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Wo sich die Erde schneller dreht

Regen, Sonne, Wind - alle paar Minuten herrscht anderes Wetter auf Madeira. Ein Albtraum? Im Gegenteil. Man muss nur den richtigen Guide haben und den Wasserkanälen folgen. Und schon ist man am Licht.

Von Christian Ewers

Diese Schuhe müssen Traktorreifen gewesen sein in ihrem früheren Leben. Fette Gummisohle, grobes Profil, mit Schlamm verschmiert bis zum Schaft. Wo dieser Schuh auch hintritt, er prägt der Erde sein klobiges Rillenmuster ein. Und das ist eine große Hilfe an diesem Morgen auf Madeira, im Lorbeerwald von Rabaçal. Wie eine nasse Gardine hängt der Nebel zwischen den Bäumen. Auf dem Wanderweg kann man seinen Vordermann fluchen hören, aber nicht sehen. Alles hat der Dunst geschluckt, alles ist weiß. Nur die Rillen auf dem Boden sind noch erkennbar. Die rettende Spur. Die Fährte ins Ziel. Die Rillen gehören zu Ray Hartung, 45, wilde Vogelnestfrisur, Trekkingguide aus Sachsen. Seit acht Jahren arbeitet Hartung auf Madeira, er kennt jeden Trampelpfad, und vor allem weiß er, wo sich das gute Wetter versteckt. "Hündort Medor noch und eene Kurve noch räschts, dann hammor’s gäschafft", brüllt Hartung von irgendwo aus dem Dunst.

Und tatsächlich. Kleiner Anstieg, rechts in Trippelschritten um den Felsvorsprung herum, plötzlich: Licht. Hoher Himmel, königsblau, Wald in tausend Grüntönen. "Ray, sind wir noch auf Madeira?", fragt einer aus der Gruppe. "Oder hast du uns gerade auf einen anderen Planeten geschossen?" Ray Hartung lächelt still. Genau deswegen war er ja damals auf die Insel gezogen. Der gnädige Himmel. Hartung wollte nicht mehr nur diese Extremtouren, dieses ewige Duell mit Schnee und Eis und Wind. Er hatte den Montblanc bestiegen, den höchsten Berg Europas, den Aconcagua, den höchsten Amerikas, und an Achttausender-Expeditionen im Himalaya teilgenommen. Es war ein Kampf. Madeira ist ein Spiel. Wenige Regentage, jede Stunde, ja manchmal sogar jede Minute anderes Wetter. Wünsch dir was! Man muss nur wandern auf Madeira, dann scheint sich die Erde ein Stück schneller zu drehen und mit ihr die Sonne und die Wolken.

Wasserwege sind Wanderwege - 2100 Kilometer lang

Im Norden der Insel, wo Rabaçal liegt, sind die Regenwolken allerdings oft recht träge. Sie ducken sich in die tiefen Schluchten des Lorbeerwaldes und schaffen es dann nicht mehr über die Berge, so volltrunken wie sie sind. Das machten sich die Madeirer schon vor mehr als 500 Jahren zunutze. Sie schlugen Kanalrinnen in den Fels, die das Regenwasser in den trockenen Süden transportierten. Levadas heißen diese kleinen Bäche, ursprünglich angelegt von arabischen Ingenieuren und Sklaven. Heute ist ganz Madeira durchädert von Levadas. Rund 2100 Kilometer lang ist das Kanalsystem und versorgt nahezu alle landwirtschaftlichen Flächen. Wasserwege sind auf Madeira auch Wanderwege. Entlang der leise gurgelnden Levadas lässt sich die Insel bequem erkunden, die Steigung in den Bergen beträgt meistens maximal zwei Prozent. Man merkt kaum, dass es aufwärtsgeht. Die Luft ist mild, es weht ein leichter Wind, das Herz pocht nicht, und die Oberschenkel sind entspannt. Klingt nach Bummeltour. Stimmt auch. Und auch wieder nicht.

Ohne einen erfahrenen Guide wie Ray Hartung wäre man verloren im Labyrinth der Levadas. Und man muss schon wissen, wohin die Reise geht. Madeira hat sechs Mikroklimata, von tropisch und mediterran bis wüstenartig. Madeira, die liebliche Blumeninsel im Atlantik, kann lebensgefährlich sein - wenn man sie unterschätzt. Ray Hartung lehnt am Felsvorsprung, blinzelt in die Sonne und erzählt eine Geschichte, die auch am Montblanc oder am Aconcagua hätte spielen können: Vor ein paar Jahren war eine Gruppe deutscher Feuerwehrleute zum Wanderurlaub auf Madeira, alles junge Männer. Das Wetter unten am Fuß des Berges ist prächtig, Sonne, 25 Grad. Super Stimmung, in kurzen Hosen und T-Shirts ziehen die Männer los. Nach ein paar Stunden schlägt das Wetter auf dem Hauptkamm plötzlich um. Schnee, Hagel, Nebel. Die Temperatur stürzt auf den Gefrierpunkt. Die Gruppe dreht um, doch der Weg zurück ins Tal ist lang. Zu lang für zwei der Feuerwehrmänner. Sie ziehen sich Erfrierungen zu und werden ins Krankenhaus eingeliefert.

Man lernt, die Natur anders zu sehen

Am Ende der Geschichte öffnet Hartung seinen Rucksack. "Eins", sagt er und zieht ein Hemd heraus. "Zwei" - und holt einen Pullover hervor. "Drei" – eine Fleecejacke. Ein bisschen theatralisch, betont langsam macht er das. Wäre nicht nötig gewesen. Botschaft schon verstanden. Gemeinsam mit einem Guide Madeira zu erwandern ist nicht nur sicherer, man lernt auch ganz anders zu sehen. Nämlich auf die eignen Füße, auf das, was einen unmittelbar umgibt. Auf Blumen, Sträucher und Bäume, die den Weg säumen. Den alpinen Fernblick, der nach einem grandiosen Panorama sucht, gewöhnt einem Ray Hartung im dichten Lorbeerwald schnell ab. "Kopf runter", brummt er immer wieder, "unten gibt’s genügend Weltwunder." Zum Beispiel die Besenheide, die sich gern frech über die Wanderwege legt. Sie ist ein cleverer Wasserdieb. Mit ihren Nadeln fegt sie durch die Regenwolken; einige Tropfen bleiben hängen, fallen schließlich zu Boden und bewässern so ihre Wurzeln. Oder der Frauenhaarfarn. Er polstert die Levadakanäle mit seinen zarten hellgrünen Blättern aus. Was ein echtes Verdienst ist, denn viele der alten Levadas sind mit Beton ausgegossen worden.

Auf den Wegen entlang den Bächen begegnet man manchmal noch den Levadeiros. Das sind Arbeiter, die sich um die Wartung der Levadas kümmern. Sie fischen Laub, Flaschen und Zigarettenkippen aus den Kanälen – nicht aber die dicken Stoffbündel. Das ist kein Müll, das sind handgeknotete Schleusen, mit denen Bauern das Wasser auf ihre Felder lenken. Wenn man am Abend in Funchal sitzt, in einem der vielen Straßencafés, dann sieht man, wie viel Leben die Levadas in den Süden getragen haben. Die terrassenartigen Gärten an den Hängen stehen im Mai in voller Blüte. Das Gelb-Grün der Bananenstauden, das Violett der Jacaranda- Bäume, das Orange der afrikanischen Tulpenbäume – alles leuchtet.

Der Führer erzählt Bergsteiger-Abenteuer

Unsere Wangen leuchten mittlerweile auch. Ray Hartung hat mal wieder eine Runde Kurz-Lang herangeschleppt. Gläschen Poncha plus Flasche Bier. Kurz-Lang, so geht das bis tief in die Nacht, niemand geht, Hartung hält die Gruppe mit seinen Bergsteiger-Abenteuern beisammen. Er ist eben ein Typ mit echter Führungsstärke, Tempomacher in den Bergen und am Tresen. Und er passt immer auf, dass niemand böse abstürzt.

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