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2. Juni 2005, 14:42 Uhr

Vertrieben für die Speicherstadt

Wo heute in der Hafencity wieder Bewohner einziehen, wurden einst 20.000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben. Für den Bau des größten zusammenhängende Lagerhauskomplexes der Welt.

Die Speicherstadtfassaden aus Backstein am Wandrahmsfleet und die Brücke bei St. Annen sind ein typischer Teil der Speicherstadt in Hamburg© DPA

1881 war die Entscheidung gefallen. Unter dem verstärkten Druck des Reiches, die Hansestadt bis zum Jahre 1888 an das Zollgebiet des Deutschen Reiches anzuschließen, wurde die bis dahin für das gesamte Stadtgebiet geltende Zollfreiheit aufgegeben. Lediglich in einem vom übrigen Stadtgebiet abgetrennten, durch einen Zollkanal gesicherten Freihafenbezirk sollten sich Schifffahrt, Warenhandel und Exportindustrie weiterhin zollfrei entfalten können. So entstanden neue Brücken, Zollgebäude und der Zollkanal, der das Freihafengebiet von der Stadt abtrennte: die Speicherstadt. Zu ihrer Errichtung musste das am Hafen liegende Wohn- und Hafenviertel komplett umgestaltet werden. Das hieß für fast zwanzigtausend Hamburger, dass sie aus ihren Wohnungen vertrieben wurden. Auf einen Schlag mussten 20.0000 Menschen sich neue Wohnungen suchen. Sie mussten in die Randgebiete der Stadt oder in die in Windeseile neu errichteten engen Wohnungen der Innenstadt ziehen. Die meisten der Bewohner des Hafenviertels hatten hier nicht nur gelebt, sondern auch gearbeitet, für sie war der Rausschmiss eine Katastrophe.

Abendliche Aufnahme der Hamburger Speicherstadt© DPA

Umsiedlung ohne ErbarmenDie neue Speicherstadt unterschied sich erheblich von den alten Lagerhäusern, wo Lager, Wohnung und Kontor unter einem Dach untergebracht gewesen waren. Nun standen die Lagerhäuser im Vordergrund und damit der Nutzen der neuen Stadt. Vor allem einem Mann war es zu verdanken, dass die Bauten nicht nur nützlich wurden, sondern aus heutiger Sicht sogar liebenswert. Oberingenieur Andreas Meyer versuchte mit den neugotischen Treppengiebeln, Türmchen und Spitzbögen, Mustern in Keramik und Glasursteinen und grünen Kupferhauben noch einmal den Glanz der alten Hansezeit zu beschwören. Mit der Fertigstellung der Speicherstadt wurde Hamburg nun endgültig Deutschlands Tor zur Welt. Kaiser Wilhelm II. setzt den SchlussteinAm 29. Oktober 1888 war es so weit. An der Brooksbrücke, einem der Zugänge zur Speicherstadt setzte Kaiser Wilhelm II. den Schlussstein ein. Der Freihafen konnte eingeweiht werden. Die Bauten der neuen Speicherstadt waren für die Lagerung der unterschiedlichsten Güter bestens ausgestattet. Das immer gleich bleibende Klima ermöglichte die Lagerung von Gewürzen, Nüssen, Kaffee, Tee, Tabak und Teppichen, später auch von Feinmechanik und Computern. Jeder Speicher besteht aus mehreren Stockwerken, die hier Böden heißen. Schon damals mussten sie so gebaut werden, dass sie schwere Lasten tragen konnten. In den folgenden Jahren bis 1912 wurde die Speicherstadt noch zweimal erweitert, bis sie von der Kehrwiederspitze bis zur Poggenbrücke reichte. Als im 2. Weltkrieg fast die Hälfte der Speicherstadt zerstört worden war, bemühte man sich, die besondere Ästhetik beim Wiederaufbau beizubehalten.Bis heute ist dieser Teil des Hamburger Hafens die Hauptattraktion der Großen Hafenrundfahrt. Die architektonischen Details sind bei entsprechender Tide in vollen Glanz anzuschauen, während man mit einer Barkasse durch die Fleeten schippert.