasserkuppe in Hessen waren es 141 Stundenkilometer.

In Spanien, wo die Wetterexperten von einer "meteorologischen Bombe" gesprochen hatten, hatte "Xynthia" die Rekordgeschwindigkeit von 228 Stundenkilometern erreicht. Dieser am Samstag in der baskischen Kleinstadt Orduña gemessene Wert liegt noch über den 213 Stundenkilometern des Jahrhundert-Orkans Lothar 1999 im Schwarzwald, und ist damit der höchste Wert seit Beginn der wissenschaftlichen Wetterbeobachtung Ende des 19. Jahrhunderts.

Der schlimmste Sturm in Frankreich seit 1999

"Xynthia" hatte auf dem Weg in Richtung Deutschland bereits eine Schneise der Verwüstung auf der Iberischen Halbinsel und in Frankreich hinterlassen. Mindestens 49 Menschen kamen ums Leben. Allein in Frankreich starben mindestens 45 Menschen, 59 wurden verletzt. Die meisten Todesopfer ertanken bei Überschwemmungen an der Atlantikküste oder wurden von umherfliegenden Gegenständen erschlagen. Zwölf Personen würden noch vermisst, teilte ein Sprecher des Zivilschutzes am Sonntagabend mit.

Es war der schlimmste Sturm in Frankreich seit 1999. Die Windgeschwindigkeiten reichten von 150 Stundenkilometern an der Atlantik-Küste bis zu 200 Stundenkilometern auf den Höhenlagen der Pyrenäen. Hinzu kamen sintflutartige Regenfälle. In mehreren Orten in der Nähe von La Rochelle stand das Wasser bis zu 1,50 Meter hoch in den Straßen, Menschen retteten sich auf Häuserdächer. Mehrere Hubschrauber waren im Einsatz. Wegen überfluteter Gleise war der Zugverkehr in weiten Teilen von Westfrankreich gestört. In Paris fielen zahlreiche Flüge aus oder hatten Verspätung. Zeitweise war etwa eine Million Haushalte ohne Strom. In den Pyrenäen wurde neben Sturm- auch Lawinenalarm ausgegeben.

Zuvor war der Sturm auch über die Nordküste Spaniens hinweggefegt. Dabei kamen nach Angaben des Innenministeriums drei Menschen ums Leben. Zwei Menschen wurden bei Arlanzon getötet, als ihr Auto von einem umstürzenden Baum getroffen wurde. In Ourense fiel eine Frau dem schweren Sturm zum Opfer. Ein weiteres Todesopfer gab es in Portugal: Ein zehnjähriger Junge der vor dem Gottesdienstbesuch am Sonntagmorgen Ball neben einer Kirche spielte wurde dabei von einem fallenden Ast erschlagen.

DPA/AP/AP/DPA

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