Spät kommen die Gäste, früh um sieben Uhr brechen sie wieder auf. Die Gastgeber im Tiroler Schönberg leben im Rhythmus der automobilen Brenner-Karawane. Wie bringt man Autofahrer dazu, länger als nur eine Nacht zu bleiben? Von Peter Linden

40 Kilometer südlich von Innsbruck: Das Dorf Schönberg liegt neben der E45© Peter Linden
Die schärfste Waffe von Agnes Steixner ist der Wandkalender "Tirol 2009". Auf dem Deckblatt schwimmen die Buchstaben in einem kristallklaren Bergsee. Neun Kühe grasen am Ufer, und unter ein paar weißen Wölkchen erstreckt sich im Hintergrund eine typische Gipfelkette der Stubaier Alpen. Für die Sommersaison 2008 hat die Wirtin 400 Exemplare der druckfrischen Hochglanzkalender für das nächste Jahr geordert. Nun überlegt sie sich bei jedem abreisenden Gast: Kommt der vielleicht wieder und erhält deshalb das kleine Geschenk? Oder war das "ein "Nachtler", einer der vielen, die es nur aus Zufall für eine Nacht in ihren Gasthof verschlagen hat?
In österreichischen Schönberg, direkt neben und teilweise sogar unter der Brenner-Autobahn gelegen, erschallt dieser Ruf seit 40 Jahren. Als 1968 die ersten Fahrzeuge über die neue, vierspurige Trasse nach Süden rollten, war es um die Beschaulichkeit des 1000-Seelen-Dorfs am Eingang des Stubaitals geschehen. In manchen Ortsteilen hörte man unaufhörlich das Donnern der Lkw. Wo sich die Betonpiste zu dicht an Häuser und Bauernhöfe schmiegte, vibrierten die Gläser in den Wohnzimmerschränken. Schnell hatte Schönberg einen neuen Spitznamen abbekommen und hieß unter Tirolern nur noch "Lärmdorf". Niemand, der sich noch Mühe machte, mal im "Gasthof Handl" von Familie Steixner oder gegenüber im "Hotel Stubai" nachzuhorchen. Nichts war da zu hören von der Autobahn, aber im Lärmdorf lagen sie doch.
"Bis nächstes Mal!", sagt Agnes Steixner dem abreisenden Ehepaar Zuurveen und hält ihnen den Kalender "Tirol 2009" entgegen. Zwar sind auch die beiden Holländer "Nachtler", Südsüchtige auf dem Weg nach Griechenland. Doch immerhin haben sich die Zuurveens bereits zum vierten Mal für den "Gasthof Handl" entschieden, sie gelten deshalb als Stammgäste. "Bis nächstes Mal", wiederholt Agnes Steixner und sucht den Blickkontakt mit Yvonne Zuurveen. "Bis nächstes Mal", antwortet Frau Zuurveen schließlich, aber sie sieht Frau Steixner nicht in die Augen. Dies ist noch kein Versprechen, dies ist eine Verlegenheit. Doch dann nimmt Frau Zuurveen immerhin den Kalender und lächelt.
"Damit sie planen können!", erklärt Agnes Steixner zu ihrer Kalenderoffensive und erzählt, wie oft die "Nachtler" auf dem Rückweg erschöpft von ihrem Urlaub am Meer in die Betten ihres Gasthofs sinken. Und wie sie ihnen am nächsten Morgen, so dezent wie möglich, die Vorzüge einiger erholsamer Tage im Stubaital beschreibt. "Ein kühler Wind, ein erfrischender Bergsee", sagt Agnes Steixner, während sie den Kaffee reicht. "Das wäre doch auch etwas für Sie!" Überzeugungsarbeit nennt sie das, ihren Appell, ausnahmsweise einmal für zwei Tage zu bleiben: "Die Menschen müssen Urlaub lernen, anstatt nur durchzurasen."
Die meisten "Nachtler" wollen nichts lernen. Sobald sie sich an der Mautstelle Schönberg aus der Fahrzeugschlange zum Brenner gelöst und zwei Kilometer weiter unter dem Kruzifix vor dem "Gasthof Handl" geparkt haben, ist ihnen vor allem nach einem zumute: viel essen und, je nach Nationalität, sehr viel trinken. Die dänischen Ehepaare Dueholm und Hansen etwa, machen sich sofort daran, das Sortiment der Brauerei Starkenberger durchzuprobieren, das es hier für 2,80 Euro pro halben Liter gibt. Eine Gruppe Belgier hat sich allzu viele Grillteller bestellt und ächzt nun unter den Fleischbergen, während sechs Jugendliche aus Jönköping in Schweden die Auswahl an hausgemachten Obstlern studieren.