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10. Juni 2008, 11:51 Uhr

Am Anfang war das Grandhotel

Der Tourismus in den Alpen beginnt mit dem großen Palast. Wie gestrandete Ozeanriesen liegen sie gut sichtbar an Seeufern. Ihre Kinder heißen Macht, Reichtum und Prominenz. Von Marina Kramper

Ein Märchenschloss in den Bergen am See: Badrutt’s Palace Hotel© Hotelfoto

Diese Kinder sollen wachsen und gedeihen. Jahr um Jahr werden die Häuser deshalb prachtvoller. Sie bekommen Panoramapools, Tennishallen und eigene Skilifte. In der Zeit, als die Grandhotels ihren touristischen und gesellschaftlichen Siegeszug antraten, waren Reisende reich, adelig oder beides. Arme Menschen konnten dienen. Sie begleiteten ihre Herrschaften als Kindermädchen, Kammerzofe, Diener und Hauspersonal. Ihre Kammern waren unter dem Dach, hatten selten eine Heizung. Man reiste mit der ganzen Familie, blieb ein bis zwei Monate und verbrachte die Sommerfrische auf mindestens 1600 Höhenmetern.

Die High Society spielte Karten, trank Tee, schrieb Briefe und versuchte, ihre Kinder standesgemäß zu verkuppeln. Ein Spaziergang durch den Garten war den Damen genug, die Männer ertüchtigten sich beim Kricket, Golf oder Tennis. Und man zog sich mindestens dreimal am Tag um. Je später der Abend, je feiner die Klamotten. Dafür hatte man schließlich Schrankkoffer und Ankleidepersonal in die Eisenbahnwaggons wuchten- und vor Ort wieder auf Kutschen umladen lassen.

Licht- und die Schattenseiten der Hotellerie

Aber wie in jeder Familiengeschichte gibt es auch unter den Grandhotels schwarze Schafe. Eltern, die von ihren Kindern zu viel erwarten, und Kinder, die sich den Ansprüchen verweigern. Die Geschichte der Grandhotels im Schweizer Engadin kennt sie beide: Die erfolgreichen Hotels, die mit ihrer Grandezza, ihrer Größe und ihrem Ruhm Schlagzeilen machten, und die andere Geschichte, die vom Scheitern, vom Verlust, von der Cholera und vom Tod handelt. Das Engadin ist erhaben genug, beides zu vereinen.

Die Idee der Grandhotels ist aus dem Geist der Gründerzeit geboren und das Engadin mit seiner Landschaft bot sich an, die Visionen in die Natur zu übersetzen. Überall auf der Welt bauten Männer mit Visionen gigantische Bauwerke, Fabriken, Türme und Grandhotels.

Das Wettrüsten um die High Society begann in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Der Schweizer Pionier Johann Badrutt und der belgische Graf Camille de Renesse lieferten sich eine Posse um Macht und Einfluss. Badrutt gilt als der originäre Erfinder des Wintertourismus. Die Anekdote ist legendär: Er lud eine kleine Gruppe einflussreicher Londoner zu einem mehrwöchigen Winteraufenthalt in sein Hotel und machte das Angebot: "Sollte auch nur einen Tag die Sonne nicht scheinen, so zahle ich Ihnen alle Kosten Ihrer Reise".

Größenwahn im Oberengadin

St. Moritz errang bald den Rang des mondänsten Kurortes der Welt. Camille de Renesse, ein belgischer Graf und Intimfeind Badrutts, musste sich für seine gigantischen Pläne einen anderen Ort suchen. In Maloja am Silser See, am Ende des Oberengadins, wurde er fündig. Auf der Landzunge am südlichen Zipfel entstand seine Vision von Großmannssucht. Schon früh begann er, den Einheimischen mit teurer Münze das Land abzukaufen. Im Stil einer mittelalterlichen Burg ließ er auf einem Hügel oberhalb Malojas sein Schloss Belvedere errichten. Unten am See entstand ab 1881 das Hauptwerk, der Maloja Palace, ein fünfgeschossiges Riesengebäude mit drei Flügeln und einer riesigen Kupferkuppel. 300 Zimmer mit 450 Betten sollten zu einem "Reunionsplatz der aristokratischen konservativen Welt" werden. Ungefähr 20 Millionen heutiger Schweizer Franken investierte der visionäre Graf in sein Lebenswerk.

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