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Schwer verliebt in Manchester

Manchester? Runtergerockte Industriestadt. Eine Depression aus Stein.  Völlig falsch, sagt unsere Autorin. Wer in England Urlaub macht und Manchester nicht besucht, verpasst eine der coolsten britischen Städte überhaupt. 

Merle Streck, Manchester

  Merle Streck ist in New York und Hamburg aufgewachsen. Sie ist 21 Jahre Alt und studiert seit zweieinhalb Jahren Geschichte und Nordamerikastudien and der "University of Manchester." Dort schreibt sie für ihre Studentenzeitschrift "The Mancunion" und genießt das pure Studentenleben in England. 

Merle Streck ist in New York und Hamburg aufgewachsen. Sie ist 21 Jahre Alt und studiert seit zweieinhalb Jahren Geschichte und Nordamerikastudien and der "University of Manchester." Dort schreibt sie für ihre Studentenzeitschrift "The Mancunion" und genießt das pure Studentenleben in England. 

stern-online

Meine Mutter hatte sich fest vorgenommen, nicht zu weinen, als sie mich vor dem Studentenwohnheim absetzte. Wir beide hatten uns das vorgenommen. Ich wusste zwar schon seit Monaten, dass ich nach Manchester ziehen würde, aber Angst hatte ich trotzdem. Viel Gutes hört man in Deutschland nicht über diese Stadt. Man hört vor allem: „Alte Industriestadt. Hässlich. Regen.” Ein paar Monate später habe ich mich an die oft abfälligen Sprüche gewöhnt. Manchester hat mich umgehauen.  Jede Stadt hat hässliche Ecken, in Hamburg regnet es auch ständig, und ja: Manchester ist eine alte Industriestadt und sie war heruntergekommen. Und vielleicht trägt auch Friedrich Engels eine kleine Mitschuld am schlechten Ruf meiner Stadt in Nordengland. 

Vor 160 Jahre veröffentlichte er sein berühmtes „Die Lage der Arbeitenden Klasse in England“. Er schrieb seine Eindrücke nieder, hauptsächlich aus Städten wie Manchester und Leeds. Engels dokumentierte die Einkommensunterschiede, den Mangel an Hygiene und die Überbevölkerung in den Slums und kam zu einem ziemlich vernichtenden Schluss: „Ich glaube, den meisten Reisenden fällt die Kleinheit und Zartheit der Statur und die Blässe auf, die man so allgemein in Manchester findet.“

Es war einmal

Heute ist Manchester das Gegenteil von blass. Die Stadt ist jung, lebendig, kreativ. Und stolz auf ihre Geschichte, der man überall begegnet. Das Symbol der Arbeiterbiene ist beispielsweise im beeindruckenden Mosaikboden des Rathauses wiederzufinden, die Biene verfolgt den Besucher aber auch sonst quer durch die Stadt - auf Laternenpfählen, Pollern, Bürgersteigen. Die Biene repräsentiert Manchesters große Rolle im Wirtschaftssystem des Königreichs. Außerdem: Alte Textilfabriken und Markthallen wurden in Hotels, Kinos oder Restaurants umgebaut.

  In Manchester liegt das zweitgrößte China Town Großbritanniens und damit das drittgrößte China Town in Europa. 

In Manchester liegt das zweitgrößte China Town Großbritanniens und damit das drittgrößte China Town in Europa. 


Und dann...explodierte eine Bombe. Vor 20 Jahren ließ die IRA mitten im Zentrum einen Sprengsatz detonieren, die "Corn Exchange", ein Handelsmarktplatz, wurde ebenso schwer getroffen wie das Einkaufszentrum "Arndale Centre". Menschen starben glücklicherweise nicht. Jedenfalls musste das Stadtzentrum danach umgebaut und umgestaltet werden, und der Schauspieler Dominic Monaghan ("Herr der Ringe") behauptete später, dass die IRA der Stadt sogar einen großen Gefallen getan hätte. Das Zentrum sei nämlich nun viel attraktiver. Klingt zwar unsensibel, aber ganz falsch liegt er nicht. Nicht nur das Zentrum kann es aufnehmen mit allen anderen Großstädten in England.

Manchester kommt gleich nach London

Manchester wuchs zu einer modernen Metropole mit mehr als 500 000 Einwohnern und wird inzwischen auch als "the second city" bezeichnet, obwohl dieser Titel an sich dem größeren Birmingham gehören müsste. Dazu beigetragen hat sicher die BBC, die 2011 ihre Nord-Zentrale in Salford Quays eröffnete und „UK Media City“ zum zweitgrößten Sitz außerhalb London machte. Die Stadt hat ohnehin eine reiche Medien-Tradition. Der renommierte Guardian hieß schließlich früher Manchester Guardian und fing dort als Regionalzeitung an.

Es hat sich seit Engels also verdammt viel getan. So viel sogar, dass Manchester in einer Umfrage des "Economist" zur lebenswertesten Stadt Großbritanniens ernannt wurde. Die Mietpreise zum Beispiel liegen 66 Prozent unter denen von London.

  Ein Hauch von Hamburger Hafen City in Manchester

Ein Hauch von Hamburger Hafen City in Manchester


Bars, Clubs und Kultur - alles in Fußrreichweite

Das Schöne an Manchester ist seine Überschaubarkeit. Auch ich habe mir die Stadt erlaufen. Vom Zentrum und Piccadilly (ja, es gibt auch ein Piccadilly bei uns!), sind es nur ein paar Schritte bis Chinatown, das fließend ins Finanzzentrum übergeht, das wiederum ans Gay Village grenzt. Die prunkvolle Haupteinkaufsstraße Market Street läuft einerseits am renovierten „Arndale Centre“ entlang und streift gleichzeitig die schrillen und bunten Vintage- und Tattooläden des Northern Quarters, eine meiner Lieblingsecken. Sie ist geprägt vom typischen "Mancunian style" – sowohl von den Läden als auch von den Leuten. Ich nenne es mal "Homeless chic", ein ungewöhnlicher, aber doch irgendwo attraktiver Kleidungsstil mit übergroßen Hemden, neonfarbenen Sportjacken aus den 80-ern und aufgerollten 90-er Jeans. Das Northern Quarter ist ein alternatives Viertel, am besten vergleichbar mit Shoreditch in London und der Schanze in Hamburg. "Ich will später in einer Band spielen und Musiker werden", erzählte mir ein leicht oder vielleicht doch schwer angetrunkener Bargast, einen Arm um seine Freundin geschlungen, die ihn stolz anlächelte. So was hört man hier oft. Und warum sollte er es nicht schaffen?  Manchester ist für seine Musikszene und Rocklegenden wie "Oasis", "The Smiths" und "Joy Division" weltberühmt. Die Blüte wird als „Madchester“ erinnert. Aus dieser Zeit stammt auch der schöne Satz „And on the sixth day God created Man(chester). Der Spruch ist eine Art inoffizielles Stadtlogo.

Szenetipps für Manchester
Kneipe - Big Hands

Das Big Hands ist eine kleine recht unscheinbare Kneipe auf Oxford Road neben der Uni. Dort wird viel Rockmusik gespielt und die Getränke sind auf jeden Fall bezahlbar.


296 Oxford Rd,Manchester

Erst Curry, dann Tanzen - Antwerp Mansion

Ein Club in der Nähe der Curry Meile. Das Haus sieht ein bisschen so aus wie ein Gespensterhaus und wird besonders oft von Studenten besucht. 

So eine Art Art - Manchester Craft

Manchester Craft and Design Center- Eine schräge Kunstgalerie mitten im Northern Quarter. 


7 Oak St,Manchester

Tea Time im Gay Village im Richmond Tea Rooms

Richmond Tea Rooms- ein Tea Room mitten in der Gay Village. Das innere sieht so aus als ob man in Alice in Wonderland gelandet ist. Jeder der mich besucht muss mit mir zu den Tea Rooms gehen, Und die Auswahl an Kuchen und Scones ist sehr beeindruckend. 


15 Richmond St,Manchester


Edel Essen - Cloud 23

Ein schickes Restaurant im 23. Stock des Hilton Hotels.


Beetham Tower, 303 Deansgate, Manchester

Beste Cocktails - The Botanist

Sehr interessantes Restaurant mit Bäumen und Pflanzen durchwachsen. Die Cocktails sind besonders gut!


78 Deansgate,Manchester

Kunst satt - Whitworth Art Gallery

In der Nähe der Univeristät Manchester befindet sich die Whitworth Art Gallery. Es ist kostenlos und man kann gut zwei Studen dort verbringen. Es ist direkt im Whitowrth Park also kann man danach einen schönen Spaziergang genießen. 

Shoppen - Affleck's Palace

Das Affleck's Palace ist ein riesiges Gebäude mitten im Northern Quarter voller witzigen Läden, viele Secondhand-Shops und Tattooläden, Das sollte man echt nicht verpassen. 

Knapp bei Kasse? Ab in die Union Bar

Besonders gut für Studenten und direkt in der Students Union. Es ist für jeden offen und die Drinks sind im Vergleich zu anderen Bars sehr günstig. 


845 Stockport Rd,Manchester


Kunst satt - Whitworth Art Gallery

In der Nähe der Univeristät Manchester befindet sich die Whitworth Art Gallery. Es ist kostenlos und man kann gut zwei Studen dort verbringen. Es ist direkt im Whitowrth Park also kann man danach einen schönen Spaziergang genießen. 


Klasse Uni, günstige Mieten - ein Eldorado für Studenten

Manchester ist schrill, eklektisch, manchmal laut (vor allem an den Wochenenden) und immer liberal. Ganz unbescheiden, ich glaube, dass wir Studenten diese Liberalität auch beeinflussen. Auf der langen Oxford Road alleine befinden sich drei hoch angesehene Universitäten. In der Weltrangliste steht „University of Manchester“ auf dem 33. Platz, die rund 40 000 Studenten machen die Universität zur drittgrößten Uni Großbritanniens. Gleich in der Nähe: die Curry Mile, asiatisches Restaurant an Restaurant. Seit ich hier lebe, macht dort jede Woche ein Laden zu. Und dafür sofort ein anderer auf. Hier essen wir. Und feiern dann im Gay Village am Kanal, denn Manchester hat die nach London größte Schwulen-Community. Auch das ist ein Ausdruck von Liberalität. Oder vielleicht eher: Linksliberalität? Alle 96 Ratsmitglieder (!) des City Council gehören zur Labour Party. Und ausgerechnet hier bei uns halten die Konservativen, die Tories, gerne ihren Parteitag ab, im alten Messezentrum in der Innenstadt. 60 000 Leute gingen im September gegen soziale Einschnitte auf die Straße.

 Marx, Engels und die Sache mit dem Fußball

Es wird also oft gesagt, dass Manchesters eher linke politische Orientierung auf Marx und besonders Engels zurückgeht. Das kann schon sein. Ich wüsste gerne, was die beiden über unsere großen Fußballvereine denken würden. United und City sind das exakte Gegenteil von "arbeitender Klasse" und eher das Symbol von modernem Manchester-Kapitalismus. Mich hat das Fußballfieber hier noch nicht angesteckt. Ich muss aber gestehen, dass Manchester für Fußballfans ein besonderes Erlebnis sein kann. Es ist die Hauptstadt des englischen Fußball, und im Herzen der Stadt liegt das „National Football Museum“ mit Relikten aus einer Zeit, als England offenbar auch mal Weltmeister war.

Wir können alles, außer Strand

Wie Ian Brown, der Leadsänger der Stone Roses, so schön sagte: "Manchester’s got everything except a beach" (Manchester hat alles außer Strand). Das trifft es ganz gut. Ein Strand fehlt tatsächlich, aber sonst haben wir alles. Vor allem haben wir hier einen besonderen Menschenschlag. Es gibt dieses Stereotyp über die Menschen in England. Er geht so: Je weiter nördlich man kommt, desto freundlicher werden die Menschen. Ich glaube, dass das stimmt. Die "Mancunians", und darauf dürfen sie stolz sein, sind gelassen und locker, und lustig und schräg. Sie sind in einem Wort: wunderbar.

Manchmal muss ich noch an den Tag meiner Ankunft denken. Wie wir vor dem Studentenwohnheim standen und wir uns gegenseitig versprachen, beim Abschied nicht zu weinen. Meine Mutter sagte dann: „Du wirst es hier lieben.“

Sie hatte Recht. 

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