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21. Februar 2003, 17:06 Uhr

Cooler Heimat-Film

Da bleibt den Alpen-Bergbauern der Jodler im Halse stecken: Statt rustikaler Schnitzereien macht sich neuerdings Purismus breit. In schicken Designhotels fühlen sich junge Großstädter wie zu Hause.

Neues Design in den Alpen© Franz Killmeyer

Die Bar, sagt man, ist die Seele eines Hotels. Da ist was dran. Im Hotel Madlein in Ischgl zum Beispiel wird spätestens an der Bar klar, worum es geht im ganzen Laden: einchecken, um andere abzuchecken. Klamotten, Handy, Autoschlüssel, alles sagt was aus über dich.

Es ist Freitagnacht, kurz nach eins, und in der Lobby trifft man viele schöne Menschen. Sie lümmeln auf den Sofas und Sesseln rum, gern auch mal mit der Kniekehle über den Armlehnen. Haben Kapuzenpullis aus Cashmere an und T-Shirts, auf denen Herzen aus Swarovski-Steinen kleben; oder sie tragen eng geschnittene Hemden, meist die obersten zwei Knöpfe geöffnet. Hübsche Aussichten also. Irgendwie schaut das gar nicht nach der Ernsthaftigkeit einer Vier-Sterne-Herberge aus, eher wie eine klasse Party, in die man da gerade reingeplatzt ist. Auf der Treppe vor dem Eingang sitzt ein junger Typ, der offensichtlich genug hat für heute: Den Kopf gesenkt und in den Händen vergraben, in seinen dünnen Klamotten droht er sich den Tod zu holen. Wenigstens streichelt ihm eine Frau übers Haar.

Am besten stellt man sich den Rezeptionsbereich im Madlein als Chill-out-Area eines Clubs vor, jedenfalls um diese Uhrzeit. Unten im Keller schwitzen die Leute im Pacha, der ersten österreichischen Niederlassung der legendären Ibiza-Disco, und dort ist es heiß und voll. Für jene, die schlappmachen, gibt es keinen besseren Platz, um sich selbst durchzulüften, als die loungeartige Lobby, einen großen, weiten Raum mit hoher Decke. Vor allem: Sobald die Tür aufgeht, weht der Winter herein.

Der Hotelgast der New Economy will Luxus

Vor drei Jahren, als Günther Aloys endgültig die Schnauze voll hatte von dem, was er als "Jodel-Dodel-Gemütlichkeit" bezeichnet, begann er damit, sein Hotel zum bewohnbaren Designmuseum umzubauen. Aber bis auf die öffentlichen Bereiche des Hotels (zu denen auch ein asiatisch gestyltes Wellness-Areal mit viel Naturstein gehört) sind einstweilen erst 20 von 80 Zimmern umgebaut. Großzügige Zimmer sind das, mit bis zu 55 Quadratmeter teuren, dunklen Hölzern und hellen, leichten Stoffen. Und jedes mit Bildern eines anderen Künstlers dekoriert. Links vom Eingang ins Zimmer ein begehbarer Kleiderschrank, der mit einer Milchglasschiebetür zum Flur hin abschließt; im Flur selbst sind kleine viereckige Leuchten über der Fußleiste angebracht, was einem das Gefühl gibt, als schwebte man in den Raum hinein. Die Innenarchitekten lieben das Spiel mit optischen Illusionen und Brüchen: Im Badezimmer sind die Spiegel so angebracht, dass sie einen Endloseffekt erzeugen, der alles noch geräumiger erscheinen lässt. Von der Badewanne aus schaut man ins Schlafzimmer rüber, dahinter: eine Panoramafensterfront für den Blick auf die Berge und das Schauspiel Natur, das da draußen wie in einer Endlosschleife aufgeführt wird.

Der Boom der Design- oder Boutiquehotels in den Metropolen fiel zusammen mit dem Boom der New Economy. Die plötzliche und unerklärliche Geldvermehrung hat für eine neue Sorte von Hotelgast gesorgt: jung, reich, Lust auf Luxus. Aber bitte nicht den angestrengten, angestaubten Grand-Hotel-Chic, wo man sich immer benehmen muss. Es ist eine andere Haltung: Man soll auch mal die Füße auf den Tisch legen dürfen. Genau diese Haltung sorgt trotz aller Coolness für Gemütlichkeit. Die Restaurants und Bars machen Designhotels zu Kommunikationsforen, sind Treffpunkte der, nun ja: jungen Elite.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 09/2003

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