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Nordengland macht es wie die Schotten

Nordengland – großartige Landschaft, fantastische Städte. Doch kaum einer weiß es. Selbst die Briten nicht. Das soll sich nun ändern. Endlich, meint unser Autor.

Von Michael Steck, London

Wandern in Nordengland

Natur und Kultur dicht beieinander. Solche Landschaften finden sich nur unweit großartiger Städte wie Liverpool und Manchester. 

Der Engel des Nordens ist gewaltig. Er steht auf einem Hügel bei Gateshead im Nordosten Englands, Autofahrer können ihn von weitem schon sehen. Die Flügel des Engels haben eine Spannweite von 54 Metern, sind aus Stahl und rostig. Es ist eine Skulptur des britischen Künstlers Sir Antony Gormley. Sie steht für Kraft, Stärke und Unbeirrbarkeit. Der Engel trotzt fast 20 Jahren dort Wind und Wetter, selbst die Fluten der Winterstürme konnten ihm nichts anhaben. Er ist das perfekte Symbol.


Der englische Norden ist chronisch unterschätzt. Nicht nur auf dem europäischen Festland, auch und vor allem in Großbritannien selbst. Und das, obschon der Landesteil so viel zu bieten hat – landschaftlich, historisch und urban. Lake District und Yorkshire, vor allem aber interessante und vitale Städte – York, Leeds, Manchester, Liverpool. 15 Millionen Menschen leben im Norden Englands. Auf den Autobahnschildern hinter London steht bündig "The North", als sei der Norden ein eher anonymes Gesamtpaket. Das ist vielleicht das größte Problem: Image.

Liverpool Skyline

Die Skyline von Liverpool bei Nacht. Aus der früher heruntergewirtschafteten Arbeiterstadt ist eine der aufregendsten britischen Metropolen geworden.


Das Northern Powerhouse

Eben das soll sich ändern mit vereinten Kräften. Der Norden steht vor einem Comeback, und diese Entwicklung bündelt sich in einem selbstbewussten Begriff – "Northern Powerhouse". Es ist dies der Versuch, aus der alten Industrieregion einen Gegenpol zu London zu formen. Die Hauptstadt zieht wie ein gigantischer Magnet Energie und Wirtschaftskraft an. Und also läuft durch Großbritannien ein ökonomischer und vor allem soziokultureller Graben, der zugeschüttet werden soll. Das ist das erklärte Ziel von Premier Cameron, am Kabinettstisch sitzt mit James Wharton mittlerweile ein "Minister for the Northern Powerhouse". Camerons erster Besuch nach der Wahl im Mai führte ihn nach Stockton-on-Tees im Norden. Kanzler George Osborne wünscht sich eine Metropolregion, „die es mit jedem global Player aufnehmen kann“. Man kennt vergleichbare Rhetorik aus dem Ruhrgebiet. In Großbritannien aber sind es mehr als nur Fensterreden. Die BBC ließ den Worten auch Taten folgen und schuf in Salford am Rande von Manchester eine gigantische Zweigstelle. Von dort aus soll mittelfristig fast die Hälfte des Programms entstehen.


Jahrzehntelang, muss man wissen, wurde der Norden von Westminster bestenfalls stiefmütterlich behandelt. Die Wahrnehmungsschwelle höre direkt jenseits des Autobahnrings M 25 rund um die Hauptstadt auf, spotten viele Briten. Es ist nämlich noch nicht all zu lange lange her, dass im Parlament darüber spekuliert wurde, der Norden sei nicht zu retten und es ergebe strategisch keinen großen Sinn, dort überhaupt noch zu investieren. Es klang wie ein Todesurteil. Inzwischen ist „The North“ erwacht, auch wenn statistisch betrachtet die Wirtschaftskraft pro Kopf in London fast doppelt so hoch liegt.

Auch das ist Nordengland: Reine Eisenbahnromantik - Der Viadukt über den Nidd

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Längst drängen die Bürgermeister der großen Städte auf mehr Selbständigkeit – „Devolution“ nennt sich das und folgt grob dem schottischen Erfolgsmodell. Mehr Autonomie, mehr Befugnisse für lokale Polizei und Verkehrsbehörden, mehr Steuereinnahmen. Mehr: Föderalismus. All das, was in Deutschland in den Verantwortungsbereich von Land und Kommunen fällt, muss auf der Insel zäh verhandelt werden. "England", ätzte der Labour-Abgeordnete Graham Allen, "ist der letzte unreformierte Außenposten des alten Empires." Lord Michael Heseltine, Minister schon unter Thatcher und einer der charismatischsten Politiker im Königreich, fordert seit vielen Jahren eine Frischzellenkur für den Norden und sieht inzwischen erste Erfolge. "Die Lichter des Nordens", schrieb er in einem Beitrag für den "Daily Telegraph", "leuchten immer heller".

Das letzte Stück nicht reformierte Commenwealth


Bis sie wirklich strahlen, wird vielleicht noch eine Weile vergehen. Denn bei allem trotzigem Optimismus tun sich auch ein paar logistische Probleme auf. Die beiden Metropolen Manchester und Liverpool sind sich nicht nur auf dem Fußballplatz in inniger Rivalität verbunden. "Ich bin mir nicht mal sicher, was genau der Norden ist", sagt Hilton Dawson, der im vergangenen Jahr für die "North East Party" kandidierte und ein eigenes Regionalparlament fordert – wie es etwa die Waliser längst haben. Was für Yorkshire gut sei, müsse nicht zwangsläufig auch gut für Newcastle, Liverpool oder Manchester gelten. Nichtsdestotrotz sieht auch er keine Alternative zur Idee zum Powerhouse.
Und also berichten zunehmend auch die großen Zeitungen des Landes über "Devolution" und Metropolregion. Von denen leistet sich allerdings lediglich der „Guardian“ einen Korrespondenten vor Ort. Die übrigen Blätter berichten über den Norden nach wie vor aus: London.

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