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Joggen oder Marathon - guter Stil hat dabei noch nie geschadet. Bei einem Laufseminar ließ sich unser Autor, sonst eher sportferner Schriftsteller, auf die Sprünge helfen.

Von Frank Schulz

Schweiß rinnt unter der Kappe hervor. Die Sonne überm Engadin hat den Zenit fast erreicht. "Heja, heja, hopp, hopp, hopp!", hallt es in meinen Ohren nach, noch von den Anfeuerungen in der Startphase des 12. Muragl-Laufs. Puls inzwischen, hier in der Ebene: 144. Die Wadenmuskeln brennen, unter den Sohlen knirscht der Pfad. Gib auf!, höhnt mein innerer Schweinehund, gleich wirst du endgültig düpiert! Ha. Wer sollte mich schon überholen. Schließlich bin ich das Schlusslicht… Doch dann bemerke ich es: Auf dem Bach neben der Strecke - ein Latschenkiefernzweig. Gemächlich, aber souverän zieht er an mir vorbei.

Und das soll nun der Höhepunkt meines Laufseminars sein! Seit 48 Stunden bange ich ihm entgegen: Was, wenn ich schlappmache? Holen die mich per Helikopter raus? Na, zur Not schieb ich's Herbert in die Schuhe. Und nicht irgendeinem, sondern Herbert Steffny. Die Bewanderten bewundern ihn, den 16-fachen Deutschen Meister in diversen Langlaufdisziplinen, Medaillengewinner bei Europameister- schaften im Marathonlauf und Olympiateilnehmer, Co- Kommentator in Funk und Fernsehen sowie langjährigen Lauftrainer. Unter anderen Joschka Fischer machte er für den Marathon fit.

Der lief ihn erstmalig mit 50. Ich bin auch 50, werde aber den Teufel tun. Drei-, viermal die Woche eine halbe Stunde dauerlaufen will ich. Eigentlich sogar bloß das gesteigerte körperliche Wohlbefinden im Alltag, das man eben am effektivsten dadurch erreicht.

In der Gruppe fällt es leichter

Nun war man noch nie die Sportskanone. "Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft", so brachte "die Lokomotive von Prag", Emil Zátopek, die Natürlichkeit seiner Passion einst auf den Punkt. Auf mich träfe eher zu: Mensch fährt. Und fuchtelt einmal die Woche beim Tischtennis herum. Immerhin raucht Mensch seit zehn Monaten nicht mehr, bis dahin allerdings 35 Jahre. Und hat inzwischen Übergewicht von 13, 14 Pfund, die sich oft anfühlen wie Kilos. Zum Laufeinstieg professionelle Anleitung dürfte nicht schaden.

Freitag, 14 Uhr, in der Lobby des luxuriösen, legeren Kempinski Grand Hôtel des Bains, St. Moritz. Ein Dutzend Sportsfreunde wird von Herbert ("Über tausend Höhenmeter duzt man sich sowieso!") in Empfang genommen. 54 Jahre alt, wettergebräunt, drahtig, krausköpfig, wird er an den nächsten zwei Tagen stundenlang dozieren, frei, flüssig, verständlich.

Zunächst aber verteilt er Schirmmützen gegen die Höhensonne sowie seinen Bestseller "Perfektes Lauftraining". Wozu brauchen wir ein Seminar, wenn man alles nachlesen kann? "Alles nicht! Eine Laufstilanalyse und individuelle Fitness-Checks sind mit Büchern natürlich nicht möglich. Ansonsten hält doppelt immer besser, erst recht didaktisch. Und in der Gruppe fällt vieles leichter."

Privat-Coaching

Der Jüngste, 26, heißt Jürgen. Ziel: Stadtmarathon Frankfurt. 63 ist die nominell Älteste, Edda, Ärztin aus Offenburg. Mit Mitte 50 erst hat sie zu laufen begonnen - und inzwischen den fünften Marathon absolviert. Auf der Chinesischen Mauer, wo sie unter den sechs Teilnehmerinnen die schnellste war. Ihr Wunsch: "Jedes Jahr ein schöner Marathon", mit der Betonung auf "schön". Nächstes Ziel daher: Hawaii.

Sei's Manfred, 49, Buchdrucker, hünenhafter, kerniger Oberfranke aus Wunsiedel; sei's Carlo, 60, italienischer Coiffeur in St. Gallen; sei's Hans-Peter, 37, leitender Marketingmann aus München, der einst die Teilnahme am New-York-Marathon in einem Preisausschreiben gewann, dort, mangelhaft vorbereitet, schlimm kollabierte und die Scharte vergangenes Jahr auswetzte - wie der Rest der Gruppe wollen sie sich vervollkommnen, im Hinblick auf die 42,195 Kilometer der Königsdisziplin, allemal aber auf Langstrecken.

Nur ein Einziger wird den Teufel tun. Muss mir das jetzt peinlich sein? "Keineswegs", beruhigt mich Herbert. "Das ist Zufall; meist sind mehr Einsteiger dabei. Allerdings machen wir auch reine Anfängerseminare." Nun, aufgrund meines Mankos werde ich Privat-Coaching genießen. Und zwar durch Assistentin Anja, promovierte Anglistin und passionierte Läuferin. Das gehört hier zum pädagogischen Prinzip: Eine Fachkraft begleitet die Spitze, eine die rote Laterne. In größeren Gruppen werden proportional mehr Betreuer eingesetzt.

Laufstilanalyse

Rein in die neuen Laufschuh, den Wanst mit der Funktionswäsche kaschiert, Sonnenbrille und Schirmmütze übergestülpt, Herzfrequenzmesser angelegt. Meinen optimalen Einstiegslaufpuls habe ich vorläufig nach der Faustformel Maximalpuls minus Lebensalter errechnet. Macht circa 130. Fantastisches Wetter, spektakuläre Naturkulisse. "Einmal um den St.-Moritz-See!"

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Von wegen. Nach drei, vier Minuten sind die andern uneinholbar. Puls: 154. Mensch keucht. Dabei soll man beständig "locker schwätzen" können, um im "aeroben Bereich" zu bleiben, wo die Muskeln mit ausreichend Sauerstoff versorgt werden. "Macht nichts", behauptet Anja. "Steigen wir halt mit Walking ein." Herbert tröstet: "Wie der Fitnesspuls erreicht wird, ist dem Körper egal." Na gut. Andererseits bin ich vorerst zu einem Laufstil verdonnert, mit dem Dreikäsehochs der 50er Jahre Dampfloks nachahmten. Nordic-Walking-Stöcke hat die Hotelrezeption, wie Anja recherchiert, keine parat. Schwein gehabt.

Weiter geht's: Gymnastik-Workshop. Ferner Filmen des Laufstils zwecks späterer Analyse: Ballen-, Fersen-, Mittelfußlauf? Pronation (Innen-) oder Supination (Außenknickfuß)? Armschwung korrekt? Körperhaltung? Bei der Besprechung nach dem gemeinsamen Abendessen stellt sich heraus: Mein Stil ist im Prinzip okay. Mensch staunt.

Und gähnt: 22.30 Uhr, und um 7.30 Uhr ist wieder Lauftreff. Das Seminar verdient sein Attribut "kompakt". Verbleibende Themen: Ernährung im Alltag und Wettkampf, Trainingsplanung von Fitness- Jogging bis Marathon, individueller Fitness-Check und Computertrainingsberatung. Was Herbert außer Erfahrung und Lauferfolge zum kompetenten Dozenten macht, ist sein Status als Diplombiologe.

Sonntag. Der große Tag. Unser Seminar lässt sich per Bus zum Start des 27 km langen Engadiner Sommerlaufs nach Sils transportieren, nur ich nach Pontresina. Von dort aus werden die letzten 10,5 km des Sommerlaufs den Muragl-Lauf bilden.

Countdown. Habe mich als Letzter postiert, um das Feld von hinten aufzurollen. Als Erste fällig: eine Sechserriege Damen mittleren Alters, auf Du und Du mit ihrem Moppel-Ich. Achtet auf eure Stöcke, Mädels! Die "Lokomotive von Hamburg" braucht gleich ein bisschen Platz! Punkt 10 Uhr. Der Startschuss (simultan mit Sils). Mit dem Knall eine Art Zeitsprung. Als ich erwache, ist der Film ein ganzes Stück vorgespult. Allerdings ohne mich.

Latschenkiefernaffäre

Um es gleich zu sagen: Ich kriege sie nicht ein, die Damenriege. Ums Verrecken nicht. Peinlicherweise bummelt außerdem die ganze Zeit mir hinterdrein ein junger Schwyzer auf seinem Mountainbike. Vorschrift. Falls ich sterbe oder so. Aus seinem Walkie-Talkie schnarrt alle naslang eine Stimme Startnummern, die bereits den ersten Kontrollpunkt passieren: "Dusig null null sägchs… dusig einhundertdreißigch…" Und dusig null sägchsundfünfzig? Als wir die letzte Straße im Ort queren, meldet der junge Radler an die absperrenden Polizisten: "Läätzscht!" Ist ja gut.

Kurz darauf, am Fuß eines recht steilen Hügels. Vollgesogene Schwämme und gefüllte Wasserbecher werden geschwenkt. Ein Pärchen, nach dem verbalen Durchpeitschen jener Sechserriege schon heimwärts gewandt, wird meiner ansichtig. Und intoniert "Heja-heja"- und "Dranbliebe!"- Rufe, die allerdings in Verlegenheit ersticken. Oder in Angst? (Ist mein Lächeln gar keins? Beiße ich gleich?)

Dennoch: Anjas und Herberts Ratschläge eingedenk, was Haltung, Atmung, Pulskontrolle angeht, läuft "es" gar nicht schlecht. Aber schon drei Kilometer nach der Latschenkiefernaffäre steige ich aus dem Wettkampf aus. Allerdings ebenfalls weisungsgemäß: Die Hüfte schmerzt, und bei Schmerzen riskiert man Verletzungen, "die einen bloß aus der Kontinuität des Trainings reißen". Ich entlasse meinen radelnden Schatten aus der Verantwortung. Dann stopfe ich die Startnummer in die Hosentasche, um nicht versehentlich angefeuert zu werden. Bin aber trotzdem so etwas wie stolz. Habe ich überhaupt schon mal in meinem Leben acht Kilometer a tempo zu Fuß zurückgelegt?

"Angenehm, den Lebenssaft in den Adern zu spüren"

Und wieder beschert mir meine besondere Lage ein besonderes Erlebnis. Als ich gemütlich weiterspaziere, ruft plötzlich jemand von hinten: "Vorsicht!" Ein offiziell wirkender Radfahrer, im Schlepptau drei schwarze Leichtathleten. Obwohl sie die dreifache Strecke wie ich hinter sich haben, federn sie mit einem Affenzahn an mir vorüber, scheinbar frisch und nahezu geräuschlos. Ein beeindruckender Moment. Anstrengend wird es dennoch gewesen sein. Unter der Dusche, wo ich sie wiedersehe, kotzt einer der internationalen Spitzensportler diskret in den Abfluss.

Bei der vorabendlichen Nachbesprechung nur zufriedene Gesichter. Wir alle sind streng "nach Puls" gelaufen, auf Herberts Zentralmaxime hin: "Drei Viertel der Leute mache ich erst mal langsamer!" Der Erfolg folgte auf dem Fuß.

Doch nicht nur die Praxis, auch die Theorie war lehrreich: Ambitionierte Langstreckler erfahren, was Carboloading, was Mitochondrien, ST- und FT-Muskelfasern sind etc. pp. Erhalten Tipps wie: Boston wirst du nicht schaffen, wenn du nie auf Asphalt bergab gelaufen bist. Orientiere dich in New York nie an dem blauen Strich, da läufst du mindestens 500 Meter länger; das ist nur die Markierungs-, nicht die Ideallinie. Aber auch Anfänger wie ich lernen alles Mögliche für sie Nützliche: Starte den Herzfrequenzmesser mit Abstand vom Nebenmann, sonst kriegst du dessen (Im-)Puls! Keine schwarzen Klamotten, die absorbieren Hitze!

Doch ist das Seminar viel mehr als die Summe seiner Details: eine Perspektive der Lebendigkeit nämlich. Edda etwa mochte nicht mehr hören, wie ihre Mitmenschen nur noch über Zipperlein schwadronierten. "Und waren sie damit durch, über die ihrer Nachbarn!"

Kurzum, es ist angenehm, den Lebenssaft in den Adern pulsieren zu spüren - zumal ab einem gewissen Alter. Herbert spricht im Zusammenhang mit dem Laufen gern von "Luxusdurchblutung". "Übrigens", fügt er wissenschaftlich wertfrei hinzu, indem er in die Beckengegend deutet, "da auch!"
Mensch, Mensch.

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